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Der Mann, der drei Milliarden Dollar ablehnte

Evan Spiegel musste hart kämpfen, um seine Messenger-App Snapchat erfolgreich zu machen. Dabei stach der 23-Jährige sogar Facebook aus. Porträt eines erfolgreichen Eigenbrötlers.

Von Timo Brücken

Miley Cyrus ist eine "30 unter 30", eines der angeblich größten Jungtalente des Jahres. Lena Dunham gehört auch dazu, genauso wie LeBron James. Doch auf dem nächsten Cover des Magazins "Forbes", dass die Liste jährlich herausgibt, wird kein Popstar zu sehen sein, keine Schauspielerin und auch kein Basketballer. Sondern ein schmächtiger 23-Jähriger, der noch bei seinem Vater wohnt: Evan Spiegel, Gründer und CEO der Firma Snapchat.

Zusammen mit seinem ehemaligen Studienkollegen Bobby Murphy hat Spiegel eine App entwickelt, mit der sich Nutzer gegenseitig Fotos und Videos schicken können. Doch anders als etwa bei WhatsApp oder dem Facebook Messenger bleiben diese nicht auf dem Smartphone des Empfängers, sondern werden nach dem Ansehen automatisch gelöscht.

Mittlerweile nutzen rund 50 Millionen Menschen Snapchat, schätzt "Forbes". Sie verschicken damit täglich insgesamt 400 Millionen Bilder und Filme - so viele, wie bei Instagram und Facebook zusammen an einem Tag hochgeladen werden. Doch bis hierhin war es ein weiter Weg.

Nicht cool sein, aber coole Dinge bauen

Seinen Erfolg verdankt Spiegel wohl drei Personen: Einem Kommilitonen von der Uni und zwei Highschool-Schülerinnen aus Kalifornien. 2010 studierte er in Stanford und wohnte im Verbindungshaus der "Kappa Sigma", einmal über den Flur von seinem späteren Geschäftspartner Murphy. "Wir waren nicht cool", sagt der heute: "Also versuchten wir coole Dinge zu bauen." Sprich: Software zu programmieren.

Eines Tages spazierte Verbindungsbruder Reggie Brown, der beim Senden eines Fotos wohl etwas zu voreilig gewesen war, in Spiegels Zimmer . "Ich wünschte, es gäbe eine App, mit der man Bilder verschicken kann, die sofort wieder verschwinden", sagte er. Spiegel war begeistert, er soll sogar von einer "Millionen-Dollar-Idee" gesprochen haben, was er jedoch bis heute bestreitet. Wie auch immer, die Grundidee für Snapchat war geboren. Noch am selben Abend suchten sich Brown und Spiegel einen Programmierer, ihre Wahl fiel auf Murphy.

Doch die App namens Picaboo, die die drei im Juli 2011 herausbrachten, war ein Reinfall. Bis zum Ende des Sommers hatten sie noch nicht eimal 130 User aus dem App-Store heruntergeladen, Geldgeber waren nicht in Sicht und die Macher zerstritten sich. Spiegel und Murphy änderten die Passwörter des Programms, brachen den Kontakt zu Brown ab und drängten ihn so aus dem Geschäft. Den Namen der App änderten sie in Snapchat.

Die Cousine sorgte für den Boom

In den ersten Monaten nach dem Neustart blieben die Downloadzahlen jedoch mau. Spiegel widmete sich wieder seinem Studium, Murphy suchte sich einen anderen Job. Doch dann kamen die beiden kalifornischen Schülerinnen ins Spiel. Die erste war Spiegels Cousine, die an ihrer Schule in Orange County im US-Bundesstatt Kalifornien einen kleinen Snapchat-Boom auslöste. Sie zeigte ihren Mitschülern die App, und weil Facebook auf den schuleigenen iPads verboten war, benutzten die Jugendlichen ab sofort eben Spiegels Software, um sich im Unterricht Bilder zu schicken. Auch an anderen Schulen wurde das Programm immer beliebter. Bis zum April 2012 hatten es 100.000 Menschen heruntergeladen, im Dezember des Vorjahres waren es nur 2000 gewesen.

An Geld für neue Server kam Snapchat nun unter anderem dank Schülerin Nummer zwei. Die Tochter eines Partners bei der Investmentfirma Lightspeed hatte zu Hause erzählt, an ihrer Highschool sei Snapchat genauso populär wie Instagram und Angry Birds. Im April 2012 gab die Firma den App-Machern 485.000 Dollar. Nun konnte es endlich richtig losgehen. Kurz nachdem das Geld auf seinem Konto ankam, meldete Spiegel sich aus Stanford ab. Ganz ähnlich wie Facebook-Boss Mark Zuckerberg es sechs Jahre zuvor getan hatte.

