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Aus dem Tagebuch einer Nationalknoblerin

Am Wochenende rätselten 140 Spieler aus 32 Ländern um Wette. Anlass: Zum zweiten Mal fanden die Sudoku-Weltmeisterschaften statt - diesmal in der tschechischen Hauptstadt Prag. Impressionen einer deutschen Nationalspielerin.

Von Kerstin Wöge

Mittwoch, den 28. März 2007:

Heute Nachmittag komme ich in Prag an, als ein Mitglied des deutschen Sudoku-Nationalteams, einem sechsköpfigen Haufen von Verrückten, die (fast) nur noch in Zahlen und Quadraten denken. Nachdem ich mich mit Metro und Bus zum Hotel durchgeschlagen habe, lerne ich die endlosen Wege in der riesigen Hotelanlage kennen. Wenn man vom Zimmer zum Speisesaal will, muss man schon gut fünf bis sechs Minuten einplanen und aufpassen, dass man sich nicht in diesem Labyrinth verläuft. Allerdings verlängert sich die Zeit deutlich, sobald eine neue Horde italienischer Jugendlicher ankommt und alle Gänge rund um die Rezeption verstopft. Zumindest sind wir Sudoku-Freaks nicht allein in dem Hotel. Wobei die Jugendgruppen nicht weniger verrückt wirken als wir. Nach einem ersten Treffen mit dem Rest des deutschen Teams bin ich erleichtert: Die Chemie scheint zwischen uns zu stimmen.

Donnerstag, den 29. März 2007:

Heute Vormittag sind wir in zwangloser Runde in unserem Team noch mal die Rätsel einzeln durchgegangen, die uns erwarten; allein im Einzel-Wettbewerb 48 verschiedene Variationen. Für einen Außenstehenden müssen diese wie ägyptische Hieroglyphen wirken, auch ich habe den Großteil von ihnen vorher noch nie gesehen. Deshalb gehe ich auch mit gemischten Gefühlen an die ersten Durchgänge. Aber die anderen aus meinem Team scheinen ganz zuversichtlich zu sein. Na, mal sehen, wie es läuft! Hilfe, wir hatten gerade die Fragestunde zu den zu lösenden Sudokus. Was mache ich hier eigentlich? Ich will wieder nach Hause!

15.30 Uhr: Der erste Part (von insgesamt sechs) ist vorbei. Klasse, der Topfavorit Thomas Snyder aus den USA sitzt im Wettbewerb genau hinter mir! Meine Befürchtung: Sicher ruft er ständig vor Ablauf der Zeit, dass er fertig ist... Irgendwie werde ich mit den ersten Sudokus noch nicht richtig warm. Hoffentlich laufen die nächsten besser!

Der Ansager hat eine sehr angenehme Art; keine überflüssigen Reden, nüchtern - er versucht, die angespannte Atmosphäre aufzulockern. Während der einen Stunde hörte man im Saal keinen Ton außer dem Rascheln von Papier, Kratzen von Bleistiften und gelegentlich hektisches Radieren - und wie befürchtet zehn Minuten vor Schluss das "Finished!" von Thomas Snyder, wie erwartet! Man konnte die Köpfe der 140 Teilnehmer förmlich qualmen sehen! Nach dieser Grabesstille summt und brummt der Saal dafür nach dem Ende des ersten Teils umso lauter. Sofort bilden sich kleine Grüppchen, in denen eifrig gefachsimpelt wird. Man entdeckt eine grüne Gruppe (Philippinen), eine rote (Serbien), eine blaue (Indien), eine gelbe (Belgien), jeweils in ihren Team-T-Shirts. Einige völlig Sudoku-Abhängige versuchen, mit weiteren Trainingseinheiten im nächsten Block vielleicht doch noch etwas mehr Punkte herauszuschinden. Tja, ehe ich mich versehe, hängt auch bei mir eine "Sudoku"-Traube, und die Standardfrage: "Na, wie war's?" lässt nicht lange auf sich warten. Okay, zum Schreiben komme ich dann wohl nicht mehr.

