Aus die Maus

5. November 2010, 18:00 Uhr

stern.de-Kolumnist Carsten Scheibe lässt den Vorhang fallen: Seit vielen Jahren erscheint jeden Freitag seine Kolumne auf stern.de - zu Themen rund um den PC. Die Kolumne dieser Woche ist allerdings die letzte. Es ist ein Abschied mit Wehmut, aber auch einer mit Chancen.

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Freitag ist Freutag. So hieß es damals in seligen Kindertagen, als die neue "Micky Maus" immer am Freitag am Kiosk aufschlug. Später hatte der letzte Werktag der Woche aus anderer Sicht eine wichtige Bedeutung für mich. Dann machte die Schule mal ein Wochenende lang Pause, später war am Freitag immer das Schuften an der Uni vorbei.

In den letzten etwa acht Jahren war der Freitag für mich immer ein besonderer Arbeitstag. In jeder einzelnen Woche schrieb ich eine launig-humorige Glosse für den Online-Auftritt vom stern. Ziel war es hier stets, das Thema Computer einmal aus einer ganz persönlichen Sicht - nämlich meiner - aufzugreifen, um über neue Trends zu staunen, um sich über windschiefe Entwicklungen lustig zu machen oder um die Anwender selbst unter die Lupe und auf die Schippe zu nehmen.

Für einen IT-Journalisten, der vorher schon für "Chip" & Co geschrieben hatte und mit "Hot CDs" und "Pink" die allerersten Erotikmagazine für den PC am Büdchen veröffentlichte, war ein solcher Auftrag vom Dickschiff stern.de natürlich eine tolle Aufgabe. Gut fürs Image, gut für den Spaß. Nur leider zahlte der Online-stern nie so viel Geld wie der gedruckte. Sonst würde ich jetzt wohl von meiner Villa in Hawaii aus schreiben und nicht aus dem Keller in Falkensee.

Neider und Fans

Fast hätte ich den Job mit den stern.de-Glossen nie bekommen. Ein Konkurrent neidete mir den Job sehr. Sobald ich einen neuen Text für stern.de schrieb, kam vom "Kollegen" sofort eine Rundmail an alle beteiligten Redakteure. Auf mehreren Seiten führte er sehr aggressiv auf, warum ich völlig inkompetent sei, warum meine Texte schlecht sind und wie man das doch alles besser machen könnte. Das ärgerte mich sehr. Zum Glück beendete das mein Engagement nicht gleich wieder. Eher kam der Nörgelkopf auf die Schwarze Liste.

In den vielen hundert Kolumnen legte ich mich immer wieder mit verschiedenen Gruppierungen an. Besonderen Ärger gab es, als ich mir die Frauen vorknöpfte. Ich schrieb, dass Frauen nicht dazu in der Lage seien, klar und deutlich zu artikulieren, was an ihrem Rechner genau nicht funktionieren würde, wenn es darum geht, Hilfe vom kundigen Freund oder Gatten zu erhalten. Auch schrieb ich, dass die meisten von Frauen aufgespürten Viren, die den Drucker kaputt machen, leicht zu beseitigen seien, indem man einfach das versehentlich herausgelöste Druckerkabel wieder neu in den Rechner stecken würde. Das gab E-Mails ohne Ende. Ich wurde virtuell geschlachtet. Mehr "Fanpost" gab es nur, als ich mir die Apple-Fraktion vorknöpfte. Und, ach ja, die Senioren am PC, die sich einen Monster-PC mit Super-Scanner kaufen, um drei Bilder der Enkel zu verwalten.

Der Ossi aus dem Westen

Lustig: Ich bin in Berlin (West) groß geworden, lebe jetzt aber im Brandenburger Speckgürtel. Das mit dem Ost-Wohnort bekam ein erboster Leser meiner Kolumne mit. Er schrieb mir sinngemäß: "Du blöder Ossi. Kaum haben sie dir die Mauer weggenommen, da fängst du an, blöd rumzusabbeln. Halt bloß die Fresse und schwing wieder dein FDJ-Fähnchen." Der Absender wohnte in Berlin-Zehlendorf. Also genau in dem Bezirk, in dem ich selbst auch groß geworden bin. Au weia.

