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11. Dezember 2006, 15:59 Uhr

Wie gefährlich sind Videospiele?

Fragen & Antworten

Nach der Schreckenstat vom Emsdetten wurde in Politik und Talkshows der Ruf nach dem Verbot sogenannter Killerspiele laut. Vor allem Eltern sind besorgt. Der stern beantwortet ihnen die zehn drängendsten Fragen zum Thema.

Computerspiele wie "Counter-Strike" sind Jugendlichen sehr beliebt. Sind sie auch schädlich?© Michael Urban/ddp

Von Maximilian Geyer, Udo Lewalter, Ulf Schönert und Sven Stillich

Was finden Kinder und Jugendliche so faszinierend an Videospielen?

"Kinder lieben Fantastisches, und diese Spiele sind Fantasielandschaften", sagt der Kinderpsychologe Wolfgang Bergmann: Im Videospiel gelten selten die Regeln der echten Welt, manchmal nicht die der Physik, und nicht immer die der Moral. Hier gibt es Blumen, die Lava speien, hier kann man zehn Meter hoch springen oder mit seiner Armee in den Städten des Gegners wüten. "Eine Rolle spielen auch Allmachtsfantasien", fügt Bergmann hinzu: "Es ist eine magische Welt, in der Kinder alles dürfen, sogar Dinge zerstören." Jürgen Fritz, Leiter des Kölner Forschungsprojekts "Wirkung virtueller Welten", sagt: "Es geht wie in allen Spielen um Erfolg, und den gibt es nur, wenn der Spieler das Spiel beherrscht." Nur dann wird er belohnt mit Macht, mit Kontrolle und mit einem guten Gefühl. Und das haben alle Spiele gemeinsam, egal, ob sie alleine am PC, über das Internet gegen andere oder über eine Konsole am Fernseher gespielt werden - es geht um den Spaß, im Spiel zu bleiben: den Ball bei "Pong"-Tennis nicht zu verlieren, ein Monster zu besiegen oder einen Gegner zuerst zu treffen und somit zu überleben. Das fasziniert nicht nur Kinder, sondern immer mehr Ältere: Laut der Bilanz 2005 des Bundesverbands Interaktive Unterhaltungssoftware (BIU) sind die Hälfte aller Computerspieler in Deutschland älter als 19 Jahre. Mehr Infos dazu bei der Bundeszentrale für politische Bildung: www.bpb.de, Stichwort "Themen > Medien".

Welche Rolle spielt Gewalt in diesen Computer- und Videospielen?

Grundprinzip des Videospiels ist in den allermeisten Fällen der Wettkampf gegen den Computer oder gegen andere. Und oft müssen Spieler Gewalt einsetzen, um zu gewinnen - diese jedoch äußert sich in vielen Formen, vom Foul beim virtuellen Fußball bis zum Kopfschuss bei einem Ballerspiel. Nicht jede Art von Gewaltdarstellung in einem Spiel ist also verwerflich - es gilt zu differenzieren wie bei einem Spielfilm. Welche Rolle Gewalt im jeweiligen Fall hat und wie bildhaft sie präsentiert wird, hängt vom Genre des Spiels ab: In einem Strategiespiel, bei dem große Armeen meist aus der Vogelperspektive dirigiert werden, ist die Darstellung von Gewalt weniger drastisch als bei einem "Ego-Shooter", in dem der Spieler die Welt über den Lauf einer Waffe sieht und Gewalt oft über die Maßen zelebriert wird. Deswegen steht diese Gattung am meisten im Zentrum der gesellschaftlichen Kritik, obwohl ihr Anteil an den verkauften Spielen nicht übermäßig hoch ist. Im September gab es unter den Top 20 der Computerspiele vier "Ego-Shooter". Mehr zum Thema: jugendschutz.net.

Wird mein Kind gewalttätig, wenn es brutale "Ego-Shooter" spielt?