16.20 Uhr: Zweiter Versuch, ein bisschen was zu Papier zu bringen. Gerade ist der zweite Teil vorbei. Es war ein "Sprint", 9 Sudokus in maximal 30 Minuten. Dreimal kann man raten, wer wieder als der Erste abgegeben hat... Super war die Ansage vorher, die Sudokus seien so leicht, dass wir sie unseren Kindern geben sollten! Schade nur, dass sehr viele trotzdem nicht alle in der Zeit geschafft haben... Da fühlt man sich dann schon ein wenig unfähig! Auch bei mir hat die Zeit leider nicht gereicht, mit einem Sudoku war ich fast fertig, na ja, gewertet werden aber nur die vollständig gelösten. Grummel!

16.40 Uhr: Gleich beginnt der dritte und für heute letzte Part. Das wird bei mir wohl nicht so toll, es stehen viele für mich unbekannte Sudokus auf dem Programm.

17.40 Uhr: Ich sehe nur noch Zahlen! Für heute haben wir es geschafft! Aber irgendwie bin ich jetzt so im Fluss, dass ich glatt noch weiterrätseln könnte! Meine Team-Kollegen müssen mich mit sanfter Gewalt von meinem persönlichen Sudoku-Vorrat wegbringen und zum Abendessen schleusen. Aber geübt im Multi-Tasking kann ich ja auch beim Essen Sudokus lösen... Nach dem Abendbrot werden mit Spannung die ersten Ergebnisse erwartet. Ich glaube, ich will sie gar nicht wissen, so toll lief es nicht bei mir. Ich gehe auf mein Zimmer und löse zum Entspannen noch ein paar (so ungefähr zehn) Sudokus. Tja, ganz schön abhängig... Sobald ich die Augen schließe, sehe ich nur noch Sudokus vor mir! Zum Glück birgt diese Sucht keine Nebenwirkungen, sie macht weder dick, noch Pickel - also, was soll's!

Freitag, den 30. März 2007:

Heute Morgen habe ich mein Ergebnis vom ersten Teil gesehen. 83. von 140. Na, da habe ich mich wirklich nicht mit Ruhm bekleckert! Außerdem bin ich mit Abstand die schlechteste Deutsche, peinlich, peinlich!

9.30 Uhr: So, frisch ans Werk! Schließlich wollen in den nächsten drei Stunden 22 Sudokus gelöst werden! Part vier beginnt! Nach ein paar Sekunden - mein Kopf ist schon mächtig am Qualmen - wird es plötzlich unruhig, fast ein Tumult. Keine Ahnung, was da los ist, ich rätsele weiter! Dann die Ansage: "Please stop solving!" Wieso denn das? Um mich herum weiß niemand etwas Genaues. Dann zeigt mir Roland aus meinem Team sein Rätselbuch: An Stelle der normalerweise vorgegebenen Zahlen, stehen bei ihm - wie bei einigen anderen - tschechische Buchstaben. Zuerst glaubten die Betroffenen an eine neue Form von Sudoku, allerdings stellt sich heraus, dass es wohl eher ein Druckproblem war! Natürlich ist die Aufregung groß! Alle und jeder müssen sich sofort über den Zwischenfall austauschen! Die Organisatoren sind ratlos, bis sie auf die Idee kommen, uns erst einmal die Rätsel vom nächsten Teil zu geben. Also, weiter geht's! Die Zwangspause ist vorbei!

12.00 Uhr: Puh, das war jetzt geballte Sudoku-Dröhnung! Zwei Stunden ohne Unterbrechung rätseln! Nach der Verzögerung vorhin wurde uns gleich im Anschluss die nun korrigierten Sudokus vom Part vier serviert! Trotzdem, irgendwie ist mein Sudoku-Hunger immer noch nicht gestillt! Wie gut, dass jetzt noch der dritte und letzte Teil folgt! Aber vorher gibt es einen riesigen Auflauf vor dem Saal. Aha, die neuen Ergebnisse sind herausgekommen! Klasse, ich habe mich mehrere Plätze vorgearbeitet! Das verleiht mir Schwung für den Endspurt!

13.15 Uhr: Schade, der Einzelwettbewerb ist nun vorbei!! Es hat unheimlich viel Spaß gemacht! Naja, ich werde wohl noch weiterrätseln, ich kann jetzt nicht einfach aufhören. Meine Güte, irgendwie bin ich doch ganz schön verrückt! Jetzt heißt es nur noch warten, bis die Ergebnisse herauskommen, das macht einen ganz hibbelig!

