Drucken | Fenster schließen    

Der Mega-Macher ist zurück

21. Januar 2013, 10:13 Uhr

FBI-Helikopter, Soldaten in Kampfmontur und halbnackte Tänzerinnen: Kim Schmitz feierte mit viel Tamtam den Start seines neuen Onlinediensts Mega. Mit Erfolg: Die Nutzer rennen ihm die Server ein. Von Christoph Fröhlich

Kim Dotcom, Kim Schmitz, Megaupload, Mega, Datenspeicherdienst, Neuseeland

Kim Dotcom versucht sich als Schauspieler und wird von falschen Polizisten auf seinem Anwesen in Neuseeland abgeführt©

Still und heimlich auf den Knopf drücken und eine Webseite hochfahren, das passt nicht zu einem Mann des Kalibers Kim Schmitz. Stattdessen bevorzugt es der energische Internetmillionär mit deutschen Wurzeln laut, bunt und hemmungslos. Der Mann mit riesigen Giraffenstatuen im Garten und einem PS-starken Fuhrpark in der Garage braucht das große Tamtam und die Aufmerksamkeit seiner Mitmenschen. Auch zum Start seiner neuen Filehostingplattform Mega am Sonntag ließ es sich der pfundige Zwei-Meter-Mann nicht nehmen, eine fulminante Show zu zelebrieren.

Schüsse auf der Pressekonferenz

Schmitz feierte den Start seines neuen Dienstes pünktlich zum Jahrestag der Razzia in seinem protzigen Dotcom-Anwesen in Neuseeland, indem er auf der Pressekonferenz einen schwarzen Helikopter mit FBI-Schriftzug in geringer Höhe über die Köpfe der rund 250 anwesenden Journalisten und Gäste rattern ließ. Zeitgleich seilten sich scheinbar bewaffnete Soldaten in Kampfmontur vom Dach der Villa ab, stürmten die Sitzreihen der Besucher und brüllten "Ihr seid alle verhaftet". Schüsse waren zu hören und rauchende Projektile schlugen neben der riesigen Open-Air-Bühne ein, während Kim Dotcom von einer Handvoll junger Tänzerinnen im Military-Look mit einem Grinsen abgeführt wurde. Das war spektakulär. Übertrieben. Und ein gelungener Seitenhieb gegen die US-Regierung, die sich seit einem Jahr die Zähne an dem Web-Entrepreneur ausbeißt und ihn am liebsten für mehrere Jahrzehnte hinter Gitter stecken will.

Statt sich für Urheberrechtsverletzungen vor einem US-Gericht zu verantworten, sitzt Kim Schmitz am Sonntagmorgen deutscher Zeit auf der Bühne im Garten seines Anwesens und hat allen Grund zum Feiern: Ein Jahr nach dem Ende von Megaupload wagt der Pfundskerl mit dem losen Mundwerk das Comeback. Und sein Plan scheint aufzugehen: Punkt 18.48 Uhr deutscher Zeit startete der Dienst am Samstagabend, und seitdem rennen die User ihm die Server ein.

In der ersten Stunde verzeichnete Mega 100.000 Nutzer, zwei Stunden später waren es bereits 250.000. Zufrieden twitterte der Gründer: "Wow. Das habe ich noch nie gesehen. Von 0 auf 10 Gigabit Bandbreitennutzung in zehn Minuten." Und ergänzte kurz darauf: "Die Server laufen am Maximum. Wow!!!"

Das Interesse der Nutzer scheint nicht nachzulassen: Am Sonntagmorgen knackte Schmitz bereits die Marke von einer Million Besuchern, mehr als 500.000 Nutzer haben sich mittlerweile für den Dienst angemeldet. Als Schmitz auf der Pressekonferenz die Zahlen verkündet, freut sich der Zwei-Meter-Hüne wie ein Schuljunge und grinst über das ganze Gesicht.

