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Bücher online leihen

Die öffentlichen Bibliotheken in Deutschland haben mit der "Onleihe" ein europaweit einzigartiges Angebot gestartet. Bücher und andere digitalisierte Medien können ab sofort über die Internetseiten der Büchereien auch online ausgeliehen werden. Solange der Vorrat reicht.

Von Ulf Schönert

  • Ulf Schönert

Staub, Eselsohren, Mahngebühren: Das ist, was viele noch immer mit Bibliotheken verbinden. Doch jetzt soll alles anders werden. Vier öffentliche Büchereien ermöglichen seit heute eine "Online-Ausleihe": Damit brauchen die Leser erstmals nicht mehr in die Bibliothek zu kommen, um an Bücher, Zeitschriften, CDs oder Filme zu kommen - die Medien stehen zum Herunterladen aus dem Internet bereit.

DRM-Schutz ersetzt Rückgabe

Benötigt wird einzig ein gültiger Büchereiausweis einer der angeschlossenen Bibliotheken. Zusätzliche Kosten entstehen nicht. "Uns ist es egal, ob die Leute ein elektronisches Buch oder ein Papierbuch ausleihen", sagt Hannelore Vogt von der Stadtbücherei Würzburg, die gemeinsam mit Köln, München und Hamburg zu den Vorreitern gehört. In den kommenden Wochen sollen zunächst Berlin, Düsseldorf, Oldenburg und Frankfurt/Oder folgen. Am Ende des Jahres soll die Online-Ausleihe bei 20 Büchereien funktionieren. 24 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche funktioniert die "Onleihe", ein Kunstwort aus Online und Ausleihe. Wobei Letzteres durchaus wörtlich zu nehmen ist. Denn die Dateien stehen nur in begrenzter Zahl zur Verfügung. Wenn zum Beispiel Max Frischs "Andorra" von einem Leser ausgeliehen worden ist, kann es kein anderer mehr herunterladen. Erst wenn die Leihfrist abgelaufen ist - in der Regel nach einer Woche - können andere wieder darauf zurückgreifen.

Alle angebotenen Dateien sind nämlich DRM-geschützt, das heißt, sie lassen sich nur für eine bestimmte Zeit nutzen. Danach werden die Dateien automatisch unbrauchbar. Die Frist überschreiten und damit Mahngebühren zu riskieren, geht also vom Prinzip her gar nicht. DRM sorgt darüber hinaus dafür, dass man die Dateien nicht einfach kopieren kann. Selbst das Ausdrucken oder auf CD brennen ist in der Regel nicht möglich - darauf haben die Verlage bestanden. Zudem kann nur mitmachen, wer einen Windows-PC hat (XP oder Vista) und außerdem den aktuellen Windows Media Player und den Adobe Reader 7 installiert hat.

Wer diese Voraussetzungen aber erfüllt, und das dürften in Deutschland die allermeisten Computer-Nutzer seien, bekommt mit der "Onleihe" ein prima Zusatzangebot, das - so hoffen die Betreiber - den Büchereien viele neue Nutzer zuführen wird. In der Tat ist die Bedienung einfach und die Seite übersichtlich gemacht. Wer schon mal bei Amazon oder buch.de eingekauft hat, wird sich auch in der Online-Bibliothek gut zurechtfinden. Zum Teil sind die Werke sogar im Volltext durchsuchbar, was das Angebot zum Beispiel für wissenschaftliche Recherchen attraktiv macht. Bezahlt wird die Online-Bibliothek aus den laufenden Etats der Büchereien. "Uns kostet das insgesamt etwa so viel wie der Betrieb einer Stadtteilbücherei", sagt Hella Schwemer-Martienßen von den Hamburger Bücherhallen.

Internethandel boomt

Der Schritt ins Internet ist für die Büchereien konsequent: Während die Nutzerzahlen der klassischen Bibliotheken stagnieren oder zurückgehen, boomt das Herunterladen von Medien ungebrochen: 31 Millionen Dateien wurden im letzten Jahr online gekauft. Dass man zum Beispiel Musik auch temporär mieten kann, beweisen Musik-Flatrates von Napster oder Musicload schon seit langem.

10.000 Medien stehen zum Start zur Auswahl. Mehr haben die Verlage bislang nicht freigegeben. Denn anders als die herkömmliche Buch-Ausleihe müssen sie einen Download-Verleih nicht hinnehmen. So gibt es kaum Bestseller, dafür viel Nischenware: Kinder- und Sachbücher, Reiseführer und Ratgeber. Auch die Auswahl an Filmen und Zeitschriften ist noch mau, bei CDs gibt es keine Pop- oder Rockmusik, sondern nur Blues, Jazz und Klassik. "Ausbaufähig" sagen dazu die Marketing-Menschen.

Zweiter Nachteil: Die Leihfristen sind statisch. Wer zum Beispiel einen Film ausleiht, kann ihn nicht vorzeitig "zurückgeben", sobald er ihn gesehen hat, sondern blockiert ihn auch für andere Nutzer bis die festgesetzte Leihfrist abgelaufen ist. Das ist auch für den Ausleiher blöd, denn man kann immer nur fünf Medien gleichzeitig entleihen. Ist das Kontingent ausgeschöpft, muss man erst einmal warten, bis eins der Medien wieder "verfällt", um wieder etwas Neues ausleihen zu können.

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