
Esslinger vor seiner Firmenzentrale in San Francisco© Karsten Lemm
Kreativität ist in der Krise gefragt. Nur dann: "Was tun wir jetzt?" Nur wenn das Ende droht, kommen andere Leute ans Ruder. Es gab niemals eine Idee, die aus dem Überfluss entstanden ist. Ideen kommen immer aus dem Mangel, aus der Umwälzung, aus neuen Anforderungen.
Wenn Sie nichts Neues haben, verschwinden Sie. Das war schon immer so, aber es geht jetzt schneller. Das Internet hat schon etwas bewirkt. Früher konnten Sie noch im Kleinen Ihr durchschnittliches Produkt verkaufen, aber inzwischen geht es um die Welt, wenn etwas nicht stimmt. Der Absturz ist abrupter.
In einer Kreativwirtschaft geht es um mehr als die reinen Produkte. Wenn Sie sich das iPhone anschauen, der Erfolg liegt ja nicht am Design, sondern am Erlebnis. Beim Blackberry ist E-Mail die killer application. Es wird immer noch überbewertet: Was ist das Physische? Dabei haben wir endlich eine Technologie, die Erlebnisse simulieren kann, die interaktiv ist. Das führt auch zu anderen Schwerpunkten bei der Produktgestaltung. Alle Kochtöpfe sind rund. Es kommt darauf an, was man drin kocht. Das Entscheidende an der Wasserflasche ist nicht der Inhalt, es ist der Durst.
Apple hat damals gesagt: Wir schauen uns nach den Besten um. Für mich war die Motivation nicht so sehr das Geld, ich habe ja bei Sony brillant verdient. Die Motivation war, etwas zu bewegen: Was können wir tun? Apple war schon cool. Und ich habe eh immer nur Firmen gemocht, die nach oben wollen. Dann hat man einen Weg vor sich. Wenn man schon auf dem Gipfel steht, wo geht's dann noch hin? (Lacht.) Nur noch runter.
Ja, aber ich will das nicht öffentlich ausbreiten.
Alle Kreativen sind schwierig. Das gehört dazu. Hier in Amerika sagt man "interesting people". Die Deutschen sagen: "Der ist schwierig." Aber es geht nicht, dass jemand Mr. Nice ist und zugleich Wunder vollbringt.
Man muss schon gegen den Strom schwimmen.
Ja, man schluckt viel Wasser. Aber dafür schwimmt man nicht mit den toten Fischen. (Lacht.) Mein Großvater hat das immer gesagt. Es macht ja auch Spaß, gegen den Strom zu schwimmen. Man sieht auch viel mehr.
Das "Deutscher" lassen Sie mal weg.
Amerika bietet ein besseres Klima für neue Ideen. Es ist ein Einwanderungsland. Wenn Sie hierher kommen - es sind alle Immigranten. Wir kamen damals aus Japan, und alle hatten einen Akzent, keiner sprach perfekt Englisch. Aus Indien, aus China, Japan, Naher Osten, Europa, Südamerika. Everrryone speaks brrroken Inglish. Das wird auch toleriert. An der Ostküste ist das schon ein bisschen schwieriger.
Das Zweite ist die Denke: Hier wird erwartet, dass man als Ausländer etwas mitbringt. Die Atmosphäre ist einfach fordernd. Dazu kommt noch: In Europa geht's nach Klasse. "Wo kommen Sie her?" So werden Sie beurteilt. Hier in Amerika ist wichtig: Was weißt du, was kannst du, was tust du? Also Fleiß und Wissen gegen Faulheit und Ignoranz. Das ist eine ganz andere Klassifizierung. Das heißt, hier hat jeder eine Chance.
Stellen Sie sich eine Waschmaschine vor, die merkt, wie dreckig die Wäsche ist und auch die Fasern erkennt. Sie drücken nur einen Knopf, der Rest geht automatisch. Das ist sicherer und umweltschonender als heute, wenn Sie immer die Programme wählen, die zuviel Strom und Wasser brauchen. Die intelligente Waschmaschine der Zukunft arbeitet außerdem mit Dampf und Mikrowelle. Die Technik ist vorhanden. Jetzt müssen wir abwarten, bis die Industrie aufwacht. Sobald Wasser und Strom teurer werden, wird das interessant. Samsung hat schon Prototypen. Für Japan gibt's das auch. Die Technik wird schon getestet. Generell ist das Problem: Die Mechanismen sind immer noch sehr linear, statt einen Kreislauf einzuführen. Das Recycling am Ende der Verwertungskette ist eigentlich nur Materialrückfluss, und auch das nur teilweise. Tatsächlich müsste der Rückfluss Teil des Konzepts werden.
Wenn Sie im Schwarzwald aufwachsen, in dieser herrlichen Natur, und dann sehen, was sich in den Städten und Flüssen abspielt, das ist schon ein Desaster. Ich habe Verwandte im Ruhrgebiet - Bochum, Gelsenkirchen und so - und auch das war ein Umweltdesaster. Egal, wo ich als Kind hinkam, war's dreckig.

Für Hewlett-Packard gestaltete Frog Design den berührungsempfindlichen PC Touchsmart© Frog Design
Ich finde Farbe toll. Meine Eltern hatten ein Modegeschäft. Meine Mutter hat mich immer overdressed, mit Jacke und Hosen, Jeans waren nicht erlaubt. Als ich Design studiert habe, Farbtheorie, wurde mir bewusst: Das Ausbleichen des Lebens ist ein Teil des Älterwerdens. Junge Frauen und Männer sind noch farbig angezogen. Dann verloben Sie sich, im Schwarzwald tragen Sie fortan einen schwarzen Hut statt des roten. Wenn Sie heiraten, geht auch die rote Jacke weg, und irgendwann bleiben nur noch Grau, Schwarzgrau und Weiß übrig.
Fast alle. (Lacht.) Nur Violett mag ich nicht so.
Nur bei den Superreichen. Die nehmen die Vuitton-Tasche überall, das ist ein exotisches Wunderprodukt. Aber normalerweise haben unterschiedliche Kulturen eigene Anforderungen. Wenn Sie nach Japan gehen, da sehen die Staubsauger aus wie Hunde, dann diese Toaster, die sind richtig lustig. Japaner haben sehr viel Humor, was auch mit den Manga-Cartoons zu tun hat.
Sie passen sich an, Sie arbeiten damit. HiFi-Geräte damals in Japan hatten einen Knopf für das Ein- und Ausschalten, dazu noch einen für die Wahl der Wellenbereiche. Das war der ideale Tuner. Sonst nichts. Pur. In Europa kam das nicht an. Die Europäer wollen Knöpfe. Das ist immer noch so. Das sehen Sie auch an Autos: Die Konzeptautos bei der Tokyo Motor Show, die für Japan gemacht sind, sind ganz simpel. Ideal für den japanischen Markt heißt: ein Knopf, sonst nichts.
Nö. Und gute Technik kann auch kein schlechtes Design retten.