Beim Mittagessen die Lagebesprechung: Wer startet im Teamwettbewerb? Dafür werden einmal die Einzelwertungen der besten vier Teilnehmer eines jeden Teams gerechnet, und heute Nachmittag gibt es noch zwei Parts à einer Stunde, die vier ausgewählte Teammitglieder gemeinsam lösen. Da Roland und ich auf Grund der neuesten - aber noch nicht endgültigen - Ergebnisse beinahe gleiche Punktzahl erreicht haben, verzichte ich freiwillig, Deutschland wird also von den beiden Michaels (Ley und Smit), Hubert Wagner und Roland Jago vertreten. Georgios und ich werden die Rätsel zum Spaß lösen.

Samstag, den 31.3.2007:

Die Organisatoren spannen uns ganz schön auf die Folter, sie wollen uns einfach nicht die Ergebnisse des Teamwettbewerbs sagen! Aber die endgültigen Einzelplatzierungen stehen fest: Michael Ley wird uns im Finale der besten acht Teilnehmer vertreten, Michael Smit liegt auf dem 14. Platz, Hubert Wagner auf dem 45., ich habe mich bis auf den 52. Platz hochgearbeitet, Roland Jago belegt den 70. und Georgios Papoutsis den 74. Platz.

So, heute Morgen steht das Finale an. Meine Güte, als Zuschauer ist das fast so aufregend wie für die Finalisten! Diese "starten" in zwei Gruppen à vier Teilnehmer, und ihre Sudokus und natürlich auch ihre Notierungen auf dem Blatt werden auf eine Leinwand projeziert. Was für ein Glück, dass ich nicht dort oben auf der Bühne sitzen muss! Ich glaube, ich würde vor lauter Aufregung nur noch Sternchen malen... Dann setzt sich der angereiste tschechische Staatspräsident Vaclav Klaus direkt vor Hubert und mich! Meine Güte, da könnte man sich glatt berühmt vorkommen bei dem Blitzlichtgewitter, das auch uns erfasst!

Dann geht's los. Man kann fast die Anspannung knistern hören! Ach nein, ich glaube, das war nur das Rascheln des Papiers! Jedes Mal, wenn Thomas Snyder in einem Affenspeed mit seinem Stift die Reihen und Spalten seiner Lösung durchsieht, fängt der ganze Saal an zu lachen, so schnell kann man ihm auf der Leinwand gar nicht mit den Augen folgen! Bei solch einem Tempo wundere ich mich nun nicht mehr darüber, dass Thomas zuvor immer so schnell fertig wurde! Tja, es kommt, wie es kommen muss: Völlig verdient gewinnt nach einem extrem spannenden Finale Thomas Snyder aus den USA, vor dem nachnominierten Japaner Yuhei Kusui und dem Slowaken Peter Hudak. Michael Ley hat einen hervorragenden sechsten Platz belegt und hat damit gezeigt, dass Deutschland als ein ernst zu nehmender Gegner in der Spitze der internationalen Konkurrenz mitmischen kann. Bei den Teams gewinnt Japan vor den USA und der Tschechischen Republik; nachdem die ehemalige tschechische Weltmeisterin es in der Einzelwertung nicht ins Finale geschafft hatte. Schade, nach den Punkten aus der Einzelwertung lag unser deutsches Team auf dem dritten Platz, nur leider konnten wir diesen Rang in den Teamparts auf Grund von Flüchtigkeitsfehlern nicht verteidigen. Das hat uns die Bronzemedaille gekostet!

Aber was soll's! Wir werden die Chance im nächsten Jahr bei der WM in Indien erneut nutzen! Letztlich war es eine wunderschöne Erfahrung mit dem Team, unserem "Käpt'n" Johannes Susen, seiner Frau Renate und Stefan Heine, die uns tatkräftig unterstützten! Es war eine perfekt organisierte Weltmeisterschaft, in deren Rahmen sich auch viele Freundschaften mit gleichgesinnten "Verrückten" aus anderen Ländern ergeben haben, so zum Beispiel mit dem rumänischen "Team", bestehend aus nur einem Teilnehmer, und den Schweizern! Hoffentlich bleiben die Kontakte auch nach der WM weiter bestehen!

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