Lachen musste ich selbst über meine Kolumne über Tine Wittler. Ich hatte die Pressearbeit für ein CAD-Programm organisiert, das mit Wittlers Namen und Sendung warb. In der Folge riefen bei mir plötzlich Dutzende Leute an, die unbedingt Tine Wittler sprechen wollten, damit die Promifrau aus dem Fernsehen ihr Heim renovieren könne. Niemand wollte mir glauben, dass "die Wittler" bei mir nicht ihren Wohnsitz hatte. "Ey Alter, gib mir mal die Tine, sonst kriegst auf die Fresse" - das musste ich mir anhören und das schrieb ich so auch in der Kolumne. Tine Wittler fand das gut und lud mich zum Kaffee ein.

Nicht jede Kolumne in den letzten Jahren war ein Hammer. Denn wenn wir ehrlich sind, dann passiert im PC-Umfeld auch nicht mehr besonders viel. Die echten Innovationen finden im mobilen Bereich statt. Natürlich kann man auch darüber gut schreiben. Aber in den letzten Jahren habe ich aufgehört, "an das Gute in der Maschine zu glauben". Das bedeutet, dass neue Technik nicht mehr zwangsläufig meinen Puls beschleunigt.

Wünsche für die Zukunft

Diese Kolumne endet hier und heute. Nicht, weil es keine Themen mehr gibt oder ich amtsmüde bin. Eine Neuorientierung bei stern.de bereitet der langjährigen Serie aus konzeptionellen Gründen ein Ende. Der Freitag ist nun ab sofort kein stern-Tag mehr für mich. Ich werde die Gelegenheit nutzen, um meine Presseagentur (www.itpressearbeit.de) und meinen Blog (www.allemeineapps.de) voranzutreiben. Neue Glossen von mir - nun aber zu alltäglichen Themen - gibt es jeden Monat neu auf meinem Falkensee-Portal (www.falkenseeaktuell.de). Vielleicht liest man sich ja dort wieder.

Zwei Dinge wären mir noch wichtig. So denke ich, dass ein Mikro-Payment-System den Journalismus im Web neu beleben würde. Wenn die Onliner kleine Cent-Beträge für die Lektüre einzelner Texte bezahlen würden, dann könnte sich der Journalismus wieder rechnen. Und Edelfedern hätten ihre eigene Fangemeinde und könnten sich so als Umsatzbringer gezielt einzelnen Verlagen empfehlen - und immer mehr Geld für ihre Texte verlangen. Zugleich finde ich es ein Unding, dass der Online-Journalismus durch die oft angebotene Kommentar-Funktion so angreifbar geworden ist. In langen Stunden ausformulierte Texte werden durch einen einzigen launigen Kommentar eines Lesers dauerhaft ins Lächerliche gezogen und verlieren so ihre Wirkung. Das ist oft genug verletzend und respektlos. Diese "Kommentar-Trolle" haben inzwischen eine Macht bekommen, die ich sehr bedenklich finde. Meist wird an dieser Stelle nur gepöbelt, sinnvolle Kommentare zum Artikel finden nur selten statt.

Eine Glosse von Carsten Scheibe, Typemania

Mehr von Carsten Scheibe Carsten Scheibe betreibt die Pressebüro Typemania GmbH (www.itpressearbeit.de) und kümmert sich täglich für 650+ Firmen um die Pressearbeit aus den Bereichen Computer, Internet, Golf & Buch. Niedrige Preise, eine packende Schreibe, solide Erfolge: Öffentlichkeitsarbeit kann richtig Spaß machen, wenn man sie nicht so verkrampft betreibt.

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Seit 1990 lebe ich als freiberuflicher Journalist vom Schreiben. Das war schon immer ein Traum. Kurios: Als Diplom-Biologe mit Kernfach Bakteriengenetik hat es mich in den PC-Journalismus getrieben.

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