stern.de-Kolumnist Carsten Scheibe fliegt nach Amerika - und an Bord befindet sich neben Britney Spears auch die vermeintliche Schweinegrippe. Entsetzter ist er aber darüber, dass das Fliegen im Zeitalter des Computers noch immer so kompliziert ist.

Am New Yorker Times Square kam endlich Urlaubsfeeling auf© Carsten Scheibe
Auf nach Florida, Golf-Clubs testen. Mit diesem Arbeitsauftrag im Hinterkopf habe ich brav meine Hausaufgaben gemacht. Ich hab ein paar Euro in Dollar getauscht, damit ich Geld in der Tasche habe. Ich habe bereits Wochen vorab online diesen komischen neuen Online-Einreiseantrag in die USA ausgefüllt, ohne dabei in eine Abofalle zu tappen - und darf nun mit dem digitalen Segen offiziell in die USA fliegen. Und ich habe mein Notebook dabei, damit ich vor Ort auch arbeiten kann.
Leider hat's dieses Mal nicht geklappt mit der Direktverbindung Berlin - Düsseldorf - Orlando. Und so musste ich Berlin - New York - Orlando buchen. Mit nur zwei Stunden Aufenthalt in New York. Das ist immer doof, denn dann muss ich in New York durch die Immigration, was ewig dauern kann und in den engen Kellergewölben des Uralt-Flughafens alles andere als angenehm ist. Mit etwas Pech stehe ich da so lange Schlange, dass mein Anschlussflug gefährdet ist.
In Berlin-Tegel standen die Fluggäste sozusagen einmal um den Block herum an, um ihre Koffer einzuchecken. Ich weiß nicht, woran es liegt. Aber immer, wenn ich nach New York fliege, kommt jemand noch beim Anstehen auf mich zu und erzählt mir freudestrahlend, dass ich "ausgewählt" sei. Nur stichpunktartig natürlich, nix Schlimmes. Beim letzten Mal musste ich meine Koffer an Ort und Stelle öffnen, um alles Zeugs mit Batterien drin hervorzukramen. Zum Glück hatte ich keine Vibratoren dabei, denn die Leute aus der Schlange konnten mir alle in den offenen Koffer starren, während ich Rede und Antwort stand. Dieses Mal bekam ich nur Fragen an den Kopf geworfen. Ob ich die Koffer alleine gepackt habe. Ob sie unbeaufsichtigt waren. Ob andere wohl Gelegenheit dazu gehabt hatten, Sprengstoff, Drogen, tote Waschbären oder Schlimmeres in den Koffer zu schmuggeln. Ich hatte nur eine Gegenfrage: Warum ich? Und warum NUR ich? Könnte man so eine Bestätigung nicht leicht auf elektronischem Weg von ALLEN Fluggästen einfordern? Himmel - wir leben doch im digitalen Zeitalter. Selbst die Tickets werden elektronisch ausgespuckt.
Das Chaos ging munter weiter. Bereits in Tegel sagte man mir, dass der Flieger Verspätung haben würde. In New York war wohl schlechtes Wetter und unser Flieger war da nur mit ordentlichem Delay (ist englisch für "Verspätung", muss mich an die Sprache anpassen) losgekommen. Man versprach aber, dass der Pilot auf dem Rückweg kräftig auf die Tube drücken würde: "Das holt der locker wieder rein". Falls ich aber doch meinen Anschlussflieger verpassen sollte, hätte man schon eine Alternative für mich. Dann könnte man mich vom Zielflughafen in New York nach LaGuardia ein paar Meilen weiter fliegen. Von LaGuardia aus ginge es dann weiter nach Atlanta und von da nach Orlando. Toll. Vier Flüge anstelle von zweien.
Noch in der Berliner Wartehalle für den New-York-Flug beugte sich plötzlich ein Fluggast vor und übergab sich über den gesamten Gang. Dann sank er fiebrig in sich zusammen und rührte sich nicht mehr. Eine halbe Stunde dauerte es, bis endlich doch eine Reinigungskraft kam, um das Malheur wegzumachen. Wahrscheinlich verstand sie das störungsbehaftete Ansagesystem des Flughafens nicht: "Eine Reinigungskraft bitte schnell zum Abflugschalter Bitzlzzztttz-zzzz!"
Dann rauschten erst ein Offizieller und dann ein Team von der Flughafen-Feuerwehr an. Mit Erste-Hilfe-Kasten. Der Blutdruck wurde gemessen, Fragen wurden gestellt. Wir dachten alle nur an eins - Schweinegrippe! Dem war aber anscheinend doch nicht so, denn der Mann durfte an Bord und wir hoben dann auch bald ab. Informationen gab es für uns natürlich auch nicht. Und natürlich saß der Kollabierte in der gleichen Reihe wie ich, nur durch die mittleren Sitzplätze getrennt. Als ausgebildeter Biologe überlegt man da schon, dass ein Flugzeug doch ein wunderbarer Bakterien- und Virenverteiler ist.
Mehr von Carsten Scheibe Carsten Scheibe geht unter die textBOOSTer und bringt die Texte anderer in Form, sodass sie sich frisch, verständlich und kundenorientiert lesen lassen. Ganz egal, ob es um Homepages, Newsletter oder um PowerPoint-Präsentationen geht: Nicht nur auf die äußere Form, sondern auch auf den Inhalt kommt es an. Wer Probleme hat, selbst die richtigen Worte zu finden, beauftragt eben einen professionellen Buchstabenjongleur.