Viele Weltfirmen, von Apple bis Vuitton, verdanken ihren Erfolg auch dem Star-Designer Hartmut Esslinger. Im Gespräch mit stern.de plädiert der Wahl-Kalifornier für menschlichere Produkte, Mut zum Umdenken und neue Wege im Umweltschutz. Von Karsten Lemm, San Francisco

Mag Farben: Hartmut Esslinger© Karsten Lemm
Die Eltern waren gar nicht froh, als ihr Sohn beschloss, Designer zu werden: Ende der 1960er Jahre schien das der beste Weg in die Künstler-Armut. Doch die Sorge war unbegründet. Hartmut Esslinger entwickelte sich zu einem der erfolgreichsten Vertreter seiner Zunft, und viele sehen in dem heute 65-jährigen Schwarzwälder einen der einflussreichsten Industrie-Designer überhaupt: Sony half er Mitte der 70er Jahre, mit Technik, die den Augen schmeichelte, Wohnzimmer in aller Welt zu erobern; und für einen aufstrebenden kalifornischen Computer-Hersteller namens Apple entwarf Esslinger Anfang der 80er Jahre das Konzept von weißen, schlichten, aber eleganten Rechnern, die auf den ersten Blick versprachen, anders zu sein - freundlicher zu sein - als das Heer der grauen, gesichtslosen DOS-PCs.
Über die Jahre gestalteten Esslinger und seine Agentur Frog Design so unterschiedliche Dinge wie Duschbrausen, Louis-Vuitton-Koffer, Stereoanlagen, ergonomische Zahnarzt-Stühle, Teile von Windows XP, das gesamte Erscheinungsbild der Lufthansa und - last but not least - die Kreuzfahrtschiffe der Disney Cruise Line (Beispiele in der Bilderstrecke). Seine Einsichten aus 40 erfolgreichen Jahren an der Schnittstelle von Wirtschaft und Design hat Esslinger, der mit seiner Frau und Partnerin Patricia Roller in Kalifornien lebt, nun in einem neuen Buch niedergeschrieben: "Schwungrat: Wie Design-Strategien die Zukunft der Wirtschaft gestalten."
Für stern.de nahm sich der passionierte Fußballfan und Porsche-Fahrer ausführlich Zeit, um in der frog-design-Zentrale in San Francisco darüber zu plaudern, warum Technik ein menschliches Antlitz braucht, Europäer Knöpfe lieben und Innovation immer mehr zur Überlebensfrage wird, sowohl für Unternehmen als auch den Planeten und uns selbst.
Die Ästhetik ist nur eines der Werkzeuge in diesem Beruf. Dass etwas schön aussieht, heißt ja nicht allein, dass es an der Oberfläche gut aussieht, sondern auch, dass es schön ist - dass die inneren Werte stimmen. Ästhetik ist kein Selbstzweck. Natürlich kann man etwas Schlechtes, Durchschnittliches, Langweiliges mit Design schöner machen. Aber wenn das Wahre oder Gute fehlt, hilft auch Schönheit nichts.
Entscheidend finde ich, dass es menschlich wird. Das ist ein Kampf. Die Ingenieure denken oft: Wenn's funktioniert, versteht es jeder. Dass man um die Ecke gucken muss, dass es zu kompliziert ist, das begreifen sie nicht, denn sie haben es ja erfunden. Wer es nicht versteht, ist halt dumm. Bei Software ist das Problem noch größer. Ein mechanischer Ingenieur arbeitet immerhin noch an einem Produkt, das am Ende in die Fabrik geht. Das heißt, es muss herstellbar sein, und dabei wird vieles noch ausgebügelt. Wenn es für die Fabrik passt, passt es ironischerweise auch besser für die Leute. Aber die Software-Industrie - in Wahrheit produzieren die Prototypen. Und diese Prototypen ... wenn's zu 70 Prozent funktioniert, das tut's ja auch.
Ja, alles ist "beta". Bei Software ist der große Aufwand die Entwicklung. Man schreibt den Code, und dann denken die Leute, die Arbeit ist getan. Die nächste Phase, dass jemand daraus ein elegantes Produkt macht - da fehlt als Korrektiv die Fabrik. Leider kommen Designer üblicherweise viel zu spät in den Prozess. Viel besser wäre es, von Anfang an mitzuarbeiten, um das Geschäft zu verbessern, nachhaltig Erfolg zu haben und dafür zu sorgen, dass wir uns nicht schämen müssen für das, was wir produzieren. Dafür wären Designer im Prinzip schon die richtigen Leute, durch ihr integratives Denken. Das war glücklicherweise auch immer meine Rolle. Ich habe nie allein auf Ästhetik geschaut und gesagt: "Ich habe eine tolle Idee, jetzt macht die!" Das war mir immer egal. Design ist kinderleicht.
Aber ja. Ideen zu haben ist kinderleicht. Das Entscheidende ist: Was ist das Problem? Wo liegt die Herausforderung? Nehmen Sie die Trinitron-Fernseher von Sony. Deren Bildröhre war massiv und eigentlich viel leuchtkräftiger als herkömmliche Modelle. Aber sie sah hässlich aus, und man musste die Kante schützen, denn wenn man auf die Kante geschlagen hätte, wäre die Röhre implodiert. Also habe ich gesagt, dann machen wir's doch gleich so: Das Bild ist der Held. Alles andere ist Rahmen.
Wir waren damals, 1974, schon relativ erfolgreich in Deutschland. Aber natürlich ging es mir nicht schnell genug. Als Sony kam, war ich glücklich: Jetzt kann ich die Welt bewegen! Mein Ziel war immer, dass in jedem Einkaufszentrum der Welt etwas von uns steht. Am Anfang klang das etwas egomanisch, aber wer nicht im Markt präsent ist, hat auch keine Relevanz. Natürlich heißt das auch, unser Design war nicht aggressiv oder modisch. Es war immer sublim. Das wird oft missverstanden als nicht genügend im Trend oder nicht ästhetisch genug.

Das Erscheinungsbild der Lufthansa geht auf Frog Design zurück© Frog Design
Wir haben mal eine Phase gehabt, in der wir ein bisschen rumgesponnen haben - aber es hätte sich nie verkauft. Und das ist ja auch das Problem: Wenn Sie Style-Magazine ansehen, das meiste darin ist ein Flop nach dem anderen, an der Kasse gesehen. Für mich war schon wichtig, dass es eine Wirkung hat, bei den Menschen. Es muss auch emotional erfreuen. Das ist ganz wichtig, egal worum es geht. Wenn ich ein gutes Produkt sehe, und es strahlt mich an, dann freue ich mich. Viele skurrile Designs dagegen, die moderne Designer machen, sind einfach befremdend.
Moderne Stühle sind ein typisches Beispiel, wenn Design einfach über die Grenze geht. Keiner will es, keiner versteht es. Vielleicht ist es auch mehr als Experiment gedacht. Aber es kommt bei den Menschen nicht an. Die Ansprache ist nicht vertraut. Es muss schon innovativ sein, aber das Vertraute ist die Basis, und im Innovativen steckt die Begeisterung.
Infos zum Buch "Schwungrat. Wie Design-Strategien die Zukunft der Wirtschaft gestalten", Hartmut Esslinger, 230 Seiten. Gebunden. 24,90 Euro