Videospiele sind ein junges Medium, die Forschung dazu ist noch jünger. "Es gibt deswegen keine verlässlichen Erkenntnisse über die langfristigen Auswirkungen", sagt Tilo Hartmann, Kommunikationswissenschaftler an der Uni Erfurt: "In den ersten 20 Minuten nach dem Konsum eines gewalthaltigen Videospiels jedoch wird die Welt feindseliger gesehen." Es gibt weitere Studien, die eine gesteigerte Aggressivität während und kurz nach dem Spiel beobachten - diesen Hinweisen wird nun verstärkt nachgegangen. Aktuell jedoch gibt es keinen wissenschaftlich bewiesenen direkten langfristigen Zusammenhang zwischen virtueller und realer Gewalt. Kommt es zu Gewalt in der realen Welt, "dann ist diese immer auf das Ineinandergreifen verschiedener Faktoren zurückzuführen", sagt die Medienforscherin Tanja Witting: "Diese Faktoren liegen in erster Linie in der Person, in ihrem sozialen Umfeld und in ihrer realen Lebenssituation." Niemand wird also zum Mörder, nur weil er spielt. Es gibt jedoch ein Problem: Jeder Spieler sucht sich das Spiel aus, das zu ihm passt. "Und akzeptiert ein junger Mensch vom Grundsatz her Gewalt", so Tanja Witting, "dann können brutale Videospiele einen verstärkenden Effekt haben". Eine Forsa-Umfrage im Auftrag des stern (s. "News" auf S. 25) ergab: Trotz fehlenden wissenschaftlichen Belegs halten 72 Prozent der Deutschen brutale Computerspiele für "mitverantwortlich für die zunehmende Gewalt an Schulen". Einen guten Überblick zu diesem Thema gibt www.mediengewalt.de.

Können Spiele Kinder so in virtuelle Welten ziehen, dass sie süchtig werden?

Viele Jugendliche spielen stunden-, tage- und nächtelang am PC. Meist ist das eine pubertäre Phase, die von selbst vorbei- geht. "Bedenklich wird es, wenn sich die Balance zwischen Realem und Virtuellem verschiebt", sagt Jürgen Fritz. Manche Spieler driften in die virtuelle Welt ab: Nach einer Studie der Berliner Charité spielen neun Prozent der 11- bis 14-Jährigen exzessiv am Computer, "fünf bis sechs Prozent aller Spieler sitzen länger als 30 Stunden pro Woche vor dem PC", sagt Fritz. Die Betroffenen kapseln sich von Familie und Nichtspieler-Freunden ab, schulische oder berufliche Leistungen lassen nach. Untersuchungen legen jedoch den Schluss nahe, dass das Spiel nicht die Ursache der Sucht ist: Wer abhängig wird, wird es, weil er ohnehin eine Veranlagung zu Suchtverhalten hat. Nur die Konsole wegzunehmen hilft also nicht - vielmehr sollten Betroffene und Eltern den Rat eines Psychologen oder Arztes suchen. Mehr dazu: verhaltenssucht.de.

Was ist ein "Killerspiel" - und warum sind die nicht bereits verboten?

Das Problem: Niemand weiß, was ein "Killerspiel" sein soll und wie viel Gewalt ein Spiel - über alle Geschmacks- und Moralvorstellungen hinweg - zu einem "Killerspiel" macht. Der Inhalt des Begriffs muss definiert werden, darauf weist ein Gutachten des Deutschen Bundestags explizit hin. Geprägt wurde die Bezeichnung "Killerspiel" nach der Tragödie von Erfurt vom bayerischen Innenminister Günther Beckstein (CSU). Das "Verbot von Killerspielen" steht als Zielvorgabe im Vertrag der Großen Koalition. Nach der Bluttat von Emsdetten kündigte der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) eine Verbotsinitiative im Bundesrat an, weil "Killerspiele Jugendliche animieren, Menschen zu töten", sein Innenminister Günther Beckstein will "Killerspiele" wie Kinderpornografie bekämpfen, und der brandenburgische Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) will "konsequent gegen Spiele vorgehen, die Gewalt verherrlichen" - obwohl Gewaltverherrlichung ein Straftatbestand ist und somit gewaltverherrlichende Spiele in Deutschland bereits verboten sind.

Wer schützt bislang Kinder und Jugendliche vor ungeeigneten Spielen?

Deutschland hat, was Videospiele angeht, in Europa das strengste Verfahren zum Jugendschutz: Alle Spiele, die an Kinder und Jugendliche verkauft werden sollen, müssen von der Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) eine Freigabe bekommen. Die USK ist eine durch die Industrie finanzierte Institution, in der Spiele von Pädagogen, Psychologen und anderen Experten aus der Praxis auf Jugendverträglichkeit geprüft werden. Auf der Basis deren Prüfung entscheidet ein Vertreter der Obersten Landesjugendbehörde, ab welchem Alter ein Videospiel freigegeben ist: nur für Erwachsene, ab 16, ab 12, ab 6 Jahren oder für jedes Alter. Diese Freigabe (siehe Abbildungen oben) muss der Hersteller deutlich auf der Verpackung und auf dem Trägermedium des Spiels vermerken, Händler machen sich strafbar, wenn sie an zu junge Kunden verkaufen. Überaus brutalen Spielen verweigert die USK diese Kennzeichnung. Ein solches Videospiel kann, wenn es in Deutschland erscheint, von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien indiziert werden - was jedoch nicht mit einem Verbot gleichzusetzen ist: Diese Spiele dürfen lediglich nicht beworben und nur an Erwachsene abgegeben werden. 2005 wurden 1,5 Prozent aller 2686 geprüften Spiele die Kennzeichnung verweigert. Mehr zur USK: usk.de.

