Vor dem Fernseher wird gerockt. Plastikinstrumente machen die Spielkonsole zur Band-Ausrüstung und das Wohnzimmer zum Proberaum. Jahrelang haben die Deutschen den Trend aus Japan belächelt. Nun greift das Rock-Fieber auch hierzulande um sich. Von Nina Ernst

"Lips" heißt das neue Musikspiel für die Xbox 360© Microsoft
"Let There Be Rock" statt "Stille Nacht", "Purple Haze" statt "O Du Fröhliche": Dieses Jahr kracht es unterm Christbaum. Kurz vor Weihnachten erscheinen jede Menge neuer Musikspiele. Die richten sich vor allem an diejenigen, die es laut und rockig mögen.
Als vor rund zwei Jahren in Europa die erste Gitarrensimulation "Guitar Hero" mit passender Plastikklampfe auf den Markt gekommen ist, galten dessen Fans zunächst als Exoten. Menschen, die sich Controller in Form einer E-Gitarre umschnallen - das war für viele ein kurioses Bild. Trotzdem wurde die Serie so beliebt, dass es inzwischen drei Teile plus Erweiterungen und diverse Gitarren gibt.
Jetzt können Spieler sogar mit einer ganzen Band im Wohnzimmer abrocken. Inklusive Schlagzeug, Mikrophon und Gitarre oder Bass. Den Anfang hat im Frühjahr das Spiel "Rock Band" gemacht. Bereits ein halbes Jahr später erscheint bereits die Fortsetzung. Auch Gitarrenspezialist "Guitar Hero" kommt erstmals mit einer kompletten Bandausstattung namens "World Tour" in die Läden.
Mit rund 200 Euro ist die Komplettausstattung ebenso kosten- wie platzintensiv. Trotzdem rocken die virtuellen Gigs. Alleine ist das Musizieren relativ langweilig. Bei drei oder - mit einer gesondert gekauften Zusatzgitarre - bei vier Spielern kommen die Simulationen richtig in Fahrt. Spätestens wenn sich die Band ein Lied lang eingespielt hat, zieht einen das Geschehen in seinen Bann.
Das Treffen der auf dem Bildschirm angezeigten Noten erfordert Konzentration. Viel Zeit zum Plausch mit den Bandkollegen bleibt da nicht. Dennoch weckt das kollektive Mitwippen im Takt ein Gemeinschaftsgefühl. Das Mitschwingen passiert ganz automatisch. Selbst bei Liedern, die man nicht mag. Denn nur wer sich ganz auf den Takt einlässt, trifft alle Töne und verhindert, ausgebuht zu werden.
"Wenn man die Lieder überhaupt nicht kennt, ist es schwierig", findet Niki Welter. Der Student war sofort begeistert, als hörte, dass es ein Spiel gibt, bei dem man mit Drumsticks auf ein Plastikschlagzeug trommeln kann. Das virtuelle Musizieren gehört zu seinen Favoriten an der Spielkonsole. Den klassischen Controller mag er nicht: "Ich brauche beim Spielen mehr Lebensnähe", sagt Welter. Der angehende Lehrer findet es "herrlich, dass man mit Leuten, die kein Instrument spielen, gemeinsam Musik machen kann". Da Spieler die Menge der zu treffenden Noten wählen können, beherrschen selbst Unmusikalische die Plastikinstrumente nach kurzer Eingewöhnungszeit. Wer es komplexer mag, erstellt im Musikstudio-Modus von "Guitar Hero: World Tour" seine eigenen Songs.
Ursprünglich kommen die Musikspiele aus Japan. Dort wird schon seit Jahren an Drumcontrollern gerockt und zu Popsongs in die Saiten geschlagen. "Wir haben immer daran geglaubt, dass Musikspiele auch in den USA und Europa erfolgreich seien können, da die Begeisterung für Musik ein weltweites Phänomen ist", meint Greg LoPiccolo. Als Vice President of Product Development der Firma Harmonix ist er verantwortlich für "Rock Band 2". "Um diesen Massenmarkt zu erreichen, mussten wir nur den westlichen Geschmack treffen", sagt LoPiccolo. Die Lösung: Rockmusik statt Japan-Pop. Das Konzept geht auf. In den USA wurden die beiden Bandsimulationen sofort nach dem Marktstart ein Hit. Auch wenn viele sich nur für die günstigere Variante mit nur einem Instrument entscheiden, statt das teure Komplettset zu wählen.
LoPiccolo glaubt, dass in Japan eine andere Spielkultur existiert als in Europa. Das findet auch Yasumi Takase von Konami. Er meint, dass Japaner neuen Trends gegenüber aufgeschlossener sind und deshalb die Musikspiele dort schon populär waren, bevor hier überhaupt jemand etwas davon mitbekommen hat. Takase hat als Erfinder der Tanzmatten-Spiele stark zur Popularität der Musicgames beigetragen.
Angefangen hat das Musikfieber mit dem DJ-Spiel "Beatmania". Als die Entwickler es 1997 der Öffentlichkeit präsentiert haben, waren die Spieler so begeistert, dass gleich eine ganze Musikrichtung danach benannt wurde. Bemani heißen seitdem die Musikspiele, die man mit ungewöhnlichen Controllern steuert.
Das waren in Deutschland lange Zeit fast ausschließlich Tanzmatten-Spiele. 1998 erschien mit "Dance Dance Revolution" der erste Titel dieser Art. Takase wollte mit seinen Kollegen ein Partyspiel entwickeln, das jeder spielen kann. Nach langem Ausprobieren voller schlafloser Nächte stand das Konzept: ein Musikspiel, bei dem der Spieler auf einer speziellen Matte im Takt herumhüpft und vorgegebene Schritte vollführt.
Was in Zeiten des Wii-Balanace-Boards normal erscheint, war Ende der 90er Jahre revolutionär: ein Spiel, das man nicht mit den Händen, sondern den Füßen steuert. Die Fachpresse prophezeite "Dance Dance Revolution" ein erfolgloses Dasein. Die Menschen seien zu schüchtern für diese Hüpfpartie. Entwickler Takase sah die Kritik gelassen: "Bei einem völlig neuen Spierkonzept kann vorher niemand wissen, wie das Publikum es aufnimmt." Inzwischen gibt es von der hierzulande "Dancing Stage" genannten Reihe rund 15 Folgen. Mehr als zehn Millionen Exemplare wurden weltweit verkauft. Die große Fangemeinde trifft sich bei regelmäßigen Wettkämpfen.