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14. März 2008, 12:15 Uhr

Die US-Armee spielt Krieg

Seit fünfzehn Jahren setzt die US-Armee Computerspiele für die Ausbildung ihrer Soldaten ein. Für Kritiker ist das ein Beweis: Am Monitor kann man das Töten trainieren. Ein Trugschluss: Experten und Fakten sprechen eine andere Sprache.

Reale Kampfeinsätze sollen durch virtuelle Übungen trainiert werden© US-Verteidigungsministerium 2007

Es ist scheinbar ganz einfach: In Ego-Shootern wird gekämpft, geschossen, getötet. Wenn das US-Militär also solche Computerspiele für die Ausbildung der eigenen Soldaten verwendet, dann doch sicher, um sie zu besseren Kriegern, kaltblütigen Killern zu machen. Und wenn erwachsene Soldaten so konditioniert werden können, was richten gewalthaltige Spiele dann erst bei Kindern und Jugendlichen an?

Auf den ersten Blick scheint diese Argumentation nachvollziehbar. Aber wie so oft ist die Realität weitaus komplexer und vielschichtiger, als es zunächst erscheint. Wir haben Experten interviewt, mit Soldaten gesprochen und Studien und Bücher gewälzt, um zu erfahren, wofür Armeen rund um den Globus Computerspiele wirklich einsetzen.

Die Ausgangslage

Auslöser für die Recherchen war die überraschende Stellungnahme des "Frontal 21"-Redaktionsleiters Dr. Claus Richter auf die Kritik des 21-Jährigen Matthias Dittmayer, der in einem Youtube-Video handwerkliche Fehler eines früheren Frontal-Berichts aufzeigte. Dittmayer bestritt in seinem Film, dass es möglich ist, mit Counterstrike oder anderen Ego-Shootern am PC das Zielen mit Waffen zu trainieren. Die Frontal-21-Redaktion entgegnete in einem Brief Ende 2007: "Genau das ist die Grundlage beim Training der US-Armee mit Ego-Shootern" und zitiert ausführlich aus dem Sachbuch Der virtuelle Krieg des "ct"-Redakteurs Hartmut.

Mit dieser Meinung steht Frontal 21 nicht allein: Die Spiegel-Redakteurin Barbara Supp schrieb 2002 in einem Artikel über den Amokschützen von Bad Reichenhall, bei dem der 16-Jährige vier Menschen tötete und sechs verletzte: "Von seinem Vater hat er den Umgang mit echten Waffen gelernt. Am Computer hat er geübt, wie man zielt." Um dieses Argument zu untermauern, wird unisono darauf hingewiesen, dass das US-Militär Spiele für Zielübungen nutze. Daher könne jeder an seinem heimischen PC oder Konsole das gleiche nachmachen. Aus einer Behauptung wurde eine Tatsache -- und die wird seither gebetsmühlenartig wiederholt, ohne die Fakten zu hinterfragen.

Immer wieder Doom

Dabei wäre es ganz einfach gewesen: Die Frontal-21-Redaktion hätte das Buch von Hartmut Gieselmann nur etwas aufmerksamer lesen müssen. Sie zitieren ihn zwar mit den Worten: "Doch das Militär setzt tatsächlich Computerspiele zur Ausbildung ein, sowohl normale Spiele als auch für das Militär angepasste Versionen." Weiter heißt es in dem Buch: "Die Liste der vom Militär genutzten Spiele umfasst auch die Spiele Half-Life und eine abgeänderte Version von Doom mit dem Namen Marine Doom". Allerdings geht Gieselmanns Ausführung noch weiter, was Frontal 21 unterschlägt, "So verwendeten die US-Marines, eine abgewandelte Doom-Version zu Übungszwecken", schreibt der Autor, "jedoch diente diese Version nicht […] für Zielübungen und zur Desensibilisierung der Rekruten, sondern zur Einübung von Gruppentaktiken und zum Vertrautwerden mit unbekanntem Gelände, das im Spiel nachgebaut wurde."

Im Klartext: Das US-Militär nutzt Computerspiele zu vielen Zwecken -- aber nicht zum Tötungstraining. Stattdessen stehen andere Einsatzziele im Vordergrund. "Viele der heutigen Aufgaben in der Armee sehr videospielartig: Man steuert eine Drohne von einer Stadt zur nächsten oder erstellt Gefechtskarten, die ähnlich wie in Spielen aussehen", erklärte der US-Journalist Noah Shachtman Anfang 2008 in einem Radio-Interview.

Shachtman betreibt das anerkannte National-Security-Blog "Danger Room" und kennt die Experimente der amerikanischen Armee mit virtuellen Welten: "Das US-Militär hat eine sehr lange Beziehung zu Spielen. Die reicht von den frühen 1940er, als potenzielle Piloten an einem sehr einfachen, ursprünglich für Freizeitparks gebauten Flugsimulator auf Coney Island in New York trainierten, bis zu Marine Doom Mitte der 90er Jahre." Shachtman zufolge setzt das US-Verteidigungsministeriums in erster Linie auf die Motivationskraft von Spielen. "Die 19- und 20-Jährigen in der Army sind wie 19- und 20-Jährige überall auf der Welt: Sie spielen die ganze Zeit Videospiele. Die Idee ist also, die bisher verwendeten, eher statischen und langweiligen Militärsimulationen zu ersetzen und die Begeisterung für Computerspiele auszunutzen, um die gewünschten Ausbildungsinhalte zu vermitteln."