Die Gründer von Snapchat und Facebook verbindet mehr, als ihnen lieb sein dürfte. Wie Zuckerberg wuchs Spiegel privilegiert auf, als Anwaltskind in der Nähe von Malibu. Wie Zuckerberg war er in der Schule ein Nerd - dessen bester Freund sein Informatiklehrer war, wie er sagt. In der sechsten Klasse baute er zum ersten Mal selbst einen Computer. Erst in der Highschool kam Spiegel aus sich heraus, wurde Club-Promoter für Red Bull und brachte seinen Vater dazu, ihm einen BMW zu kaufen. Im Snapchat-Führungsduo gilt er als der Lebhaftere, bisweilen wird er aber auch als überheblich charakterisiert. Und das könnte an seiner Begegnung mit Zuckerberg liegen.

"Wir werden euch vernichten"

Die Wege der beiden kreuzten sich zum ersten Mal Ende 2013. Spiegel hatte einige Kommilitonen überredet, ebenfalls die Uni abzubrechen und für ihn zu arbeiten. Zwischenzeitlich fungierte das Haus seines Vaters, wo der Snapchat-Gründer bis heute wohnt, als Firmenzentrale. Im November schrieb Mark Zuckerberg dem Gründer, er wolle ihn gern treffen. Über die Antwort streitet Spiegel gerade mit "Forbes". Laut dem Magazin soll er sinngemäß zurückgeschrieben haben: "Na gut - wenn du zu mir nach LA kommst." Was eine eine Journalistin des "Business Insider" "arrogant" nannte, und was Spiegel abstreitet.

Zuckerberg und die Snapchat-Macher trafen sich trotzdem. Der Facebook-Boss eröffnete Spiegel und Murphy, dass seine Firma in wenigen Tagen eine App namens Poke herausbringen werde, die sich als genaue Kopie von Snapchat herausstellte. Und er bot ihnen drei Milliarden Dollar für Snapchat. Zuckerberg wollte schlicht die Konkurrenz aufkaufen. Und falls die nicht mitmachte, war die Botschaft klar: "Wir werden euch vernichten", wie es Spiegel ausdrückt. Doch die Snapchat-Macher lehnten ab - eine der am meisten hinterfragten Geschäftsentscheidungen des Jahres. Einige attestierten Spiegel Mut, andere sprachen von Hybris. Er selbst behauptet, damals nicht am schnellen Geld interessiert gewesen zu sein. Die "New York Times" vermutet hingegen, er habe nur auf ein höheres Angebot zu einem späteren Zeitpunkt gewartet.

Das Verhältnis zu Facebook war jedenfalls zerrüttet. Zuckerberg hätte auch gut als Spiegels Mentor durchgehen können, nun waren die beiden Rivalen. Nicht zuletzt weil Snapchat schon vom Grundprinzip her eine Kampfansage an Facebook ist. Das soziale Netzwerk ist quasi die Verkörperung des Mantras "Das Internet vergisst nie". Die Inhalte der User können theoretisch von jedem kopiert, verbreitet und gespeichert werden. Solange bis sie sich nie wieder vollständig löschen lassen. Snapchat hingegen unterläuft dieses Prinzip, indem Bilder und Videos nur an ausgewählte User verschickt werden können, und diese sie auch nur für ein paar Sekunden behalten dürfen.

Schwer, ihn zu mögen

Soweit zumindest die Theorie, denn so sicher wie versprochen scheinen die Daten bei Snapchat nicht zu sein. Im vergangenen Jahr schafften es Experten, Bilder und Videos, die eigentlich gelöscht sein sollten, nachträglich aus den Speichern von Android- und Apple-Geräten auszulesen. Zu Silvester wurde schließlich ein Datenleck bekannt: Ein Hacker hatte die Usernamen und Telefonnummern von 4,6 Millionen Nutzern gestohlen und online gestellt. Allerdings mit gekürzten Nummern, der Angriff war als Warnung gedacht, weil Snapchat schon früher bekannte Sicherheitsprobleme angeblich nicht aufgearbeitet hatte.

Wie schon bei Zuckerberg, reagierte Spiegel erneut wenig demütig. Im Interview bei NBC zeigt er sich zwar sichtlich frustriert, dachte aber gar nicht daran, sich bei seinen Usern zu entschuldigen. "Technologiefirmen sind generell anfällig für Hacker", sagte er. In einer Branche, die sich so schnell entwickle wie seine, solle man außerdem nicht zu viel Zeit darauf verwenden, in die Vergangenheit zu schauen. Kurz: Hacker gibt's eben, da kann man nichts machen, lasst uns lieber nach vorn schauen. "Forbes" hat Spiegel zwar auf die Liste der "30 unter 30" gesetzt, fragt aber an anderer Stelle auch: "Liebe Snapchat-Investoren, ist das der Typ, auf den ihr eure Millionen setzen wollt?" Evan Spiegel macht es Menschen eben nicht gerade leicht, ihn sympatisch zu finden.

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