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Arme Schweine, reiche Ausbeute

700 Millionen Downloads: Das Mobilspiel "Angry Birds" ist ein Megahit. Auch die nun erschienene Weltraumvariante der skurrilen Schweinejagd wird wieder Massen in ihren Bann ziehen. Warum eigentlich?

Von Christoph Fröhlich

  Das Weltraum-Physikspiel "Angry Birds Space" stürmte die App-Stores und wurde in nur drei Tagen mehr als zehn Millionen Mal heruntergeladen

Das Weltraum-Physikspiel "Angry Birds Space" stürmte die App-Stores und wurde in nur drei Tagen mehr als zehn Millionen Mal heruntergeladen

Spricht man vom Energieerhaltungssatz, Ballistik oder Newtonschen Axiomen - kurz: Physik -, wird man schnell als Nerd abgestempelt. Werden diese Gesetze jedoch in kleine, bunte, wütende Vögel verpackt, die Jagd auf grüne Schweine machen, ist einem die Aufmerksamkeit sicher. Dann hat man den Millionenhit "Angry Birds", das wohl erfolgreichste Mobilspiel aller Zeiten.

Das Prinzip ist simpel: Mit einer riesigen Schleuder werden Vögel auf grüne Schweine geschossen, die sich hinter Wänden aus Glas, Holz oder Stein verschanzen. Wird eines der Rüsseltiere getroffen, platzt es und löst sich in Luft auf. Je weniger Versuche man dafür benötigt, desto höher ist die Punktzahl.

Mehr als 700 Millionen Mal wurde das Spiel und seine diversen Fortsetzungen bereits heruntergeladen. "Angry Birds" ist der Popstar unter den Apps. Eine feste Zielgruppe gibt es nicht. Ob jung oder alt, männlich oder weiblich, Manager oder Hausfrau - quer über den Globus werden Vögel gegen zerbrechliche Wände geschossen. Billionen von Schweinen haben sich seitdem in Luft aufgelöst. Mehr als 300 Millionen Minuten am Tag fliegen die tierischen Wurfgeschosse durch die Gegend. Das sind 570 Jahre. Täglich. Doch warum macht das überhaupt so viel Spaß?

Simpel=gut

"Angry Birds" ist kein besonders komplexes Spiel. Es braucht keine Erklärungen, man kann direkt loslegen. Ein Versuch, schon hat man das Spielprinzip verstanden. Und dann lässt es einen nicht mehr los. Man ist auf der Suche nach dem perfekten Schuss, jener Flugbahn mit der maximalen Punktzahl. Es ist kein Spiel, dem man sich stundenlang widmet, man packt es eher zwischendurch aus: beim Warten auf den Bus, am Flughafen oder in langweiligen Meetings. Ein kurzweiliger Zeitvertreib ist auf der ganzen Welt gern gesehen, da ist es kein Wunder, dass das Spiel in mehr als 60 Ländern Platz eins der iTunes-Charts belegte.

Auch "Angry Birds Space", das seit heute zum Download steht, wird sich gut verkaufen. Dafür haben sich die Macher etwas ganz Besonderes einfallen lassen: Da der neueste Teil im Weltraum spielt, wurde das Spiel auch im All beworben. Der Nasa-Ingenieur Don Pettit demonstrierte die Physik der Schwerelosigkeit auf der Internationalen Raumstation ISS, indem er ein rotes "Angry Birds"-Plüschtier auf einen grünen, als Schwein bemalten Ballon schießt. Rund sechs Millionen Menschen haben die irrwitzige Präsentation aus dem Weltraum auf Youtube angeschaut, der gesamte Videokanal von "Angry Birds" hat 390 Millionen Zugriffe, das sind genauso viele Zugriffe wie Star-DJ David Guetta hat. Diese Zahl zeigt: "Angry Birds" ist nicht mehr nur ein Spiel. Es ist eine populäre Marke.

Vom Spiel zum Franchise

Wer will, kann die verärgerten Flatterwesen in jeden Bereich seines Alltags integrieren. Man kann in "Angry Birds"-Bettwäsche schlafen oder sein iPhone dementsprechend verkleiden. Es gibt Lautsprecher, T-Shirts, Plüschtiere, Pullover und Unterwäsche von den exzentrischen Vögeln. Sogar ein 96-seitiges Kochbuch mit kreativen Eierrezepten hat es in die Regale der Händler geschafft. Ein Ende ist nicht in Sicht: Entwickler Rovio hat bereits einen Kinofilm angekündigt, laut BBC sollen im Sommer mehrere Vergnügungsparks eröffnen. Selbst die Formel 1 ist vor den beliebten Vögeln nicht sicher: Der finnische Rennfahrer Heikki Kovolainen vom Rennstall "Caterham F1 Team" startet in dieser Saison mit einem roten Helm im Vogeldesign. Mehr als 70 Millionen Dollar hat Rovio mit der Marke bereits verdient.

Das iPhone und eine magische Idee als Rettung

Doch der Firma ging es nicht immer so gut. Anfang 2009 stand das finnische Entwicklerstudio kurz vor dem Bankrott. Von 50 Mitarbeitern waren nur noch zwölf übrig. 51 Games erblickten vor "Angry Birds" das Licht der Spielewelt, die meisten wurden für größere Firmen wie Electronic Arts oder Namco entwickelt. Einige Titel waren erfolgreich, doch dem kleinen Studio fehlte die Möglichkeiten, eine eigene Marke zu etablieren.

Mit dem Erscheinen des iPhones im Jahr 2007 änderte sich alles: Der App-Store ermöglichte jungen Entwicklern, mit wenig Geld - "Angry Birds" kostete 100.000 Dollar - ein Millionenpublikum zu erreichen. Jetzt fehlte nur noch die richtige Idee. Die kam im März 2009: Der langjährige Rovio-Mitarbeiter Jaakko Iisalo zeigte seinen Kollegen ein paar grobe Entwürfe jener berühmten Vögel. "Die Menschen sahen diese Bilder, und es war einfach nur magisch", sagt Niklas Hed, einer der Grüner von Rovio, dem US-Magazin "Wired". "Die Vögel hatten keine Füße, konnten nicht fliegen und waren wirklich wütend. Wir fragten uns: Warum sind sie so wütend? Die Charaktere sind sehr einfach gestaltet, trotzdem dachten wir so viel über sie nach." Die Firma beschloss, die Vögel zu den Titelhelden ihres nächsten Spiels zu machen. Das 52. Projekt musste ein Erfolg werden.

Acht Monate später war "Angry Birds" fertig, im Dezember 2009 landete es im App-Store. Auch Heds Mutter, die mit Computerspielen sonst nichts am Hut hatte, testete die finale Version. Und während sie mit Vögeln auf grüne Schweine zielte, so geht die Legende, verbrannte der Weihnachtsbraten im Ofen. Sie hatte einfach die Zeit vergessen. In diesem Moment wusste Hed: Dieses Spiel wird ein Erfolg. Er hat Recht behalten.

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