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23. Juni 2008, 14:45 Uhr

Spiel mir das Lied vom Erfolg

Was früher das Radio war, sind heute die Videospiele. Wessen Songs hier gespielt werden, der wird berühmt. Steve Schnur bestimmt mit seinen Game-Soundtracks, welche Bands ganz groß rauskommen. Von Nina Ernst

Steve Schnur sucht die Musik aus, die einen großen Anteil am Erfolg der Spiele von Electronic Arts hat© Electronic Arts

Steve Schnur weiß, was gespielt wird. Er ist einer der einflussreichsten Menschen der Musikindustrie. Viele Stars wären ohne ihn völlig unbekannt. Der 40-Jährige entscheidet, welche Rhythmen demnächst aus den Boxen schallen. Nicht im Radio, sondern an Computer und Spielkonsole.

Als Leiter der Musikabteilung des Videospieleherstellers Electronic Arts bestimmt er, welche Songs die dröhnenden Motoren bei "Need for Speed", die Torschüsse bei "Fifa" und den Partyabend bei "Die Sims" untermalen. Die Musik ist laut Schnur wie bei Filmen entscheidend für Stimmung und Spannung eines Spiels: "Sie macht mehr als die Hälfte der Emotionen aus. Musik bringt uns dazu, den Ball fester zu treten und schneller zu fahren. Sie ist verantwortlich für die Gefühle, die man investiert."

Eine schlechte Soundkulisse macht jegliche Spannung zunichte; selbst im besten virtuellen Thriller. Das hat auch die Spieleindustrie erkannt und investiert nun nicht mehr nur in Grafik und Leveldesign, sondern steckt auch viel Zeit und Geld in die Soundtracks. Manche Unternehmen lassen eigens Stücke für ihre Games komponieren und von bekannten Orchestern vertonen. Andere Videospiele stecken voller Hits von angesagten Stars. Schnur greift am liebsten auf unverbrauchte Musiker zurück, die noch niemand kennt. Für ihn hat das den Vorteil, dass die Spieler sich an der Musik noch nicht satt gehört haben. "Wenn ein Song im Radio gespielt wird, ist es bereits zu spät, ihn unterzubringen. Deshalb darf mein Team bei der Arbeit auch kein Radio hören, um sich nicht vom Mainstream beeinflussen zu lassen", sagt Schnur.

Er meint, es wäre zu einfach, sich einfach an dem Angebot der Radiosender zu bedienen. Nicht nur, weil er die Herausforderung liebt. Schnur wäre es peinlich, wenn auf einem Spiel "Fifa 09" steht, aber nur zwei Jahre alte Songs drin sind. Das würde die Käufer enttäuschen. Der Soundtrack zur Fußballreihe "Fifa" ist mittlerweile die größte Herausforderung für das Musikteam von Electronic Arts. Der Anspruch: jedes Mal mit der jährlich neuen Edition die vom Vorjahr zu übertreffen. Durch Fifa sind schon viele unbekannte Musiker zu Stars geworden. Wie "Wir sind Helden", die fast niemand kannte, bis sie in "Fifa 2004" aufgetaucht sind. Auch Avril Lavigne, Franz Ferdinad und die Scissor Sisters waren vor ihrem Auftritt in der Sportserie kaum bekannt. "Und ich kann versprechen, dass die Künstler, die in "Fifa 09" zu hören sein werden, Künstler sind, von denen man noch das ganze Jahr über hören wird", sagt Schnur. Das wissen auch die Musiker und bewerben sich massenhaft bei ihm. Sie finden es cool in einem Spiel aufzutauchen, weil sie selber in ihrer Freizeit spielen. Außerdem wissen sie, dass solch ein virtueller Auftritt ein Erfolgsgarant ist.

