Fotos retuschieren war früher eine Sache von Experten, im digitalen Zeitalter kann es jeder. In Teil drei unserer Serie für bessere Urlaubsfotos gibt es Tipps vom Profi: Wie Sie Porträts verändern und Landschaftsaufnahmen um störende Passanten bereinigen. Von Michael Freeman

Zur Kunst der Retusche gehört auch Selbstbeschränkung© Michael Freeman
Von Anfang an wurde in der Fotografie retuschiert, der Grund ist schiere Eitelkeit. Zuerst wurden die Abzüge retuschiert, was bedeutend leichter ist, als Negative zu bearbeiten, schon weil Abzüge größer sind und weil Papier nicht so empfindlich ist wie Film. Früher arbeitete man mit feinen Kamelhaarpinseln, heute mit dem Airbrush. Aber gute Ergebnisse verlangen immer künstlerisches Geschick.
Auch Bildbearbeitungsprogramme erfordern ein gewisses Maß an Geschick mit dem Pinsel, denn die Mal- und Zeichenwerkzeuge sind so angelegt, dass sie wie ihre konventionellen Pendants reagieren. Warum benutzen Softwareentwickler sonst den Begriff Pinsel? Ein Vorteil der digitalen Retusche liegt natürlich darin, Fehler jederzeit korrigieren zu können. Darüber hinaus sind alle erdenklichen Veränderungen am Bildmaterial möglich. Selbstverständlich gibt es auch bei der digitalen Bildbearbeitung unverbesserliche Fehler, jedoch nur dann, wenn das Programm keinen "Rückgängig"- Befehl bietet - oder wenn Sie nicht ein oder zwei Sicherheitskopien gemacht haben. Fehler lassen sich aber problemlos vermeiden.
Bei der Retusche geht es um Details und deshalb wird das Bild zunächst in der 100%-Ansicht betrachtet. Beachten Sie, dass ein Monitor bei kleineren Ansichten Schwächen in Details ganz einfach nicht darstellen kann - auch wenn Sie noch so genau hingucken. Gehen Sie das Motiv systematisch von links nach rechts oder von oben nach unten durch. Benutzen Sie dazu nicht den Rollbalken, sondern klicken Sie auf die Pfeile, damit sich das Bild Stück für Stück verschiebt. Oder arbeiten Sie mit dem Hand-Werkzeug.
Wenn Sie ein bisschen Übung haben, können Sie schon während dieser Begutachtung das ein oder andere Detail retuschieren. Am Anfang ist es jedoch ratsam, erst das Bild komplett zu überprüfen und sich einen Plan von den Veränderungen zu machen. Es gibt meist zwei Fehlerquellen: Mängel bei der Technik und beim Motiv selbst. Zu den technischen Mängeln zählt alles, was nicht zum eigentlichen Bild gehört, wie sichtbare Pixel durch das Komprimieren oder Staub und Kratzer auf einem Scan. Unter Mängel am Motiv versteht man zum Beispiel Flecken und Unebenheiten auf der Haut. Hier ist Ihr Urteilsvermögen gefragt.
Grundsätzlich werden erst die ganz kleinen und dann die größeren Mängel bearbeitet. Wählen Sie immer einen Pinsel in passender Größe. Mit einem feinen Pinsel lässt sich sehr exakt arbeiten, aber auch nur sehr langsam, deshalb müssen Sie oft Kompromisse eingehen. Der Hintergrund ist immer wichtig, egal um welche Art von Mangel es geht, denn er soll wiederhergestellt werden.
Kosmetische Retusche
Ich verwende für diesen Zweck den Kopierstempel, um mit einem weichen Pinsel Bereiche aus nächster Nähe zu übertragen (zu klonen). Gesichtsfalten verschwinden, wenn Sie zum Klonen faltenfreie, benachbarte Hautbereiche verwenden. Für ganz feine Manipulationen wählen Sie am besten 200% Vergrößerung und einen Pinsel mit subtilen Einstellungen wie Aufhellen, Abdunkeln oder Farbe. Oder Sie arbeiten mit dem Reparatur-Pinsel.
Über den Autor Dieser Text entstammt dem Buch "Digital fotografieren. Die richtige Kamera, Aufnahmetechnik, Ideengeber" von Michael Freeman. Freemans neues Buch heißt "Die fotografische Idee. Bildkomposition und Aussage", Verlag Markt + Technik, 29,95 Euro.
Michael Freeman ist international renommierter Fotograf und arbeitet regelmäßig für Time-Life Book, Reader's Digest und die BBC. Er hat mehr als 20 Fotobücher verfasst.
Weichzeichner
Der Weichzeichner entstammt der konventionellen Porträtfotografie. Verwechseln Sie ihn nicht mit Unschärfe, er ist vielmehr ein Filter, der vor das Objektiv gesetzt wird, um Konturen zart zu verwischen. Details bleiben aber erhalten. Bei der digitalen Variante lässt sich der Effekt variieren und Sie brauchen sich nicht vor dem Fotografieren zu entscheiden, ob Sie sie einsetzen. Duplizieren Sie den gewünschten Bildbereich auf eine andere Bildebene und bearbeiten Sie sie mit dem Gaußschen Weichzeichner. Dann stellen Sie die Füllmethode dieser Ebene auf "Aufhellen" und reduzieren bei Bedarf die Deckkraft. Den Grad der Weichzeichnung bestimmen Sie ganz nach eigenem Ermessen.