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6. Dezember 2006, 18:55 Uhr

"Wir hatten den Spieler verloren"

Mit seiner ungewöhnlichen Spielkonsole "Wii" will Nintendo neue Wege gehen. Im stern.de-Interview spricht Firmenchef Satoru Iwata über einfache Spiele, schwierige Entscheidungen - und Kinder als Qualitätskontrolleure.

Nintendo-Präsident Satoru Iwata, 46, mit den "Wii"-Controllern - Symbol für einen riskanten Firmenkurs in Richtung Zukunft© Enno Kapitza

Am 8. Dezember kommt die Nintendo-Spielkonsole "Wii" in Deutschland auf den Markt, ein Gerät, das völlig anders anmutet als die Konsolen ihrer Konkurrenten. Können Sie sich an den Moment erinnern, an dem die Idee hinter "Wii" entstanden ist?

Ich erinnere mich noch gut, wie vor einigen Jahren immer mehr meiner Freunde aufhörten zu spielen. Sie wollten unsere Spiele nicht mehr in ihrem Leben haben. Da wurde mir klar, dass zwar unsere Videospiele anspruchsvoller und komplexer geworden waren, was die Technologie betrifft – wir aber etwas Bedeutendes dabei verloren hatten: den Spieler.

Viele Menschen wandten sich von Videospielen ab?

Ja. Japan war der erste Markt, in dem das passierte. Deswegen waren wir als eine der ersten Firmen mit dem Phänomen konfrontiert. Noch als wir den "Gamecube" entwickelten, glaubten wir, dass wir mit immer besserer Grafik das bieten, was unsere Kunden wollten. Als das nicht so zu sein schien, haben wir unser Denken komplett geändert. Die Industrie sah damals in immer komplizierteren Spielen mit immer längerer Spieldauer die Wege zum Erfolg. Nintendo marschierte in die entgegengesetzte Richtung – um die Spielergemeinde zu vergrößern.

Hatten Sie nie Angst vor Ihrer eigenen Courage?

Natürlich war der Weg riskant, er war ein Wagnis. Ich muss zugeben: Wir hatten etwas Angst, den neuen Kurs einzuschlagen. Aber was blieb mir übrig: Der Markt für Videospiele schrumpfte, und nichts zu tun, hätte für Nintendo bedeutet, langsam zu sterben, ohne sich zu wehren.

Gab es einen Moment, an dem Sie davon überzeugt waren, dass ihre Strategie, Nichtspieler für Videospiele zu begeistern, funktioniert?

Ich war sicher, dass die Kunden unseren neuen Ansatz irgendwann verstehen würden. Aber wusste nur nicht, wann das sein würde. Ob wir das 2004 mit dem Nintendo DS schaffen würden, dieses Jahr mit der "Wii" – oder gar erst mit einer späteren Generation. Ehrlich gesagt habe ich erst seit Mitte 2005 das Gefühl, dass die Strategie richtig war. Zu dieser Zeit begannen weltweit sehr viele Menschen Gefallen an unseren Produkten zu finden, die keine Videospieler waren. Als "Nintendogs" in Europa erschien, mochten es Kritiker und Kunden. Heute verkauft es sich dort am besten, besser als sonstwo auf der Welt. Sehr erfolgreich ist auch unser Programm "Dr. Kawashimas Gehirn Jogging".

Beim Interview im Firmensitz in Kioto: Iwata (l.), sein Sprecher Yasuhiro Minagawa und stern-Redakteur Sven Stillich (r.)© Enno Kapitza

Aber es besteht die Gefahr, dass sie die traditionelle Spielergemeinde verlieren bei Ihrer Suche nach neuen Zielgruppen. Die Grafikleistung der "Wii" zum Beispiel kann mit der Ihrer Konkurrenten nicht mithalten.

Natürlich sehnen sich viele Spieler nach immer besserer Grafik, und das sind meist diejenigen, deren Meinung in Internet-Foren zählt – aber auch in dieser Gruppe gibt es Leute, die der Grafikwettlauf langweilt. Was aber bringt die beste Grafik, wenn sie das Spiel selbst nicht besser macht? Außerdem werden die Hardcore-Gamer die ersten sein, die "Wii" spielen wollen, weil sie das neue "Zelda" spielen möchten. Gelegenheitsspieler auf der anderen Seite suchen nach neuen, frischen Erlebnissen. Das kann ein grafisches Erlebnis sein, aber auch die neue Steuerung der "Wii". Beide Gruppen suchen etwas Einzigartiges, und das ist unsere Konsole. Aber ich verstehe Ihre Frage: Noch im Mai dieses Jahres gab es selbst bei Nintendo Leute, die Angst hatten, dass die "Wii" außerhalb Japans nicht verstanden werden würde. Diese Angst verschwand erst, als wir im nach Amerika flogen zur weltgrößten Messe unserer Branche, der Electronic Entertainment Expo in Los Angeles – und dort die Freude auf den Gesichtern der Mehrheit der Fachbesucher sahen. Da wussten endlich alle: Oh ja, unser Kurs war der Richtige.

Unter dem Strich jedoch bleibt: Nintendo zieht sich im punkto Grafik aus dem Dreikampf der Konsolen zurück. Ist das für Sie eine Niederlage?

Keinesfalls. Ich habe das bislang niemandem gegenüber so formuliert – aber es gibt zwei weitere Gedanken hinter "Wii": Wenn ich die Geschichte der Videospiele betrachte, dann mussten wir bislang immer, wenn es neue Konsolen gab, mehr Zeit und Energie aufwenden, um Spiele dafür zu entwickeln. Und bislang hat es sich auch gelohnt. Selbst wenn wir zehn Mal mehr Geld in die Entwicklung gesteckt hatten, konnten wir zehn Mal mehr Umsatz von einem Spiel erwarten. Auf diese Weise ist die Industrie in der Vergangenheit gewachsen. Unsere Voraussage jedoch ist: Das Umsatzwachstum wird nicht mithalten können mit dem Wachstum der Ausgaben für die Spielentwicklung. Also haben wir intern über die Möglichkeiten diskutiert, dem Trend zu begegnen, immer teurere, aufwendigere Spiele erschaffen zu müssen. Unsere Antwort ist: Indem wir attraktive Spiele entwickeln, die sich einzigartig steuern lassen. Die andere Überlegung: Wenn Sie sich heute ansehen, wie über das Internet gespielt wird, konzentriert sich die Branche viel zu sehr auf Wettbewerbe: Wer ist der erste beim Autorennen, wer ist der Beste von allen Spielern. Ich denke, dieser Fokus ist falsch. Die größte Attraktion des Internets ist, dass dort jeder alles machen kann, dass jeder seinen eigenen Spielplatz erschaffen kann. Wir wollen, dass jeder, der mag, von überall auf der Welt, etwas beitragen kann zu etwas Großem, Beispiellosem. Wir wollen, dass online rund um die "Wii" eine Unterhaltungsarena entsteht, in dem Menschen sich aufhalten und alles miteinander teilen können.

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