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My Home is My Studio

Seit Hard- und Software für das Aufnehmen von Musik erschwinglich geworden sind, machen immer mehr Hobbymusiker ihre Wohnung zum Tonstudio. Das bringt neue Talente hervor - und professionellen Studios Probleme.

Musiksoftware, ein aktueller Computer samt guter Soundkarte, vielleicht noch ein Keyboard zum Einspielen der Songideen - mehr ist heutzutage nicht nötig, um Musik im eigenen Wohnzimmer zu produzieren. Homerecording nennt sich das und bedeutet nichts anderes, als zu Hause seine musikalischen Ideen umzusetzen. Der technische Fortschritt macht es möglich. Noch in den Achtzigern war dies nur einigen wenigen Musikern vorbehalten. Die Technik war teuer, und für die Grundausstattung musste jeder Musikus Beträge auf den Ladentisch legen, für die er auch einen neuen Kleinwagen bekommen hätte. Heute kann jeder Produzent sein - ein wenig Kleingeld und Talent vorausgesetzt.

Mark Mirza ist so ein Homerecorder, der seine Lieder nach Feierabend in den eigenen vier Wänden schreibt. In den frühen neunziger Jahren hat der Songwriter mit einem Vierspur- Kassettenrecorder angefangen, seine Musik aufzunehmen. "Da war die Qualität natürlich nicht so gut. Heute nehme ich Gitarre, Keyboard und Bass daheim auf und singe meine Texte ein. Das Schlagzeug programmiere ich dann dazu", erzählt Mirza. "Manchmal habe ich auch meine gesamte Band, die Hintermänner, im Wohnzimmer aufgenommen. Aber nur, wenn meine Frau nicht da war", scherzt er. Am Computer arrangiert und mischt er seine Songs, die schon auf einigen Samplern veröffentlicht wurden.

Songwriting per Internet

"Ohne das Internet wäre Homerecording in den letzten Jahren nicht so populär geworden", ergänzt Mirza. Der gelernte Chemie-Laborant ist gar Teil einer Band, die nur im Internet existiert: der Evil Seagulls. Über das Netz schicken sich die Musiker ihre Song-Ideen hin und her, so lange, bis am Ende das Lied steht. "Über das Netz kann ich die Kreativität von anderen Musikern in meine Songs einbringen", sagt der 43-jährige Hobbymusiker.

"Rund 100.000 Homerecorder gibt es in Deutschland", schätzt er. Viele davon tummeln sich in Internetforen, vor allem auf Homerecording.de, der größten Webgemeinschaft dieser Art im deutschsprachigen Raum. Dort prallen die Welten von Profis und Hobbyproduzenten aufeinander. "Auf dieser Seite sind allein 25.000 Musiker und Hobby-Produzenten angemeldet", sagt Mirza.

Mehr Menschen beschäftigen sich mit Musik

Florian Gypser, gelernter Tontechniker und Studiobesitzer, ist einer der Redakteure dieser Internet-Seite. "Durch Homerecording hat sich die Musiklandschaft komplett verändert. Viel mehr Leute beschäftigen sich dadurch mit Musik."

Das Phänomen Homerecording sieht Gypser aber auch kritisch: "Homerecording ist genau so schwierig zu erlernen wie ein Musikinstrument. Wenn man ein Auto hat, muss man auch erst einmal wissen, wie man es fährt." Genau hier setzen Gypser und sein Partner Holger Steinbrink an: Mit ihrer Firma audio-workshop bieten sie Workshops für Privatpersonen an, die mehr über Tontechnik, Musikproduktion oder die einschlägigen Programme erfahren wollen. "Wir haben von der stetigen Verbreitung von Homerecording profitiert. Unsere Kunden haben gemerkt, dass alles nicht so einfach ist."

Das Ende der kleinen Tonstudios

"Ein klassisch-mittelständisches Tonstudio ist heute wegen Homerecording nicht mehr existenzfähig", sagt Gypser. Die Bands produzieren sich oft selbst. Viele gehen auch eher zum ambitionierten Hobby-Produzenten um die Ecke anstatt ins teure Tonstudio. Das ist billiger. "Als Studiobesitzer braucht man heute mehrere Standbeine." Sein Hauptstandbein sind die Workshops. Seinen erlernten Beruf als Tontechniker betreibt er mittlerweile eher als Hobby.

"Homerecording wird sich in Zukunft noch weiterentwickeln", prognostiziert Mark Mirza. "Viele Bands, die ihre Musik selbst produzieren, nehmen dazu mittlerweile richtig gute Videos auf, die sie dann ins Netz stellen. Es geht immer weiter."

Josef Zechmann/DPA/DPA

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