Mobile Ansicht
Wechseln Sie für eine bessere
Darstellung auf die mobile Ansicht
Weiterlesen Mobile Ansicht
HOME

Abhängen in der Kulturlounge

Soziale Netzwerke gibt es zu Genüge. Für Studenten, Schüler und sogar Katzenliebhaber. Für Künstler war bisher Myspace die erste Wahl. Ein deutsches Start Up plant die digitale (R)Evolution für die Künstlerszene. Hobnox.com will der neue digitale Hort für moderne Kultur werden.

Von Felix Disselhoff

"Hobnox" klingt erstmal sperrig. Hobnox kommt aus dem Englischen, zur Hälfte. "to hobnob" bedeutet "mit Freunden abhängen", und "nox" ist eine Abkürzung für "new open media experience". "Der Name sollte ein fantasievolles Potenzial haben", sagt Hobnox-Chef Alfred Tolle. Finanzielles Potenzial sollte die selbst ernannte "rich media platform" haben. Mit Alfred Tolle, Ex-CEO von Lycos Inc., und Alexander Gorny, vormals Pixelpark, sitzen bei Hobnox bekannte Namen mit im Boot. Wohl nicht zuletzt deshalb bewegt sich das Investitionsvolumen im siebenstelligen Bereich, wie aus Unternehmenskreisen zu erfahren ist. Dementieren will die Presseabteilung diese Gerüchte nicht. Trotz solch hoher Summen kam die Idee nicht aus Übersee. In Köln am Rhein überzeugte Alex Gorny Alfred Tolle, bei dem noch jungen Projekt mit einzusteigen. Mittlerweile funktioniert Hobnox mit rund 70 Mitarbeitern dezentral: Die Netzwerke der Gründer an den Standorten Köln, Berlin und München arbeiten zusammen. Darüber hinaus gibt es Hobnox-Büros in London und Boston. "Amerika ist zur Zeit aber eher ein Testfeld. Wir wollen uns voll und ganz auf den deutschen Markt konzentrieren", so Pressesprecher Ulrich Schmidt-Marwede.

Gemeinsames Ziel aller Standorte ist, eine Plattform von Künstlern für Künstler zu schaffen. Im Trailer auf der Startseite stapelt man nicht gerade tief: "Nieder mit dem Fernsehen. Nix für Kreative wie Du und ich." Viele Künstler haben das Internet schon als eigene Vermarktungsplattform entdeckt. Hobnox will sie zusammenführen und bereits professionell arbeitenden Köpfen die Möglichkeit bieten, sich zu präsentieren und bekannter zu werden. Zum Schluss entscheidet eine Redaktion aus ausgesuchten Experten, welche Beiträge auf den vier Channels gezeigt werden. Die Channels sind wiederum in ihren Genres nicht festgelegt. Underground-Electro-Musik hat also die gleichen Chancen wie ein gut gemachter Kurzfilm

Youtube war gestern

Unscharfe und verwackelte Videos à la Youtube sucht man allerdings vergebens. Vier Kanäle können auf dem Onlineportal, das im November letzten Jahres an den Start ging, aufgerufen werden. "SLY-Fi" bringt Musik in verschiedenen Formen auf die Ohren - und die Augen. Zu sehen gibt es Videoclips, Making-Ofs und Konzert-Mitschnitte. "99 stories" erzählt Geschichten aus der Welt der Kunst: Vom Kurzinterview mit Will Smith bis zur skurrilen Pressekonferenz von Regisseur David Lynch findet man allerlei Unterhaltsames und Seltsames von und über Künstler.

"Str33t.org" dagegen bringt die Straßenkultur ins Wohnzimmer: Skatboarding und andere Straßensportarten, Mode, Graffiti oder Beatboxing bekommen eine eigene Plattform. "Mi145" hat die Augen und Ohren am Puls des Underground und berichtet von unbekannten Bands bis zum Untergrund-Dancefloor. Die Macher von Hobnox setzen bei der redaktionellen Auswahl der Videos eher auf Klasse statt Masse: Zurzeit werden die Beiträge noch von Profis und Partnern des Unternehmens geliefert. Die Clips und Episoden sind hochwertig produziert und aufgemacht. "Privatvideos von Grillfesten mit der Familie wollen wir nicht unbedingt haben. Da müsste es schon ein sehr, sehr musikalisches Grillfest werden", meint Pressesprecher Schmidt-Marwede.

Viel Wert wurde auch auf den Web-Player gelegt. Die Filme starten ohne Wartezeiten, und mit den halbtransparenten Bedienleisten steuert sich nicht nur die Wiedergabe: Zum laufenden Video können passende Episoden angezeigt werden, und Zuschauer können das Video verlinken oder einem Freund schicken.

Neues Netzwerk, alte Probleme

Schöner Player hin, hochwertiger Content her. Wie will man die Investitionen wieder reinholen? Vor allem über Abos: Abonnenten erhalten breitere technische Möglichkeiten, Inhalte zu produzieren. Spätestens Ende 2008/Anfang 2009 soll es dann möglich sein, im eigenen Videoclip Werbung zu schalten. Jeder Klick bringt dann Punkte, die wiederum für Prämien eingesetzt werden können.

Doch Hobnox wäre nicht die erste Social Community mit dem Problem, aus der Masse seiner User Erlöse zu generieren. "Natürlich wird das zu Beginn über einfache Bannerwerbung laufen. Später sind dann beispielsweise Premiumpakete für Bands denkbar, die ihre Videos und Songs bei uns hosten wollen. Das ist aber noch in Planung", meint Schmidt-Marwede.

Hobnox ist nicht zuletzt auch von den Musikern, Filmemachern und Designern abhängig, die sich dort digital niederlassen. Denn nur wenn die Ware auch nachgefragt ist, lässt sie sich auch entsprechend vermarkten.

Obwohl die Seite jetzt schon einen Blick wert ist, werden die vier Channels und das komplette Layout Anfang März offiziell gestartet. Um dieses Ereignis möglichst effektvoll zu gestalten und um genügend Kreative auf die Seite zu holen, wurde der "Hobnox Evolution Contest" Ende letzten Jahres gestartet. Dessen Jury kommt nicht von ungefähr: Mit Regisseur Hans Weingartner ("Die fetten Jahre sind vorbei"), Dirk Gehlen, Redaktionsleiter bei jetzt.de, oder Andreas Wendin, Sänger der schwedischen Band Moneybrother, sind jede Menge kluge Köpfe aus Print, Musik und Fernsehen vertreten.

Die Nominierten in den Kategorien Film, Musik und Urban Culture stehen mittlerweile fest. Die Siegerprojekte werden nun am 28. Februar in Berlin gekürt und mit jeweils 25.000 Euro gefördert. Nicht kleckern, sondern ordentlich klotzen lautet die Devise. Der Plan scheint aufzugehen: Mehr als 29.000 registrierte User und rund 1300 eingereichte Projekte seit dem Start im Oktober 2007 können sich sehen lassen. Bleibt nur zu hoffen, dass die Web-2.0-Blase für solch engagierte Projekte nicht allzu früh platzt.

täglich & kostenlos
Täglich & kostenlos

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools