Spiele für die Langnasen

13. Juli 2007, 19:12 Uhr

Bislang galten japanische Spieleentwickler als extrem verschlossen, Termine vor Ort waren nahezu unmöglich. stern.de hat zwei Studios besucht - und gesehen, wie die Japaner Neues wagen und Videogames entwickeln, die Europäern gefallen sollen. Von Udo Lewalter, Tokio

Blick hinter die Kulissen: Mehr als 100 Programmierer arbeiten beim japanischen Entwickler Yuke's derzeit an der Fertigstellung von "Smackdown vs. Raw". Bis zu 18 Stunden am Tag©

Vieleckige Türme aus Spiegelglas schießen aus dem Boden. Dicht daneben drängen sich auf engstem Raum Gebäude, die sich wölben oder einknicken. Deren Fensterfronten schlagen mächtige Blasen. Auf den Dächern flackern die allgegenwärtigen Leuchtreklamen in grellen Farben. Monster aus Beton und Stahl lassen dem Auge keine Ruhe und verweigern dem Boden auf ewig das Sonnenlicht. Kein Städteplaner hat hier ordnend eingegriffen. Yokohamas Architektur wirkt wild und verwirrend.

Inmitten dieses rund vier Millionen Menschen fassenden Sinnes-GAUs liegt der Bürokomplex des japanischen Computerspielherstellers Yuke's. Dort angekommen, begrüßt mich eine quirlige Japanerin mit Handschlag. Mit Handschlag? Keine Verbeugung? Erstaunlich! Und dann das: "Guten Tag und herzlich Willkommen", sagt sie in gebrochenem Deutsch. Hiromi Furuta, Vizepräsidentin beim 1993 gegründeten Spieleentwickler, hat diese Worte jedoch nicht aus der den Japanern in die Wiege gelegten, allgegenwärtigen Höflichkeit heraus auswendig gelernt. "Ich habe eine Zeit in der Schweiz gelebt", entgegnet sie meinem erstaunten Gesichtsausdruck mit einem Lächeln und führt fort: "Ich möchte Ihnen unseren Studiochef vorstellen". Zeit zum Verarbeiten der Situation bleibt nicht. Kaum hat sie die Worte ausgesprochen, biegt Taku Chihaya auch schon um die Ecke. Der schlaksige Japaner trägt Retro-Turnschuhe aus Herzogenaurach, eine Jeans und ein Baseballshirt. Das dünne Brillengestellt auf seiner Nase zurechtrückend spricht er ein herziges "Konnichiwa" aus - und verbeugt sich. Hey, das ist japanisch! Ich bin glücklich.

Umringt von Ringern: Yuke's Vizepräsidentin Hiromi Furuta leitet das Studio in Yokohama©

Leben für den Sport

Im Präsentationsraum angelangt, zeigen Chihaya und ein halbes Dutzend Programmierer, woran sie und 120 weitere Mitarbeiter während der vergangenen Monate gearbeitet haben. "Smackdown vs. Raw 2008" heißt der neueste Ableger der jährlich erscheinenden Wrestling-Simulationsreihe. Passend zum Spiel hängen die Wände nahezu aller Räume voller Bilder und Poster menschlicher Kolosse - die Legende Hulk Hogan, der mehrfache WWE-Champion John Cena oder Mark Calaway, der seit 1990 unter seinem Pseudonym "Undertaker" im Ring für Schrecken und beim Publikum für Freude sorgt. Einige der Bilder wurden von den Sportlern unterschrieben. Auf anderen haben sich Dutzende der Hünen mit Chefin Furuta, dem Studiochef Chihaya oder einem der anderen Yuke's-Mitarbeiter ablichten lassen. Die Entwickler sind ganz nah dran am amerikanischen Sport. Sie leben dafür. "Wir alle sind Wrestling-versessen. In den Entwicklerbüros laufen praktisch rund um die Uhr auf Monitoren und Fernsehern Wrestling-Kämpfe", sagt Chihaya. "Wir haben die letzten zehn Jahre Wrestling-Geschichte komplett auf Video gesichert", ergänzt seine Chefin. "Wir kennen die Fähigkeiten jedes einzelnen Kämpfers haargenau. Ihre Stärken und ihre Schwächen. Unser Wissen setzen wir in der Simulation um", führt Chihaya fort.

Realismus scheint auch der Schlüssel zum Erfolg zu sein. Seit Veröffentlichung des Erstlings im Jahr 2000 wanderten weltweit insgesamt 25 Millionen Exemplare über die Ladentische. Eine Erfolgsgeschichte, die nur wenige Spielereihen der Konkurrenz überbieten können. Zum Vergleich: Spitzenreiter "Die Sims" von Branchenführer Electronic Arts verkaufte sich im gleichen Zeitraum zwar rund 80 Millionen Mal. Allerdings gibt's die virtuelle Lebenssimulation für fast ein Dutzend verschiedener Plattformen. Praktisch jede Konsole, Handys, jedes Handheld, der PC oder der Mac haben ihr eigenes "Sims". Die "Smackdown vs. Raw"-Reihe ist dagegen bislang nur für Xbox 360, Sony PSP sowie Playstation 1 und 2 erhältlich.

Lockere Atmosphäre

Die Präsentation und das anschließende ausgiebige Probespiel mit den Entwicklern verlaufen spaßig und locker. Sogar eine Übersetzerin ist per Webcam zugeschaltet, um jederzeit für eine reibungslose Kommunikation zu sorgen. In den Spielpausen serviert man kleine Häppchen. Militärisch ausgerichtete Formationen von Sushi, Pizza und Keksen. Danach durchlaufen wir eine einstündige Studiotour, während der sich die Programmierer bereitwillig über die Schulter schauen lassen und von ihren stressigen Arbeitstagen berichten. "Wir arbeiten oft bis zu 18 Stunden. Einige von uns schlafen in der letzten Entwicklungsphase sogar hier auf Luftmatratzen", sagt eine der Programmiererinnen. "Aber es macht Spaß." Dabei lächelt sie zufrieden. Man merkt ihr an, dass ihre Arbeit eine Passion für sie ist.

Ein äußerst interessanter Tag mit vielen Überraschungen neigt sich dem Ende entgegen. Aber der nächste Tag verspricht ähnlich spannend zu werden. Ein Besuch beim Konkurrenten Koei steht auf dem Programm.

Es wird typisch japanisch

Ich betrete das Verwaltungsgebäude. Alles ist anders hier. Keine verspielte Einrichtung. Keine Bilder an den Wänden der Eingangshalle. Keine Spieleverpackungen in Regalen. Keine Trophäen in Vitrinen. Keine lebensgroßen Spielfiguren. Nichts, was an Videospiele erinnert. Der Bereich erinnert mit seinen Marmorwänden, der schnieken Rezeption und spiegelnden Granitböden eher an den Empfangsbereich eines Hotels als an eine verspielte Entwicklerfirma.

Eine Studiotour entfällt; die Türen der Entwicklerbüros bleiben bei Koei verschlossen. Stattdessen führt man mich durch sterile Flure des Gebäudes, macht mit mir einen kurzen Abstecher in die leere Kantine und zeigt mir schließlich den schicken Garten vor dem Fenster des Chefbüros. Dann werde ich in einen Raum geführt, in dem ein riesiger Flachbildschirm samt Playstation 3 steht. Auch hier sind die Wände kahl. Einzig ein schwarzes, Hirschkäfer-ähnliches Holzwesen mit menschlichem Gesicht und einem Samurai-Schwert im Geweih hängt an der Wand. Ansonsten stehen noch fein säuberlich aufgereiht acht Ledersessel im Raum, hinzukommen vier kleine Rundtische - das ist alles an Einrichtung. Kurze Ruhepause.

Dann springt die Tür auf und ein halbes Dutzend, in feinstem Zwirn gekleidete Japaner betreten wie an einer Schnur aufgereiht den Raum. Jetzt kommt das, was ich eigentlich schon am Tag zuvor bei Yuke's erwartet hatte: das "Visitenkartentausch-Ritual". Eine sehr spezielle japanische Eigenheit. Während sich der Rest der Welt die Karten ganz nebenbei in die Hand drückt, zelebrieren Japaner dieses Ereignis förmlich. Der Ritus: Man fasst den dünnen Karton an der Längsseite mit Daumen und Zeigfinger beider Hände und führt das Stück Papier anmutig in Richtung seines Gegenübers. Dabei muss ihn die Schrift unbedingt ansehen. Alles andere ist ein Zeichen von Flegelei in den Augen der Japaner. Und auch die Entgegennahme ist eine Kunst für sich. Es reicht keinesfalls aus, die Karte anzunehmen und wegzustecken. Um den Gesprächspartner zu würdigen, müssen zunächst - deutlich erkennbar für den anderen - die Lettern auf der Karte studiert werden. Es reicht eigentlich auch, wenn man nur so tut, als würde man lesen. Aber das darf der andere natürlich nicht merken. Und wenn man sich danach an einen Tisch setzt, sollte die Karte keinesfalls weggesteckt werden. Sanft lege ich sie also neben meinen Notizblock. Auch das Zeichen der Würdigung.

Kurzprofile Yuke's und Koei Yuke's Hauptsitz des 1993 gegründeten Spieleentwicklers Yuke's ist Osaka. Ein weiteres Entwicklerstudio befindet sich in Yokohama, eine Vier-Millionen-Stadt, die auf der westlichen Seite der Bucht von Tokio liegt. Das populärste Spiel von Yuke's ist die "WWE vs. Smackdown"-Reihe, von der seit Veröffentlichung des Erstlings im Jahr 2000 weltweit insgesamt 25 Millionen Exemplare verkauft wurden. Mittlerweile beschäftigt Yuke's 180 Mitarbeiter.

Koei Ein alter Hase: Koei entwickelt seit fast 30 Jahren Computer- und Videospiele. Das 1978 gegründete Unternehmen mit Hauptsitz in Yokohama beschäftigt 790 Mitarbeiter, weltweit. Neben einem Entwicklungsstudio in Kanada hat Koei weitere Niederlassungen in den USA, Frankreich, England und in Singapore. Das populärste Spiel des Unternehmens ist die "Dynasty Warriors"-Reihe, von der weltweit bislang insgesamt 15 Millionen Exemplare verkauft wurden.

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