Trendscout für Radiosender

Auch die Radiosender kennen das gute Gespür für Trends von Schnur und dessen Kollegen. Die rufen ebenfalls bei ihm an, um zu fragen, welche Bands morgen angesagt sein werden. Um das herausfinden, betreibt Schnur eine Menge Aufwand. Für einen neuen Soundtrack sammeln er und seine Kollegen acht Monate lang Musik. Sie betreiben klassisches Trend-Scouting und reisen um die Welt. Dort besuchen sie kleine Konzerte in Kneipen und sammeln Musik aller Stilrichtungen; am liebsten von Szene-Bands fernab des Massengeschmacks. Außerdem bekommen sie Tipps von Leuten, die sie einfach auf der Straße ansprechen. "Das ist sehr wichtig, denn auf der Straße entstehen die Trends", sagt Schnur.

"Wo immer großartige Musik ist, werden wir sie finden", sagt der selbstbewusste Musikfan. Seinen Erfolg beim Aufspüren von Trends erklärt Schnur damit, dass alle Mitarbeiter seines Teams jahrelang in der Musikindustrie gearbeitet haben. Entweder bei Plattenlabels, Radiosendern oder bei MTV. Schnur war Mitglied des Gründerteams bei dem Musik-TV-Sender und hat bei mehreren Plattenfirmen gearbeitet. Irgendwann wurde ihm die schlechte Stimmung durch die Umsatzrückgänge der Industrie zu viel. Er wollte etwas völlig Neues machen und entschied sich für die Spielebranche. Steve Schnur glaubt, dass Games für die Musikbranche immer wichtiger werden, weil die Zielgruppe so viel Zeit mit Spielen verbringt. Er sagt: "Es ist sinnlos, Musik dort zu platzieren, wo die Kids es nicht mitbekommen. Zu glauben, Musik durch das Radio populär zu machen, ist in unserer Zeit etwas naiv." Denn die Jugendlichen besitzen zwar einen PC und Spielkonsolen, hören aber kein Radio mehr.

Plattenlabels der Zukunft

Die Spielefirmen hält Schnur für die Plattenlabels der Zukunft. So hat sein Arbeitgeber im letzten Jahr ein eigenes Musiklabel namens Artwerk gegründet, das bereits Musiker wie Junkie XL, Ladytron und Airbourne unter Vertrag hat. Außerdem entwickelt Electronic Arts gerade eine neue Vermarktungsmethode für Musik, die den Spielern im nächsten Jahr angeboten werden soll. Wessen Konsole ans Internet angeschlossen ist, der kann per Tastendruck am Controller einen Song kaufen, den er gerade im Spiel gehört hat.

Schnur ist momentan mit dem letzten Feinschliff am "Fifa 09"-Soundtrack beschäftigt: "Unser Ziel ist es, den größten und besten Fifa-Soundtrack aller Zeiten zu präsentieren. Gäbe es eine Weltmeisterschaft der Videospiele, wäre die kein leichteres Unterfangen als unser Vorhaben."

Steve Schnur Steve Schnur lebt und arbeitet für die Musik. Die Karriere des heute 40-Jährigen hat in den 80er Jahren bei MTV begonnen. Dort war Schnur als TV-Manager Mitglied des Gründerteams. Später hat der Musikbegeisterte bei verschiedenen Plattenfirmen wie EMI, BMG und Warner Music in leitenden Positionen gearbeitet. Außerdem hat er Musik für Filme produziert. Seit dem Jahr 2001 arbeitet Schnur beim Videospielehersteller Electronic Arts. Als Worldwide Executive of Music and Marketing ist er verantwortlich für alle Spielesoundtracks der Firma. Nebenbei doziert er regelmäßig über die Spiele- und Musikbranche und über Jugendkultur. Sein Name taucht inzwischen in vielen Listen der kreativsten und einflussreichsten Leute der Branche auf. So zählte ihn das Wall Street Journal zu den „25 wichtigsten Personen des neuen Hollywood“. Steve Schnur lebt in Los Angeles und ist Mitglied der National Academy of Recording Arts & Sciences und stellvertretender Voritzender der Grammy Foundation.

Von Nina Ernst
 
 
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