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Neue TV-Technik: Verschmelzung der Welten

Der perfekte Bildschirm ist der, den der Zuschauer gar nicht mehr wahrnimmt. In Berlin arbeiten Forscher an der Zukunft des Fernsehens – mit 360-Grad-Videos und virtueller Realität.

Neue TV-Technik auf der IFA 2017: Verschmelzung der Welten

Aus dem Showroom des Heinrich-Hertz-Instituts: Dank der riesigen gekrümmten Leinwand und Panoramabildern wird das WM-Finale 2014 zu einem fast körperlich greifbaren Erlebnis

Muss man wissen, was LED von OLED unterscheidet? Ist eine Bildschirmauflösung von 4 k wirklich doppelt so gut wie 2 k? Fernsehgeräte sind heute Hochleistungscomputer, die sich hinter einem Display verstecken – immer flacher werden sie, immer besser wird die Bildauflösung, und jede Modellgeneration bietet fürs gleiche Geld mehr als die vorige. So wie man es schon von Smartphones gewohnt ist. Aber wo führt das hin? Ist es irgendwann ohne Nutzen, sich das neueste TV-Modell ins Wohnzimmer zu stellen, weil die Augen nun mal nicht schärfer als scharf sehen können?

Peter Kauff ist Leiter der Abteilung Computer Vision und Visualisierung am Fraunhofer Heinrich-Hertz-Institut in Berlin (HHI). Seit Erfindung des Fernsehens, also seit fast 90 Jahren, forschen Wissenschaftler hier in Charlottenburg an der ständigen Verbesserung des Massenmediums. Kauff sagt, dass die ewige Jagd nach neuen Rekorden – immer flacher, immer schärfer – sich ihrem Ende zuneigen könnte. Das menschliche Gehirn sei eben nicht mehr in der Lage, den Sprung von zehn Millionen Pixel auf elf Millionen als "besser" wahrzunehmen.

"Immersion" heißt diese Vision, was so viel wie Vertiefen oder Eintauchen bedeutet

Die Technologie, sagt Kauff, sei damit aber noch lange nicht ausgereizt. Denn grenzenlos scheinen die Möglichkeiten, Zuschauer mit der fiktiven Welt auf dem Schirm zu verschmelzen.

Dazu soll das Display quasi durchlässig gemacht werden und den Betrachter in Actionfilmen, Fußballspielen oder Konzerten versinken lassen. "Immersion" heißt diese Vision, was so viel wie Vertiefen oder Eintauchen bedeutet. Die Welt des Betrachters und die auf dem Schirm sollen zu einem einzigartigen Erlebnis verschmelzen. Die Zukunft des Fernsehens könnte so eines Tages jene Holodecks Wirklichkeit werden lassen, die sich zumindest "Star Trek"-Fans seit Jahrzehnten herbeisehnen – jede beliebige Umgebung kann in einem solchen Raum erzeugt und sinnlich erlebbar werden. Und der Zuschauer wird zum Akteur.

Im Showroom des Heinrich-Hertz-Instituts, Timelab genannt, das Peter Kauff Besuchern gern zeigt, lässt sich bereits heute diese Zukunft erahnen: 3,35 Meter hoch und zwölf Meter breit ist die zylindrisch gekrümmte Leinwand. Sie besteht aus einem speziellen Gewebe, das akustisch durchlässig ist. 120 Lautsprecher sind hinter dieser Leinwand installiert – in Ohrhöhe. Dazu kommen 15 Deckenlautsprecher und vier Subwoofer für satte Bässe.

Der Berliner Wissenschaftler Peter Kauff lässt weltweit spektakuläre 360-Grad-Videos drehen

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Mehr als ein Dutzend HD-Projektoren werfen Bilder auf die Wand, von Sir Simon Rattle beispielsweise, der die Berliner Philharmoniker dirigiert, oder des Berliner Konzerthausorchesters. Man steht dem Maestro quasi direkt gegenüber. Ein Team des HHI hat das Ereignis mit der selbst entwickelten "Omnicam-360" gefilmt. Die Kamera erzeugt schwindelerregende Panoramabilder und kostet eine Viertelmillion Euro. Das Ergebnis ist überwältigend: Wandert der Zuschauer im Timelab herum, fühlt er sich buchstäblich wie mittendrin.

Die Forscher vom HHI haben auch ein Konzert von Herbert Grönemeyer in der Berliner Waldbühne gefilmt und das Endspiel der Fußball-WM in Rio 2014. Deutschland–Argentinien, 113. Minute, Schürrle flankt, Götze schießt, Tor! Mit "Fern" und "Sehen" hat das nichts mehr zu tun. Der Zuschauer ist ganz nah dran. Was einmal Fernsehen war, wird so zur Erfahrung für alle Sinne. "Das ist für einige Besucher eine komplett neue Erfahrung und deshalb anfangs mitunter auch gewöhnungsbedürftig", sagt Peter Kauff.

