Mit der zweiten Version seines digitalen E-Books will Amazon die Bücherfans dazu bringen, künftig noch mehr digital zu schmökern. stern.de ist in New York bei der Vorstellung des Geräts dabei gewesen und hat seine Vorzüge unter die Lupe genommen. Von Karsten Lemm, New York

Die zweite Version des Amazon-Lesegeräts für elektronische Bücher, der "Kindle 2", soll in den USA den Erfolg seines Vorgängers noch toppen© Karsten Lemm
Jeff Bezos hat einen Traum: "Jedes Buch, das jemals in irgendeiner Sprache erschienen ist", möchte der Chef und Gründer des Online-Händlers Amazon eines Tages anbieten können - nicht zum Verschicken mit der Post allerdings, sondern digital, zum sofortigen Herunterladen "in unter 60 Sekunden".
Bis dahin ist es noch ein weiter Weg, doch am Montag unternahm Bezos in New York einen entscheidenden Schritt, um seinem Ziel näherzukommen: Vor Prominenz und Journalisten stellte er in der renommierten Morgan-Bibliothek den "Kindle 2" vor, die zweite Version des Amazon-Lesegeräts für elektronische Bücher, das unter Fans des geschriebenen Worts ähnlichen Kultstatus genießt wie der frühe iPod unter Musikliebhabern.
Schon bisher lockte der 359 Dollar (etwa 275 Euro) teure Kindle mit der Möglichkeit, Bücher über eine drahtlose Funkverbindung sekundenschnell aus dem Netz zu laden und auf seinem neuartigen Bildschirm darzustellen: schwarz auf weiß, ähnlich kontrastreich und klar wie auf Papier. Doch während der erste Kindle, der im Herbst 2007 vorgestellt wurde, lediglich 180 Megabyte an Speicher für Dokumente bot (genug für etwa 200 Bücher), besitzt der Nachfolger 1,7 Gigabyte, die vom Nutzer gefüllt werden können - im Extremfall mit bis zu 1500 Büchern, aber auch mit eigenen Texten in diversen Dateiformaten.
Obendrein kann der Kindle 2 nun 16 Graustufen darstellen, statt bisher nur vier. Das ist wichtig für Illustrationen in Büchern, aber auch für Fotos in Zeitungen und Zeitschriften - denn Amazon bietet inzwischen nicht nur mehr als 230.000 E-Books für den Kindle an, sondern auch Abonnements für Blätter wie die New York Times, das Wirtschaftsmagazin Fortune und selbst diverse Blogs. Bücher sind mit einem Preis von etwa zehn Dollar deutlich günstiger als die gedruckten Ausgaben, Zeitungen und Zeitschriften kosten mit 5,99 bis 14,99 Dollar ebenfalls weniger als auf Papier.
Für Bezos ist die reiche Auswahl an Titeln, kaum 18 Monate nach dem Kindle-Start, mitentscheidend für den Erfolg: "Der Kindle ist weit mehr als nur ein Gerät", erklärte der 45-jährige Internet-Unternehmer. Es stehe im Zentrum eines Lese-Erlebnisses, bei dem Hard- und Software nahtlos ineinandergreifen - ähnlich wie bei iPod und iTunes. "Ein E-Book ohne große Auswahl an Titeln ist nutzlos", so Bezos.
Das ließ sich als Seitenhieb auf den Rivalen Sony verstehen, der mit seinem Sony Reader ein ähnliches Gerät anbietet wie Amazon mit dem Kindle, jedoch nur knapp die Hälfte an Titeln im Programm hat. Amazon gibt für den Kindle keine Verkaufszahlen bekannt, Experten schätzen jedoch, dass sich schon mindestens 250.000 Fans das neuartige Lesegerät gekauft haben - darunter die Talkmoderatorin Oprah Winfrey, die in ihrer Fernsehsendung so vom Kindle schwärmte, dass Amazon mit den Bestellungen nicht mehr nachkam: Seit Wochen ist der Ur-Kindle ausverkauft, viele Möchtegern-Besitzer gingen zu Weihnachten leer aus.