Nach mehrfachen Verschiebungen ist Sonys neue Spielkonsole da - und liefert Bilder so scharf wie nie. stern.de hat die Marktchancen der Playstation 3 analysiert und den Alleinunterhalter im Praxistest unter die Lupe genommen. Von Udo Lewalter

Schick und multimedial: Die Playstation 3 passt gut in jedes Wohnzimmer© DDP
Los Angeles, 16. Mai 2005: Mit Tempo 100 geht's in die Kurve, der vorausfahrende Jeep verspritzt beim Drift literweise Schlamm. Dreck klatscht gegen die Frontscheibe. Jetzt auf die Gerade. Vollgas. Durch den schärfer werdenden Fahrtwind schmiert der Schmutz von der Scheibe. Plötzlich ein dumpfer Knall. Ein Fahrzeug rammt in die linke Flanke des Jeeps und hebt von der Fahrbahn ab. Glassplitter schießen wie Kugeln durch die Luft. Funken sprühen, das Feuerwerk spiegelt sich auf der Frontscheibe des anderen Jeeps wider. Dann reißen Teile des Kotflügels mit einem kreischenden Lärm ab und wirbeln durch die Luft. Sie knallen auf die Motorhaube eines zurückliegenden Fahrzeugs und hinterlassen tiefe Beulen, wie ein Blick in den Rückspiegel zeigt.
Mit diesem Trailer des Rennspiels "Motorstorm" und einem halben Dutzend weiterer Clips präsentierte Sony vor zwei Jahren der Weltöffentlichkeit erstmals die Playstation 3. Die Bilder wirkten atemberaubend, fast schon real. Sonys Ziel: Die imposanten Szenen sollten die immense Leitungsfähigkeit der Playstation 3 demonstrieren - und sich förmlich in die Hirnwindungen der versammelten Presse einbrennen. Der Schachzug ging auf: Obwohl großer Zweifel daran bestand, dass hier echte Spielegrafik gezeigt wurde, verblassten die Ankündigungen der Konkurrenz auf der nachfolgenden E3-Computerspielemesse. Erst einige Wochen später wurde Gewissheit, was viele vermuteten: Die Szenen waren geschönt. Vorberechnet auf Hochleistungsrechnern und in dieser Qualität kaum umsetzbar auf der PS3. Doch warum das Blendwerk?
Umsatzbringer Nummer eins - die Spielkonsole
Sony steht unter einem enormen Druck. Die Musik- sowie die Filmsparte litten während der vergangenen Jahre massiv unter Piraterie. Auch der Unterhaltungselektronikbereich schwächelte, Sony verschlief nahezu jeden Trend. Der Walkman der Neuzeit, der iPod, kommt von Apple. Brillant designte Flachfernseher liefert Samsung. Eigenentwicklungen wie die MiniDisc setzten sich nicht durch, und Sonys Multimediamaschine PSX floppte selbst im Mutterland Japan. Das Geschäft geht schlecht.
Somit wurde das einst ungeliebte Kind - die intern lange Zeit als "verspielt" und somit unseriös geltende Playstation-Abteilung - während der vergangenen Jahre aufgrund hervorragender Ergebnisse mehr und mehr zum Dreh- und Angelpunkt des Unternehmens. Alleine im Geschäftsjahr 2005/2006 stiegen die weltweiten Umsätze der Sparte um 64 Prozent auf 1,2 Milliarden Euro.
Die Playstation 3 muss Sony in den kommenden Jahren jedoch nicht nur kräftige Umsätze bescheren, sondern soll auch dabei helfen, einen neuen Technikstandard zu etablieren: Blu-ray. Das hochauflösende Filmformat, welches gemeinsam von Sony und einem Dutzend weiterer Unternehmen entwickelt wurde, steht mit dem konkurrierenden HD-DVD-Standard im direkten Wettstreit um die Nachfolge der DVD. Die simple Erfolgsformel: Wer am Ende die Nase vorn haben will, der muss mehr Geräte verkaufen. Um Blu-ray-Spieler massiv in den Markt zu drücken, zahlt Sony bei der PS3 also kräftig drauf. So soll die Herstellung der Konsole laut einer Studie der Investmentbank Merrill Lynch mit stattlichen 900 Dollar (zirka 685 Euro) je Konsole zu Buche schlagen. Hinzu kommen dann unter anderem noch Kosten für Logistik, Marketing, Einfuhr und Lagerung. Bei einem Verkaufspreis von 599 Euro insgesamt also ein dickes Minusgeschäft, das durch die Einnahmen aus Spiele- und dem Filmverkauf wieder ausgeglichen werden soll.
Wettstreit um Marktanteile ist kein Spiel mehr
Doch nicht nur aus dem Unternehmen heraus wächst der Druck, sondern auch der Kampf um Marktanteile wird in der neuen Generation der Spielkonsolen deutlich härter geführt. Bislang dominierte Sony mit der Playstation 2 den Markt. Laut dem Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware (BIU) führte Sonys Spielekiste im vergangenen Jahr mit einem Anteil von 47 Prozent das Konsolenfeld in Deutschland an. Weltweit wurde das Gerät seit Erscheinen im März 2000 rund 120 Millionen Mal verkauft. Zum Vergleich: Vom Konkurrenzmodell Gamecube ging bis zum heutigen Tage gerade mal ein Drittel dieser Menge über den Ladentisch. Nintendos Würfel-Konsole spielte mit einem Marktanteil von rund sechs Prozent im Jahr 2006 in Deutschland praktisch keine Rolle mehr. Und fast schon außer Konkurrenz lief die Xbox. Microsoft ging es bei der Veröffentlichung ihrer ersten Konsole primär darum, Erfahrungen in einem neuen Spielfeld zu sammeln. Die Umsätze waren bei einem Marktanteil von zuletzt gerade mal vier Prozent bescheiden.
2007 zeigt sich die Situation deutlich verändert. Die Wettbewerber sind früher mit ihren Geräten auf dem Markt als Sony - und sie haben kräftig aufgerüstet. So setzt Nintendo mit der Wii-Konsole auf Innovation statt auf Grafik-Orgien. Eine kinderleichte Steuerung, der vergleichsweise niedrige Verkaufspreis von 249 Euro und das simple Spielprinzip der meisten Games sollen vornehmlich Gelegenheitsspieler ansprechen. Man löst sich von der früheren Klientel, den Vielspielern. Microsoft setzt mit der Xbox 360 auf pure Kraft und Gemeinschaft. Fast schon lebensechte Grafik dank modernster Grafik- und Mehrkernprozessoren sowie ein ausgeklügeltes Online-Modell - mit diesem Paket zielt man vornehmlich auf Hardcore-Gamer. Ein weiterer Pluspunkt: Die Architektur der Konsole gleicht der des PCs. Somit sind die Entwicklungskosten für die Hersteller vergleichsweise gering. Sony steht also mächtig unter Zugzwang. Sind die Japaner gerüstet für den Wettbewerb?
Dem interessierten Spieler stellen sich jedoch ganz andere Fragen: Was kann eine Konsole, die immerhin 599 Euro kostet? Welche Spiele gibt's zum Start? Wie leistungsfähig ist die Playstation 3? Welche Online-Funktionen bietet sie? Wie steht es um multimediale Fähigkeiten? Ist der Spielenachschub gesichert? Und wie handhabt sich die Konsole? stern.de hat den Alleskönner unter die Lupe genommen.