"Wir alle werden Superkräfte haben"

Wenn ein 360-Grad-Bühnenpanorama des Grönemeyer-Konzerts nicht nur die ganze Waldbühne zeigt, sondern dabei auch noch langsam heranzoomt, kann dem Betrachter schon mal flau werden. Das passiert erst recht, wenn er virtuell an Bord eines Hubschraubers sitzt und über Los Angeles fliegt. Jedes Wackeln des Helikopters geht direkt in den Bauch.

Dass einige dieser Entwicklungen bereits heute Sehgewohnheiten ändern, lässt sich derzeit auf der Internationalen Funkausstellung in Berlin erleben, etwa bei der Deutschen TV-Plattform oder auf dem ARD-Stand – hier präsentiert Arte den Prototyp eines 360-Grad-Fernsehgeräts.

Rikard Steiber, Manager beim taiwanesischen Unterhaltungselektronik-Konzern HTC, sagt: "Wir alle werden Superkräfte haben. Denn in der virtuellen Realität kannst du jedermann sein, überall hingehen und alles erschaffen." Wie viele in seiner Branche hofft er, dass das Fernsehen nicht nur inhaltlich dank Netflix und HBO ein goldenes Zeitalter erlebt, sondern auch technisch – und so für das junge Publikum, das zu Instagram, Youtube und Snapchat abzuwandern droht, weiter aufregend bleibt. Denn das ist die wachsende Sorge der Branche: gegen andere Medienformate nicht mehr mithalten zu können. Das allein ist Anreiz genug, um das Fernsehen mit immer neuen Möglichkeiten auszustatten. Der Sender Sky beispielsweise bot seinen Zuschauern bereits beim vergangenen Champions-League-Finale einen 180-Grad-Panoramablick auf das Spielfeld und blendete Meldungen aus sozialen Medien live ins Bild ein. Vermutlich wird sich der Flimmerkasten von früher wenigstens für die Wahrnehmung der Zuschauer eines Tages vollständig auflösen – und nur so als Technologie überleben.

Ein Boxring schützt Besucher im Berliner Labor vor Unfällen in der virtuellen Realität

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Der Anfang ist gemacht. Im Berliner HHI etwa werden Menschen in einem hell erleuchteten Zylinder mit bis zu 40 Kameras von allen Seiten gefilmt. Ihre digitalen Abbilder bewegen sich dann später völlig realistisch in einem Projektionsraum, den Zuschauer erkunden können: aus der Nähe, stehend, kniend und sogar hinter den Akteuren. Bislang war das nur in der virtuellen Welt von Computerspielen möglich.

In einer Nachrichtensendung könnte der Zuschauer durch das Studio spazieren

Eine vergleichbare Erfahrung bietet die "Hololens"-Brille von Microsoft. Projizierte Figuren treten bei dieser Technologie plötzlich ins Wohnzimmer der Nutzer – virtuell und real sind kaum unterscheidbar. Andere Unternehmen arbeiten ebenfalls daran. Der Pokémon-Go-Hype vergangenen Sommer gab einen Vorgeschmack auf die zunehmende Verschmelzung der Welten. Das haben längst auch klassische Medienmacher erkannt. "Wir sind mit mehreren Produktionsgesellschaften in Kontakt, die mit unserer Technik einen begehbaren Film realisieren wollen", sagt Peter Kauff. Vorstellbar ist vieles. In einer Nachrichtensendung könnte der Zuschauer durch das Studio spazieren oder bei einer Talkshow mit in der Runde sitzen. Thomas Müller oder Cristiano Ronaldo würden vor einer Fußballübertragung lebensgroß im Wohnzimmer stehen. Ein Porno-Produzent hat auch schon mal beim HHI angefragt. Aber da winken die Forscher ab.

Bis Entwicklungen wie die der Berliner Forscher in Seriengeräten auftauchen und der Fernsehabend wie bei einem Top-Computerspiel zum drogenfreien Trip gerät, werden allerdings noch einige Jahre vergehen. Was also geht heute schon? Was sollte ein Fernseher können? Peter Kauff erklärt es mit einfachen Worten. "4 k, die doppelte HD-Auflösung mit rund acht Millionen Pixeln, ist mittlerweile Standard", sagt der Forscher. Eine so hohe Auflösung würde sich aber vor allem für größere Bildschirme lohnen, auf kleineren sei der Unterschied zu HD nicht zu erkennen. Und auch die Bildverbesserungstechnik HDR (High Dynamic Range) hält er für sinnvoll. "Diese Technik erzeugt brillante Bilder, mit sehr gesättigten Farben und einem Kontrast vom hellsten Weiß bis zum tiefen Schwarz."

Mit Kauff als Berater würde man gern einkaufen gehen.

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