Wie erkenne ich, welche Spiele mein Kind überhaupt spielen darf?

Auch wenn niemand sagen kann, ob Videospiele gewalttätig machen: Es schadet Kindern, wenn sie Bilder zu sehen bekommen, die sie ängstigen und traumatisieren. Sie können sogar schlechter in der Schule werden, befürchtet der Kriminologe Christian Pfeiffer. Bei Videospielen ist die erste Orientierung die Altersfreigabe der Prüfstelle USK auf der Verpackung (siehe Frage 6). Für Eltern sind diese Siegel jedoch nur eine Empfehlung: Selbst Spiele ohne Altersbeschränkung sind nicht unbedingt für jedes Kind geeignet, da sie zwar harmlos, aber möglicherweise zu komplex sein könnten. So hängt es also immer von der Reife des einzelnen Kindes ab, welche Spiele geeignet sind - und die sollten Eltern am besten beurteilen können. Hilfe bei der Alterseinstufung und alle USK-Freigaben gibt es auf zava tar.de, schau-hin.info gibt gute Tipps zu Spielen und Medienkompetenz.

Woher bekommen Kinder und Teenis Spiele, die für sie nicht geeignet sind?

Genauso wie sie an Pornos, Alkohol oder Zigaretten kommen, wenn sie wollen: Mal ist es der große Bruder, der das Spiel kauft und an den kleinen Bruder weitergibt. Mal sind es Verkäufer, die jugendliche Kunden nicht nach dem Ausweis fragen - auch wenn sie damit hohe Bußgelder riskieren. Wer sich auskennt, kann indizierte Spiele aus dem Internet herunterladen. Manche in Deutschland indizierten Spiele sind überdies in Österreich oder in der Schweiz frei erhältlich, wo man sie dann ganz normal im Laden kaufen oder im Internet bestellen kann.

Sollte ich meinen Kindern erlauben, Computerspiele zu spielen?

"Solange Eltern Kindern ermöglichen, sich vielfältig zu engagieren, kann kaum etwas schiefgehen", sagt Winfred Kaminski vom Kölner Institut für Medienforschung und Medienpädagogik. Eltern müssen darauf achten, wie oft und vor allem, was ihre Kinder spielen - "und aufpassen, dass der PC nicht zum Lebensmittelpunkt wird", wie Thomas Feibel vom Büro für Kindermedien sagt. Arrangieren sollten sich Eltern aber in jedem Fall mit dem neuen Medium. "Nahezu alle Jugendlichen spielen regelmäßig und werden das auch in Zukunft tun", sagt Maic Masuch vom Institut für Simulation und Grafik der Universität Madgeburg, "Spiele werden selbstverständlicher Bestandteil zukünftiger Generationen sein. Es sind die Nicht-Spieler, die aussterben."

Sollte ich selbst mal so ein Spiel ausprobieren? Muss ich das sogar?

Machen Sie das! Vielleicht macht es Ihnen sogar Spaß - es muss ja kein Ballerspiel sein. Vielleicht ist es nichts für Sie, vielleicht ist es eine Möglichkeit, eine gute Zeit mit Ihren Kindern zu verbringen. Es gibt keinen Zwang - wenn Sie es jedoch nicht ausprobieren, werden Sie nicht verstehen, worum es geht: Denn Zuschauen ist nicht Spielen, das unterscheidet Videospiele vom Spielfilm.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 49/2006

KOMMENTARE (4 von 4)
 
