Eigentlich wollte Kolumnist Scheibe nur ein paar Pokemon-Karten bei Ebay ersteigern. Daraus wurde schnell ein Vernichtungswettkampf, der den ganzen Tag andauerte. Und am Ende stand eine Niederlage.

Alisa und Linus sind im Pokemon-Fieber© Carsten Scheibe
Die lieben Kinderlein. Neulich kamen sie aus dem Kindergarten nach Hause und äußerten in ungewohnter Eintracht einen Wunsch ganz besonderer Natur: "Papa, wir brauchen Pokemon-Karten". Was insofern seltsam war, weil die Kinder doch noch nie eine Pokemon-Folge im Fernsehen gesehen hatten. Ich dachte eigentlich auch, der irrsinnige Pokemon-Rummel wäre jetzt langsam endlich einmal abgeebbt. Aber mitnichten. Linus erzählt: "Lukas hat ganz viele Karten. Der würde mit uns auch tauschen, wenn wir auch eigene Karten haben."
Das ständige Gequengel erweicht meine Frau. Gut, es gibt Pokemon-Karten. Aber nur, wenn die Kinder sie vom eigenen Geld bezahlen. Das Sparschwein wird geschlachtet und Mutter und Kinder ziehen gemeinsam von dannen. Eine Stunde später ist meine Frau mit zwei glücklichen Kindern wieder da. Sie selbst ist kreidebleich: "Mensch, sind diese Karten teuer". Wir packen sie aus. In englischer Sprache sind sie auch noch, hat der Verkäufer im Kiosk leider nicht freiwillig erwähnt. Aber egal: Die Kinder können eh noch nicht lesen und sind zufrieden. Schnell basteln sie sich einen Ordner, in dem sie die Karten ablegen können. "Kämpfen" können Sie auch mit den neuen Karten: Sie zählen einfach alle Kreise auf der Karte zusammen. Wer die meisten Kreise hat, gewinnt. So wird das also im Kindergarten gespielt.
Die Sucht lässt den Wortschatz der Kinder schrumpfen. Sie sagen den ganzen Tag nur noch eins: "Mehr Karten". Das Sparschwein mit Omas Fünfern ist aber leer, und wir wollen nicht gutes Geld für so teure Karten ausgeben. Doch der japanophile Wunsch verebbt einfach nicht, was neu ist. Ansonsten lässt sich doch so mancher innige Kinderwunsch einfach nach der bewährten Helmut-Kohl-Methode aussitzen. Dieses Mal nicht. Da kommt mir ein genialer Gedanke. Ich könnte doch beim Online-Auktionshaus Ebay nachschauen, ob da nicht vielleicht ein inzwischen älter gewordenes Kid seine Karten verkauft. Von einem früheren Test habe ich ja noch eine eigene Zugangs-ID, sodass eine Anmeldung wegfallen kann.
Flugs rufe ich die Ebay-Seite auf und gebe den Suchbegriff "Pokemon Karten" ein. Na bitte. 562 Auktionen liegen zur gleichen Zeit an. Sie alle bieten mir genau das, was ich suche: Karten satt. Die Beschreibungen sagen mir freilich nix. Ich weiß nicht, was eine Holo-Karte ist und habe auch keine Ahnung davon, warum eine "Blaine's Arcanine" so super selten ist, dass man sie einzeln verkaufen muss. Ich bin rein auf Masse aus und stoße auf ein Angebot, das sich in meinen Ohren sehr gut anhört. "600 Pokemon-Karten", alle in schützende Hüllen verpackt. Mit drei seltenen Trainerkarten, was auch immer das nun wieder sein mag. Ein Foto zeigt einen dicken Packen Karten, der dreimal so hoch ist wie eine zum Vergleich eingeblendete Zigarettenschachtel. Hui, ganz schön viele Karten sind das. Ich schiele auf den Preis, der bei mickrigen sechs Euro liegt. Ein echtes Schnäppchen. Auch wenn noch mal vier Euro Porto dazukommen. Mein nächster Blick zielt auf den Countdown, der aufzeigt, wie lange meine Auktion noch läuft. Nur noch fünf Minuten. Jetzt aber schnell. Und alles im Dienst der Kinder.
Ich gebe mein "Maximalgebot" vor und erhöhe das bereits vorhandene Gebot um 50 Cents. Dann klicke ich auf "Bieten" und bestätige das Ganze mit meinem Namen und meinem Passwort. Doch sofort meldet eBay: "Es tut uns Leid, aber Sie wurden von einem anderen Bieter überboten!" Ich staune: so schnell? Ich erhöhe noch einmal um einen Euro – wieder werde ich sofort und ohne Verzögerung überboten. Doch ich gebe nicht auf. Schnell schaukelt sich das Ganze auf zwanzig Euro hoch. Endlich werde ich bestätigt: "Sie sind zurzeit der höchste Bieter". Na bitte!