Ein willkommener Nebeneffekt sei dabei aber auch Koordinationstraining: "Ich denke, dass die Spiele zur Verbesserung der Hand-Augen-Koordination führen, was sehr hilfreich sein kann."

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KOMMENTARE (10 von 12)
 
ikaron (18.03.2008, 14:37 Uhr)
Danke
Endlich einmal ein objektiver Artikel der sich mit allen Facetten eines Problems beschäftigt, welches im TV mit Bildern aus Doom hinterlegt werden würde die irgendwann Anfang der 90er einmal aktuell gewesen sind. genauso aktuell wie die Meinung vieler Interviewpartner, die sich auf Bild-"Zeitung"-Niveau gegenseitig die Klischees um die Ohren fetzen.
Insofern Danke für einen Artikel, der sich mit Realitäten auseinander setzt. Und zwar mit aktuellen Realitäten.
Zum Thema eSports: Erstaunlich dass sich gerade die Generation beschwert, die im Woodstock-Fieber gegen die Einschränkung Ihrer eigenen Entfaltung protestierte. Diejenigen, denen die Beatles als "Buschmusik" von den eigenen Eltern verboten wurde, sind leider oft die schlimmsten Inquisatoren einer neuen Generation mit wiederum anderen Hobbie-Gestaltungen.
Aber das ganze Thema ist mittlerweile dermassen emotional belastet, dass ich dankbar bin einen nüchternen Artikel vor Augen zu haben der informiert statt zur Hexenjagd aufzurufen.
gmathol (17.03.2008, 22:50 Uhr)
Mentale Schaeden.
Da beklagen sich US Kriegsveteranen im US Fernsehen darueber das sie Schlafstoerungen haben da sie die Bilder von unbewaffneten Zivilisten die sie so zum "Spass" erschossen haben, nicht aus dem Kopf bekommen. Natuerlich hat dann die Kriegsfuehrung schuld oder der Offizier. Wieso eigentlich?
Man ist fuer die Taten die man begeht immer selbst verantwortlich!
Mit diesen Cybergames werden auch Kinder in US Rekrutierungsbueroes angezogen.
Die USA sind eine fatale Kultur des Todes.
Evil-King (17.03.2008, 11:35 Uhr)
Krieg im Cyberspace...
...wäre doch ne gute Alternative.
Bits gegen Bits.
Dann gibts auch keine Tote und Verletzte mehr unter den Menschen.
Ich frag mich übrigens was man so alles aus dem Fernsehen lernen kann bezüglich Waffen, Bedienung und Taktik. Nicht zu unterschätzen, behaupte ich...
Simulacrum (17.03.2008, 02:20 Uhr)
Sehr schade
Der Artikel zeigt sich bemüht, das Computer- und Videospielen möglichst objektiv zu betrachten und distanziert sich von der -mittlerweile leider- klassischen Sicht über "Killerspiele". Leider findet er keinen Schluss und sagt letztendlich nicht viel aus.
Da läuft ein CounterStrike Spieler amok und alle wissen sofort "es lag an den Killerspielen". Dass der Junge ein Waffennarr war, über seinen Vater an Waffen geführt wurde und Zugang dazu hatte, scheint weniger wichtig zu sein. Ist ja auch komplizierter sich mit gesellschaftlichen Problemen und deren Ursachen zu befassen.
Ich spiele seit ich 8 Jahre alt bin Computerspiele, immer schon sehr gerne Shooter. Teilweise Spiele, die auf den Index kamen. Ich war jahrelang in eSport Ligen aktiv und habe dennoch bis heute nie einen Menschen verletzt.
Über die Vereinsamung unserer Jugend, gesellschaftliche Mißstände und derlei Dinge sorge ich mich allerdings.
Damit ich nicht zu sehr abdrifte.
Ego-Shooter trainieren niemals das Töten. Nur durchs Computerspielen entsteht nicht die Idee, tatsächlich jemanden zu töten. Die Koordination und die Reaktionszeit werden hier trainiert, zusätzlich Teamarbeit, das ist auch schon alles.
PreachTheGospel (16.03.2008, 19:03 Uhr)
Cyberwar
Da die heutige Kriegsführung immer mehr auf elektronischen Wege geschieht und einzelne Soldaten sogar vernetzt sind, um eine bessere Koordinierung zu erreichen, muß dies auch geübt werden.
Aber, es ist immer dieselbe deutsche Anklage dagegen zu hören, das alles mit Waffen zu tun hat, schlecht ist und verteufelt werden muß.
Man, was ist Deutschland für eine kastrierte und bevormundete Gesellschaft geworden.
Mindsplitting (16.03.2008, 18:40 Uhr)
@hevo
Genau so werden Spieler aber generell in den Medien dargestellt. In explizit diesem artikel geht ja ja um beide Seiten in dieser Debatte. also darf ich auch zu beiden seiten etwas schreiben. Denen die spiele Realistisch als Unterhaltungsmedium wie alle anderen auch sehen und jehnen die "gegen" Spiele sind weils grad in Mode is.