Tuxigor (12.12.2006, 09:04 Uhr)
Nachgedacht
Ich kann die Diskusion nicht leiden. Es gibt gerade im Sozialen Bereich wichtigere Themen über die gesprochen werden sollten. Diese Diskusion zeigt nur wie kläglich informiert und unvorbereitet unsere Politiker zu diesem Thema sind. Verbote gegen Computerspiele sind der Anfang wenn nichts unternommen wird werden immer mehr Folgen verboten werden,(z.b. Filme, Bücher, Kunst) nur leider sind die Ursachen immer noch die gleichen und daran wird auch ein Verbot nichts ändern. Darüber hinaus bin ich der Auffassung das es selbst bei einem Verbot den gefährdeten Personen gelingen wird sich solcher Spiele zu bemächtigen. Darum sollte hier eher im Vordergrund stehen mit welcher Selbstverständlichkeit Informationen in die Öffentlichkeit posaunt werden und Verbote gefordert werden von Leute die sich nicht im geringsten mit der Materie beschäftigt haben.
Das zeigt klar wie weit sich die Politiker vom tatsächlichen Leben entfernt haben.
Wenn alle Gesetzte so erlassen werden dann Gute Nacht.
Rheinman (12.12.2006, 09:01 Uhr)
Abgehärtet!
Wie abgehärtet sind wir eigentlich schon, dass uns die tägliche Gewalt im Fernsehen gar nicht mehr interessiert. Tode im Irak - Ach echt, schon wieder? Krieg in Israel - Naja, das alte Lied.
Ganz zu schweigen von den Kinofilmen. Nicht, dass ich etwas gegen James Bond hätte. Aber er hat die Lizenz zum Töten und benutzt sie auch gerne. Mal so eben ein paar Diplomaten in einer fremden Botschaft eines fremden Landes "killen". Na und, halb so schlimm. Ist ja für einen guten Zweck. Doch wenn das
nicht Gewaltverherrlichend ist, was dann?
Aber Computerspiele sind gefährlich?
Dann ist man ja gerade froh darüber Computerspiele im Allgemeinen und sogenannte Killerspiele im kokreten zu torpedieren, weil Horror- filme Kriegsfilme mittlerweile schon viel zu gewöhlich sind, als dass man darüber noch reden müsste.
Das ist doch widerlich und es gibt wirklich wichtigere Themen. Und ich glaube dort sind auch die größten Probleme zu suchen. Wir brauchen endlich Ursachenbekämpfung.
Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit, Armut, Mutlosigkeit, sozialer Niedergang, und und und. Das sind die eigentlichen Probleme, aber darüber will man nicht reden und schon gar nichts dagegen unternehmen. Pfui.
Helgetan (12.12.2006, 03:02 Uhr)
Schünemann selbst im Schützenverein
Lustig ist, dass Schünemann selbst in einem Schützenverein ist. Und so jemand hetzt gegen Videospiele. Da bezeichnet er Spieler von Ego-Shootern als "pervers" und betreibt dann nebenher Jagdsport. Dass hierbei die erjagten Tiere langsam zu Tode gequält werden, steht natürlich nicht zur Debatte - selbstverständlich muss dem Wild in die Eingeweide geschossen werden, oder?. Ein Kopfschuss würde doch die wertvolle Trophäe zerstören!
Und so jemand empört sich über Gewalt in Spielen - DAS ist pervers.
Menschen wie Schünemann sind seelisch krank. Deshalb kann man sie auch mit rationalen Argumenten nicht erreichen. Es ist wie bei den Antisemiten: auch deren vorgefasste Meinungen sind mit den überzeugendsten Argumenten nicht zu erschüttern.
Lighthouse (12.12.2006, 01:27 Uhr)
Wie gefährlich sind Videospiele?
Die Gewalt die Kinder in ihrem ganz alltäglichen Leben erfahren erzeugt in Kindern den Glauben und die Botschaft das Gewalt die einzige Antwort ist wie Probleme gelöst werden können. Wenn wir uns mal einige alltägliche Situationen anschauen und sensibel analysieren kann die kulturelle und gesellschaftliche Grundhaltung und Akzeptanz "Gewalttätigkeit" leicht entlarvt werden.
Bücher wie Grimms Märchen oder die Bibel empfehlen geradezu Gewalt als Mittel der Wahl in der Kindererziehung einzusetzen.
Kinder sind so sehr der Willkür und dem Missbrauch von Erwachsenen und Institutionen ausgesetzt das sie irgendwo ein Ventil entwickeln muessen um geistig und körperlich zu überleben. Gewalt ist dann ein vertrautes Muster das sich anbietet und hilft Gefühle wie Verzweiflung, Hilflosigkeit und mangelnde Nähe zu "bewältigen" d.h. zu verdrängen.
So die Frage sollte lauten wie Gefährlich ist Sozialisierung und Erziehung in einer Umwelt die Gewalttätigkeit als ein legitimes Mittel zur Durchsetzung von Interessen akzeptiert und in vielen Ländern und Kulturen legitimiert.
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