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17. September 2003, 08:18 Uhr

Wenn der Chef den Chat mitliest

Vergesst Geheimdienste und Polizei - Experten sagen: Die größten Überwacher sind Unternehmen. Nach der Kontrolle der E-Mails von Angestellten steht als nächstes die Kontrolle von Instant-Messaging-Diensten auf dem Programm.

Für seinen Messenger entwickelt Microsoft auch eine Firmenversion© Microsoft

George Orwell irrte doch. Es ist nicht so sehr die Regierung, die sich zum alles wissenden, alles sehenden "Big Brother" entwickelt hat, wie Orwell dies in seinem Roman "1984" beschrieb. Es ist viel mehr die Wirtschaft, die die Überwachung vorantreibt. Zurzeit werden neue Techniken entwickelt, um den E-Mail-Verkehr zu kontrollieren oder die Online-Unterhaltung - das "Instant Messaging" - unter Arbeitskollegen zu überwachen.

Vergesst das FBI

"Die Menschen sorgen sich, dass das FBI sie ausspionieren könnte", sagt Lewis Maltby, Präsident des Instituts für Arbeitsrecht. "Aber da liegen die Wahrscheinlichkeit bei eins zu einer Million. Die Chancen, dass ihr Arbeitgeber sie ausspioniert, sind aber 50-50."

Von Spionage wollen die Firmen, die diese Techniken entwickeln - wie Microsoft oder America Online (AOL), natürlich nichts wissen. Unternehmen hätten doch das Recht, die Nutzung ihre Computer und Netze zu überwachen, heißt es. Sie brauchten mehr Kontrolle, um die Sicherheit ihrer Rechner garantieren und Angriffe abwehren zu können. Einige Bereiche wie Finanzdienstleister müssten ihre Kommunikation aufzeichnen, dazu seien sie gesetzlich verpflichtet.

Firmenversionen von Instant Messengern in der Entwicklung

Microsoft, AOL und Yahoo haben bereits Firmenversionen ihrer Instant-Messaging-Programme entwickelt oder sind gerade dabei. Diese verfügen über eine Archiv-Funktion, mit der Nachrichten der Mitarbeiter aufgezeichnet werden können. Andere Features erlauben es zum Beispiel festzulegen, wer mit wem kommunizieren kann. Messages an den Chef können so auf einen bestimmten Kreis von Mitarbeitern beschränkt werden.

Kontrolle über E-Mail und Chat

MessageGate, ein Spin-Off von Boeing, bietet einen E-Mail-Filter an. Dieser analysiert, identifiziert und konfisziert gegebenenfalls E-Mails, in denen verdächtige Begriffe vorkommen und leitet sie an einen Kontrolleur weiter. In Kürze soll dies auch bei Nachrichten von Instant-Messaging-Programmen möglich sein. Microsoft entwickelt eine Windows-Rechteverwaltung (Windows Rights Management), in der festgelegt werden kann, welcher Mitarbeiter welche E-Mails lesen, ausdrucken oder weiterleiten kann. Dies solle die Weitergabe wichtiger Informationen aus Unternehmen verhindern, erklärte Microsoft. Kritiker sehen darin nur einen weiteren Versuch, die Mitarbeiter zu kontrollieren.

Praktische Umsetzung der Techniken noch unklar

Noch ist unklar wie viele Unternehmen die neuen Techniken, die ja zum Teil noch in der Entwicklung sind, einsetzen werden. Aber schon in den vergangenen Jahren haben Unternehmen wie die "New York Times", Dow Chemical, Xerox und andere Mitarbeiter "wegen unangemessener Internet-Nutzung" entlassen.

"Es wird harte Prozesse geben"

Was Datenschützern Sorge bereitet, ist das Fehlen von Gesetzen, die auf die Besonderheiten der Informationsgesellschaft angepasst sind. "Da gibt es eine ganze Reihe von Schwachstellen im Rechtssystem", sagt Ted Schadler von Forrester Research. Die Forderungen von Netzwerk-Administratoren nach Kontrolle und Sicherheit müssten mit dem Datenschutz und dem Schutz der Privatsphäre der Mitarbeiter in Einklang gebracht werden. "Es wird noch einige harte Prozesse geben", sagt Schadler.

In der Praxis entscheiden Firmen selbst

In der Praxis läuft es oft darauf hinaus, dass die Firmen selbst entscheiden, was sie noch dulden und wann es heißt, jetzt ist’s genug. "Das ist auch völlig gerechtfertigt", sagt David Weld, Chef von MessageGate. Die Firmen müssten Bedenken hinsichtlich möglicher Angriffe von Hackern, aber auch Auflagen des Gesetzgebers berücksichtigen. Und Ed Sinnet, der bei Microsoft für den Live Communication Server verantwortlich ist, der Instant Messaging an Arbeitsplatzrechnern möglich macht, sagt, ohne die Möglichkeit der Kontrolle würden viele Unternehmen diese Kommunikationsmöglichkeit ganz unterbinden.

Minenfeld für Mitarbeiter

Kritiker sehen aber gerade in der Überwachung des Instant Messagings eine große Gefahr für die Beschäftigten. Es sei gerade der lockere Plauderton im Chat mit anderen, der sich zu einem Minenfeld für die Mitarbeiter entwickeln könne, sagt Lee Tiens von der Bürgerrechtsorganisation Electronic Frontier Foundation. Möglicherweise muss sich aber auch noch so etwas wie ein reiferer Umgang mit dem Instant Messaging entwickeln, wie dies ja auch bei E-Mails geschah.

RIAA ließ Computer durchsuchen

Wie weit die technischen Möglichkeiten der Überwachung und Kontrolle gehen, zeigte sich jetzt auch im Vorgehen des Verbandes der US-Musikindustrie (RIAA) gegen die Verbreitung von Raubkopien. Hier wurden die Rechner verdächtiger Personen systematisch nach illegal kopierten Musikstücken durchsucht. Nur in einem bislang bekannten Fall wehrte sich eine Frau gegen dieses Vorgehen und protestierte über ihren Rechtsanwalt gegen die ihrer Ansicht nach illegale Durchsuchung ihres Computers.

Helen Jung
 
 
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