4. Mai 2012, 15:46 Uhr

Kirchentag der Netzrevolutionäre

Wie viel Staat brauchen wir im Netz? Die Berliner Konferenz re:publica hat eindrucksvoll gezeigt, dass die politische Verfassung des Internets ein zentrales politisches Thema der nächsten Jahre ist. Von Florian Güßgen

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Die Re:publica - mittlerweile ein wichtiger Pulsmesser des digitalen Lebens in Deutschland.©

Sie müssen sich die Internetkonferenz re:publica in etwa vorstellen wie einen evangelischen Kirchentag: 4000 vorwiegend gut gelaunte Leute kommen nach Berlin. Sie freuen sich aufeinander, teilen grob dieselben Interessen, vertreten grob dieselbe Philosophie - und diskutieren drei Tage lang mit prominenten Wortführern über große und kleine Fragen und Probleme des digitalen Seins. Sie vergewissern sich ihrer selbst, suchen Antworten auf elementare Fragen - und feilen an Botschaften. Sie feiern, trinken, twittern. Nur gemeinsam singen, das tun sie nicht. Früher war die Konferenz das Stelldichein einer kleinen Blogger-Avantgarde, einer jugendlichen "Bohème". Mittlerweile ist die re:publica, die am Freitag zu Ende geht, zu einem der zentralen Pulsmesser des digitalen Lebens in Deutschland geworden.

Weil Internetthemen mittlerweile ins Zentrum des gesellschaftlichen Interesses gewandert sind, ist auch die Konferenz nun ein großes Medienereignis. Die Botschaft, dass das Internet unser Leben maßgeblich verändert und eben nicht - bäh! - verschwindet, ist angekommen. In den Parteien, in den Bundes- und Landesministerien, bei den großen und kleinen Geldverdienern. Die Wahlerfolge der Piratenpartei, die Proteste gegen das Anti-Produktpiraterieabkommen Acta, die erhitzt geführte Debatte um Urheberrecht und Kostenloskultur - all das hat auch die letzten Ungläubigen wach gerüttelt. Und so ist es kein Wunder, dass den Stars der Veranstaltung, etwa dem Mitorganisator, Netzaktivist und Unternehmer Markus Beckedahl oder dem wortmächtigen Superblogger Sascha Lobo mehr Kameras und Mikrofone denn je vor die Gesichter gehalten werden. Sie sind etablierte Cheferklärer der neuen Welt.

Phänotypisch hipper als der Durchschnitts-Pirat

Auch die Location der diesjährigen Konferenz strahlte den nüchtern-selbstbewussten Pomp von Kirchentagen aus. Vom beengten und verstaubten Friedrichstadtpalast haben die Organisatoren Beckedahl und Johnny Haeusler die Konferenz in die Kreuzberger "Station" versetzt, einen vormaligen Postbahnhof. Hier gibt's viel Platz, der Boden besteht aus Estrich, die Decken sind hoch. Es ist hell und luftig. Von einer riesigen Eingangshalle mit weiß drapierten Ständen fürs Catering, für die vielen Sponsoren und die vielen, mitunter bunten Sitzgelegenheiten geht's in großzügige Hallen, zu unzähligen Diskussionen, Vorträgen, Aktionen. Niemand muss drängeln, es wird nicht eng. Es ist alles sehr professionell, sehr durchdacht organisiert. Wie bei einem Kirchentag eben. Es sind dabei weniger die Business-Buben, die Mover und Shaker, die hier den Ton angeben. Es sind auch, anders als bei den Piraten, nicht die plötzlich politisch erweckten Technikfreaks, die die Konferenz phänotypisch dominieren, nicht die "Gamer" mit ihren bedruckten, schwarzen "Nerd"-Shirts. Es sind eher die gesellschaftspolitisch Interessierten, die Akademiker, die sich hier tummeln. Das Klientel ist phänotypisch hipper als der Durchschnitts-Pirat. Und es gibt viel, viel mehr Frauen.

Inhaltlich ist dabei die Zeit der großen, pauschalen, netzpolitischen Forderungen vorbei. Das hat sich auch auf der diesjährigen, der sechsten re:Publica gezeigt. Weil das Netz das Leben mittlerweile fast überall beeinflusst, wird auch die Netzpolitik zerfaserter, die Antworten komplizierter. Es ist eine postrevolutionäre Zeit des Übergangs angebrochen, in der Fragen, Antworten und Positionen eher sortiert und ertastet werden. Die Organisatoren der Konferenz haben dem Rechnung getragen. Es ist über die großen Themen diskutiert worden, die Internetfreiheit, das Antiproduktpiraterieabkommen Acta, das Urheberrecht. Aber auch über viele Einzelaspekte, die künftig möglicherweise nicht minder wichtig sind: die Europäische Bürgerinitiative etwa oder Facebook in Schulen oder die Nutzung sozialer Medien in Krankenhäusern. Es ist dabei angesichts der schieren Masse von Veranstaltungen unmöglich, die eine Botschaft herauszudestillieren, die von der diesjährigen re:publica ausgeht.

Aber es lassen sich ein paar Trends festhalten.

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