Seit fünfzehn Jahren setzt die US-Armee Computerspiele für die Ausbildung ihrer Soldaten ein. Für Kritiker ist das ein Beweis: Am Monitor kann man das Töten trainieren. Ein Trugschluss: Experten und Fakten sprechen eine andere Sprache.

Reale Kampfeinsätze sollen durch virtuelle Übungen trainiert werden© US-Verteidigungsministerium 2007
Es ist scheinbar ganz einfach: In Ego-Shootern wird gekämpft, geschossen, getötet. Wenn das US-Militär also solche Computerspiele für die Ausbildung der eigenen Soldaten verwendet, dann doch sicher, um sie zu besseren Kriegern, kaltblütigen Killern zu machen. Und wenn erwachsene Soldaten so konditioniert werden können, was richten gewalthaltige Spiele dann erst bei Kindern und Jugendlichen an?
Auf den ersten Blick scheint diese Argumentation nachvollziehbar. Aber wie so oft ist die Realität weitaus komplexer und vielschichtiger, als es zunächst erscheint. Wir haben Experten interviewt, mit Soldaten gesprochen und Studien und Bücher gewälzt, um zu erfahren, wofür Armeen rund um den Globus Computerspiele wirklich einsetzen.
Auslöser für die Recherchen war die überraschende Stellungnahme des "Frontal 21"-Redaktionsleiters Dr. Claus Richter auf die Kritik des 21-Jährigen Matthias Dittmayer, der in einem Youtube-Video handwerkliche Fehler eines früheren Frontal-Berichts aufzeigte. Dittmayer bestritt in seinem Film, dass es möglich ist, mit Counterstrike oder anderen Ego-Shootern am PC das Zielen mit Waffen zu trainieren. Die Frontal-21-Redaktion entgegnete in einem Brief Ende 2007: "Genau das ist die Grundlage beim Training der US-Armee mit Ego-Shootern" und zitiert ausführlich aus dem Sachbuch Der virtuelle Krieg des "ct"-Redakteurs Hartmut.
Mit dieser Meinung steht Frontal 21 nicht allein: Die Spiegel-Redakteurin Barbara Supp schrieb 2002 in einem Artikel über den Amokschützen von Bad Reichenhall, bei dem der 16-Jährige vier Menschen tötete und sechs verletzte: "Von seinem Vater hat er den Umgang mit echten Waffen gelernt. Am Computer hat er geübt, wie man zielt." Um dieses Argument zu untermauern, wird unisono darauf hingewiesen, dass das US-Militär Spiele für Zielübungen nutze. Daher könne jeder an seinem heimischen PC oder Konsole das gleiche nachmachen. Aus einer Behauptung wurde eine Tatsache -- und die wird seither gebetsmühlenartig wiederholt, ohne die Fakten zu hinterfragen.
Dabei wäre es ganz einfach gewesen: Die Frontal-21-Redaktion hätte das Buch von Hartmut Gieselmann nur etwas aufmerksamer lesen müssen. Sie zitieren ihn zwar mit den Worten: "Doch das Militär setzt tatsächlich Computerspiele zur Ausbildung ein, sowohl normale Spiele als auch für das Militär angepasste Versionen." Weiter heißt es in dem Buch: "Die Liste der vom Militär genutzten Spiele umfasst auch die Spiele Half-Life und eine abgeänderte Version von Doom mit dem Namen Marine Doom". Allerdings geht Gieselmanns Ausführung noch weiter, was Frontal 21 unterschlägt, "So verwendeten die US-Marines, eine abgewandelte Doom-Version zu Übungszwecken", schreibt der Autor, "jedoch diente diese Version nicht […] für Zielübungen und zur Desensibilisierung der Rekruten, sondern zur Einübung von Gruppentaktiken und zum Vertrautwerden mit unbekanntem Gelände, das im Spiel nachgebaut wurde."
Im Klartext: Das US-Militär nutzt Computerspiele zu vielen Zwecken -- aber nicht zum Tötungstraining. Stattdessen stehen andere Einsatzziele im Vordergrund. "Viele der heutigen Aufgaben in der Armee sehr videospielartig: Man steuert eine Drohne von einer Stadt zur nächsten oder erstellt Gefechtskarten, die ähnlich wie in Spielen aussehen", erklärte der US-Journalist Noah Shachtman Anfang 2008 in einem Radio-Interview.
Shachtman betreibt das anerkannte National-Security-Blog "Danger Room" und kennt die Experimente der amerikanischen Armee mit virtuellen Welten: "Das US-Militär hat eine sehr lange Beziehung zu Spielen. Die reicht von den frühen 1940er, als potenzielle Piloten an einem sehr einfachen, ursprünglich für Freizeitparks gebauten Flugsimulator auf Coney Island in New York trainierten, bis zu Marine Doom Mitte der 90er Jahre." Shachtman zufolge setzt das US-Verteidigungsministeriums in erster Linie auf die Motivationskraft von Spielen. "Die 19- und 20-Jährigen in der Army sind wie 19- und 20-Jährige überall auf der Welt: Sie spielen die ganze Zeit Videospiele. Die Idee ist also, die bisher verwendeten, eher statischen und langweiligen Militärsimulationen zu ersetzen und die Begeisterung für Computerspiele auszunutzen, um die gewünschten Ausbildungsinhalte zu vermitteln."
Ein willkommener Nebeneffekt sei dabei aber auch Koordinationstraining: "Ich denke, dass die Spiele zur Verbesserung der Hand-Augen-Koordination führen, was sehr hilfreich sein kann."