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Die Foto-Konversation

Das Internet lässt Entfernungen schrumpfen und bringt die Menschen enger zusammen. stern.de-Autor Scheibe und sein Kumpel Thomas haben dabei eine ganz neue Form der Konversation entwickelt. Sie unterhalten sich in Bildern. Auch wenn das Gespräch höchst einseitig abläuft.

Ich wohne in Falkensee. Das ist oben links über Berlin, auch wenn diese geografische Bezeichnung bei allen Erdkundelehrern dafür sorgt, dass sich ihnen die Fußnägel aufrollen. Aber das ist schon okay so, denn ich bin ja eigentlich Biologe. Zoologe, nicht Botaniker. Botanik ist die Lehre vom Tierfutter.

Mein Kumpel Thomas wohnt unten rechts unter Berlin, noch hinter Königswusterhausen. So eine Großstadt wie Berlin, die ist ganz schön groß. Mit dem Auto ist man locker über eine Stunde unterwegs, um sie zu umrunden, eher anderthalb bis zwei. Gegenseitige Besuche sind daher selten. Das ist schade, denn Thomas besitzt Sky - den Bruder passend zu meinem Golden Retriever Becky. Es gibt sogar eine You-Tube-Seite nur für Sky (http://www.youtube.com/user/thstemm), aber das ist eine eigene Geschichte. Beide Hunde spielen nur zu gern miteinander. Dank der Entfernung gelingt das aber nicht so häufig, wie alle Beteiligten sich dies gerne wünschen.

Erdkröten und Eidechsen

Thomas hat ein großes Gartengrundstück direkt im Wald. Was als Biologe mein Glück wäre, ist sein Elend. Sein einsam gelegenes Grundstück ist voller Viehzeug. Ständig geht er fast ein vor Angst, was nun schon wieder für ein merkwürdiges Tier durch seinen Garten krabbelt. Und so bekomme ich ständig Mails von ihm, in denen ich um eine Ferndiagnose gebeten werde. Texte sind gut, Fotos sind besser: Da Thomas ein großer Fan der digitalen Fotografie ist, schickt er mir einfach Fotos von dem Krabbelzeug, das er in seinem Garten aufgespürt hat. So diagnostiziere ich erst eine im Wasserbottich ersoffene Zauneidechse, was mir fast das Herz bricht, weil diese einheimischen Eidechsen zu meinen Lieblingen gehören, dann eine riesige Erdkröte und am Ende eine Ringelnatter. Die Schlange stellt sich bei einer Berührung übrigens sofort tot und beginnt wie Aas zu stinken. Eine haben wir einmal in unserem Gartenteich gefangen und meine kleine Tochter hat sie zu ihrer Mutter in die Küche getragen - der darauf folgende Schrei war grandios. Thomas findet uns widerlich, er würde nie auf den Gedanken kommen, eine Schlange anzufassen.

Thomas nutzt seine Kamera und sein E-Mail-System auch noch für andere Dinge. Weihnachten hat er etwa eine Ente gebacken. Wollte ich schon immer mal lernen. Also hat er alle Arbeitsschritte mit der Kamera dokumentiert und mir dann per Mail geschickt. Wunderbar. So kann ich das in sechs Monaten selbst einmal nachbacken.

Fotos vom selbstgemachten Kuchen

Inzwischen weiß ich genau, dass jede zweite Mail von Thomas mit einem Foto ausgestattet ist. Thomas geht mit Hund und Katze spazieren - ich kriege ein Foto. Er wagt sich an seinen ersten selbstgemachten Kuchen - Foto. Er kauft sich einen neuen Fernseher - Foto. Langsam werde ich süchtig und fange an, zu kontern. Sieh mal Thomas, am Samstag waren wir alle im Kochstudio und haben unter Anleitung eines Profikochs eine Lasagne gemacht. Sonntag waren wir auf dem Rummel, da gab es Froschschenkel, Fotos anbei. Das ist fast so, als würde man bunte Postkarten über das Internet versenden. Uns macht's jedenfalls viel Spaß.

Schade finde ich nur, dass ich nie Fotos von den Damen kriege, die bei Thomas ein- uns ausgehen. Da kommt der Herr anscheinend ganz alleine mit klar und ist auf Ratschläge vom Biologen nicht mehr länger angewiesen.

Eine Glosse von Carsten Scheibe, Typemania

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