hevosenkuva (16.03.2008, 18:19 Uhr)
Hey Mindsplitting, Kirche im Dorf lassen...
Von Potentiellen Killern, Psychowracks oder gar "Abschaum" kann ich hier weit und breit nix lesen.
Mindsplitting (16.03.2008, 15:55 Uhr)
Menschen ohne Ahnung...
...oderm it unzureichendem wissen sollten erstmal recherchieren. In COD4 geht es nicht um einen Rohstoff Krieg sondern um eine fiktive Nukleare Bedrohung, desweiterne spielt man nicht als Ami im Russlandkonflikt sondern als SAS Agent. Den Ami spielt man im nahen Osten. dort wird eher die Sinnlosigkeit und die Nutzlosigkeit amerikanischer Präsenz sichtbar, denn die Botschaft ist, die amis könnens nicht verhindern. Nebenbei gemerkt ein Klasse Spiel mit dem Feeling eines modernen Blockbusters.
Nebenbeigemerkt. Amoktraining mit spielen.... pfff. Umgang mit wafen an spielen lernen? Häh? Was lernt man denn bei der Bundeswehr? Eierkochen und Stiefelputzen? Amokläufe, Schlägereien und co sind ein Ausguß unserer verkorksten Gesellschaft der Egalität und Unterdrückung, wenn ein Schlüler Jahrelang gequält, verprügelt und gehänselt wird, ohne das auch nur irgendweiner was macht ist doch klar warum diese Jugendlichen irgendwann explodieren. Die Gewalt lernt man nicht in Spielen sondern auf dem Schluhof. Schießen lernt man in den Schützenvereinen in denen ab 14 jahren fleißig geübt werden darf und so mancher Kyfheuser gibt nix darauf wer mit (für deutsches Recht) umgebauten Waffen schießt.
Selbst WENN man in spielen den umgang lernen KÖNNTE, so könnte man gebausogut einen Actionstreifen gucken um zu sehen wie man die Waffen richtig Bedient. Es gibt weitaus wichtigere Probleme in unserem Land als wir Spieler. Wir haben es satt immer als Potenzielle Killer, Psyhowracks und co dargestellt zu werden. Klar gibt es Spielesüchtige, genauso wie Alkoholabhängige, Drogenabhängige und Raucher. Doch keiner dieser Menschen wird von mir verurteilt, es sind lediglich Menschen die Hilfe benötigen und von allen Seiten als Abschaum bezeichnet zu werden ist da wenig hilfreich.
Badmax (16.03.2008, 15:29 Uhr)
Alles Propaganda
Als GI in Korea morden (Crysis), in Russland als GI Rohstoffkriege gegen die Russen führen (Call of Duty 4) oder im Südamerika amerikanische Interessen durchsetzen (Ghost Recon) so sind unsere aktuellen Kriegsspiele. Im Grunde genommen werden Spieler dieser Spiele unbewusst dazu gebracht, Partei für die amerikanische "Sache" zu ergreifen. Als Cyber-GI fällt es einem auch leichter, Verständnis für amerikanische Rohstoff-Kriege abzugewinnen.
hevosenkuva (16.03.2008, 14:17 Uhr)
Mission gescheitert.
Der vorliegende Artikel eines Mitarbeiters einer Spiele-Zeitschrift gibt sich zwar redlich Mühe, mit "Vorurteilen" aufzuräumen - allerdings bleibt er im Dickicht von noch laufenden Studien und verschiedenen Meinungen hängen. Eine schlüssige Argumentation bleibt er genau so schuldig wie ein echtes Fazit. Und der schlicht unverständliche Kommentar meines verehrten Vorredners zurgat trägt noch zur weiteren Verwirrung bei; was möchte uns der Schreiber damit eigentlich sagen? Dass man zwischen zwei Missionen auch mal ins Rechtschreib-Manual schauen sollte?
Natürlich reicht jahrelanges Ego-Shooter und Taktikspiele zocken nicht aus, um einen realen Krieg zu führen. Für diese Erkenntnis braucht man weder Harvard-Professor zu sein noch die US-Armee; für ein Massaker an einer Schule, die man in- und auswenig kennt könnte es aber so gerade noch reichen. Auch wenn das Muster "durch das Gebäude marschieren, alle Türen öffnen und auf alles schießen, was sich bewegt" sicher nicht mit dem eines typischen (sogenannten) "Amok-Laufes" überein gebracht werden kann. Genau so wenig wie die Verbesserung der Hand-Augen-Koordination einem "Amokläufer" helfen kann, seine Mitschüler mit tödlicher Sicherheit niederzustrecken. Davon sind wir zum Glück weit entfernt, liebe Ego-Zocker. Also Augen zu und durch - und immer schön die gleichen ausgetretenen Argumentationspfade einschlagen wie alle anderen Süchtigen auch :o) Zum Nutzen der Gesellschaft!
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