Cloud-Dienst im Teststadium

Doch der Riesenansturm hinterlässt Spuren: Einige User beschweren sich, nach ihrer Registrierung stundenlang keine Bestätigungsmail bekommen zu haben, um den Dienst ohne Einschränkungen nutzen zu können. Auch Uploads sind sehr langsam, häufig brechen sie ab. "Wir arbeiten bereits an weiteren Kapazitäten", schreibt Schmitz seinen 250.000 Followern. Ein einzelnes Server-Rack von Mega habe mehr Bandbreite als der Rest von Neuseeland. Einen Beleg dafür liefert er freilich nicht.

Doch nicht nur die überfüllten Server machen Probleme, auch die eigentliche Mega-Plattform befindet sich erst im Beta-Stadium, sie ist also noch nicht fertig programmiert. Apps für Smartphones und Tablets und Programme für PC, Mac oder Linux sucht man derzeit vergebens. Der Dienst funktioniert momentan nur im Browser, und selbst da ist er wählerisch: Da Mega vollgestopft ist mit anspruchsvollen Technologien wie Javascript und HTML5, empfehlen die Macher Googles Chrome, auch der Internet Explorer 10 liefert gute Ergebnisse. Schlechte Karten haben dagegen Nutzer des Opera-, Safari- oder Firefox-Browsers, hier sind einige Funktionen nicht verfügbar.

Der Dienst an sich funktioniert sehr simpel: Mit wenigen Mausklicks werden Dateien hochgeladen und automatisch verschlüsselt. Wer seine Daten anderen Nutzern zur Verfügung stellen möchte, muss den passenden Entschlüsselung-Key mitschicken. Mit diesem technischen Kniff versucht sich Kim Dotcom vor US-Anwälten zu schützen, denn wer nicht weiß, was die Nutzer hochladen, kann auch nicht dafür belangt werden, erklärt Schmitz. Auch sonst wähnt sich der Ex-Hacker auf der Seite des Rechts: Mega sei "das juristisch wohl am intensivsten geprüfte Startup der gesamten Internetgeschichte", sagt er bei seiner Start-Veranstaltung. "Jeder einzelne Pixel wurde durchgecheckt." Er beschäftigt laut eigener Aussage eine Armada von 28 Juristen.

Nach der Registrierung, für die nur Name, Passwort und eine E-Mail-Adresse benötigt wird, erhält der Nutzer 50 Gigabyte kostenlosen Speicherplatz. Wer mehr und schneller laden will, hat die Wahl zwischen drei kostenpflichtigen Premiumpaketen: 500 Gigabyte Speicherplatz und ein Terabyte Bandbreite gibt es für 9,99 Euro im Monat, zwei Terabyte Speicher und vier Terabyte Bandbreite gibt es für 19,99 Euro. Das größte Paket für monatlich 29,99 Euro bietet vier Terabyte Platz und acht Terabyte zum Laden.

Das Kimperium wächst

Und obwohl Mega noch mit einigen Kinderkrankheiten zu kämpfen hat, gibt sich Schmitz siegessicher und kündigt bereits neue Dienste seines "Kimperiums" an: Er und sein Team basteln momentan an einem Dienst namens Mega-Movie, dass populären Streamingdiensten wie Netflix Paroli bieten soll. Allerdings fehlen noch die Lizenzen der TV- und Filmproduzenten. In sechs Monaten will er zudem die bereits vor Monaten angekündigte Megabox starten, einen Musikdienst, mit dem Künstler ohne Zwischenhändler ihre Musik direkt an Fans verkaufen können. 90 Prozent der Einnahmen sollen dort in die Taschen der Musiker fließen, er als Vermittler werde nur zehn Prozent des Umsatzes behalten, erklärt er. Der Musikindustrie dürften die Ambitionen des Wahl-Neuseeländers schon jetzt ein Dorn im Auge sein.

© 2014 stern.de GmbH