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Von der Gosse in die Villa

Es ist der Renner unter den Online-Spielen und führt zu heftigen Kontroversen: In "Pennergame.de" zieht man als betrunkener Obdachloser durch Hamburg, sammelt Flaschen und beklaut Bürger. Am Ende winkt, anderes als in der Realität, ein Schloss in Blankenese. Ist das nun Spaß oder Diskriminierung?

Von Thomas Soltau

Wenn das Spiel "Pennergame.de" die Wirklichkeit widerspiegeln würde, wären alle Villen von Blankenese im Besitz von Obdachlosen. Denn bei Deutschlands rasant wachsendem Internet-Spiel klickt man sich im Idealfall vom Obdachlosen zum Schlossbesitzer in einem Hamburger Nobelviertel hoch. Dafür muss man seinem zu Beginn untalentierten Avatar allerhand beibringen - denn er kann weder Lesen noch Schreiben. Wie Überfälle auf Currywurst-Buden oder Trickbetrügereien funktionieren, die Geld in die klammen Kassen spülen sollen, erlernt der Spieler erst in Seminaren. Denn Geld benötigt der virtuelle Penner ständig, und das nicht nur, um seinen Alkoholpegel hochzuhalte - und damit seine Stimmung. Kein Wunder, dass die virtuelle Säufer-Gemeinde bislang mehr als 28 Millionen Flaschen Bier geleert hat.

Obwohl "Pennergame", erst seit knapp drei Monaten online ist, verzeichnet es täglich bis zu 10.000 neue Besucher und kommt monatlich auf eine Milliarde Klicks. Knapp 600.000 registrierte Benutzer schnorren und klauen um die Wette. Die Idee zum Spiel hatten die beiden Jungunternehmer Marius Follert (19) und Niels Wildung (19). "Wir sind von unserem Erfolg total überrascht worden", erklärt Geschäftsführer Follert, dem die Idee vor gut einem Jahr bei einem Bummel über den Hamburger Kiez kam. "Es ist ja ein gesellschaftliches Phänomen, dass immer mehr Flaschensammler unterwegs sind." Um das Projekt voranzutreiben, schmiss Follert die Schule und kümmert sich nur noch um das Spiel. Unterstützung bekommen die Hamburger von zwei Game-Investoren, die das Kapital zur Verfügung stellen. Mittlerweile finanziert sich die Seite über Werbung und den Verkauf von Premium-Mitgliedschaften.

Bereits mit zwölf Jahren fingen die beiden Freunde mit dem Programmieren an. Die Hingabe zu Computern zahlt sich jetzt aus. Mittlerweile besitzen die beiden Hamburger ihre eigene Firma "Farbflut GmbH", residieren in noblen Geschäftsräumen im Stadtteil Rotherbaum und haben einen Preis für das beste Online-Game Deutschlands im Schrank stehen. Die Jungunternehmer mussten auf das rasche Wachstum der Firma reagierten, nachdem ihre Kapazitäten ausgeschöpft waren. Jetzt unterstützen sie vier Mitarbeiter bei der Weiterentwicklung des Games.

Saufen, klauen und prügeln

Wo viel Licht ist, da gibt es bekanntlich auch Schatten. Kritiker bemängeln das bedenkliche Bild von Obdachlosen, das im Spiel transportiert wird. Saufen, klauen und prügeln als gesellschaftlicher Anreiz für den Aufstieg ist für viele eine Diskriminierung von Obdachlosen. Susanne Hassen, Pressesprecherin des Diakonischen Werks Hamburg ist schockiert. " Allein schon die Formulierung "Penner"/"Pennergame" ist beleidigend. Darüber hinaus werden alle stereotypen Vorurteile gegen Menschen, die auf der Straße leben bedient und verstärkt. Gegenüber den betroffenen Menschen ist das Spiel zynisch."

Hassen sieht eine sogar eine Gefahr in dem Spiel. "Das Spiel fördert weder Verständnis noch das Einfühlen in eine schwierige soziale Realität. Vielmehr wird ein Verständnis sogar verbaut, weil eine virtuelle Scheinwelt aus Monopoly und Risiko an die Stelle realer Obdachlosigkeit gesetzt wird", so die Sprecherin der Diakonie, die auch das Hamburger Straßenmagazin "Hinz & Kunzt" herausgeben.

Die Macher vom "Pennergame" sehen das natürlich anders. "Wir greifen ein aktuelles Thema auf. Die Einkommensschere geht immer weiter auseinander, das Bild auf den Straßen wird dramatischer. Wir haben das Thema in einen neuen Kontext gebracht, um gezielt Jugendliche anzusprechen", erklärt Follert. "Klar, der Name "Pennergame" provoziert womöglich. Das ist uns bewusst. Wir wollen niemanden verletzen. Letztlich muss man auch die ironische Seite des Spiels sehen."

Satire und Charme

Follert argumentiert mit der Satire und dem Charme des Spiels, weil die Charaktere Klischees bedienen, die absolut überzeichnet seien. Außerdem sei es ja das Ziel eines jeden Spielers, so der Entwickler, seinen Avatar finanziell und intellektuell weiterzuentwickeln und ihn so aus der Gosse zu führen. Dafür müsse er Weiterbildungen besuchen, um seine sozialen und gesellschaftliche Kompetenzen zu erweitern. Die Spieler formieren sich in Banden, in denen sie Schutz erhalten und bieten. "Auch das ist eine soziale Komponente", glaubt Follert.

Der Gründer von Pennergame hat jedenfalls keine Bedenken, das Jugendliche die Obdachlosen als Witzfiguren abstempeln. Ganz im Gegenteil: Vielmehr würde Pennergame mit Spaß auf das brisante Thema aufmerksam machen. "In den Foren diskutieren User plötzlich über Armut in Deutschland", sagt Marius Follert. "Das sind Jugendliche, die sich sonst wohl kaum für das Thema erwärmen würden." Einige Spieler fordern allerdings auch mehr Brutalität. So gibt es Anfragen nach Waffen, mit denen sich die Penner in Bandenkämpfen niedermetzeln können. Wünsche, denen die Betreiber auf keinem Fall nachkommen wollen.

Eure Armut kotzt mich an

Der enorme Erfolg des Spiels macht Susanne Hassen vom Diakonischen Werk nachdenklich. "Normalerweise könnte man sagen, das Ganze sei ein richtig schlechter Dummer-Jungen-Witz: Lustig machen auf Kosten anderer, geschmacklos, beleidigend. Wirklich Besorgnis erregend ist aus unserer Sicht jedoch der Umstand, dass hunderttausende dieses Spiel spielen." Und: "In unseren Augen ist das ein Indiz für soziale Verrohung und für den Umstand, dass bestimmte soziale Realitäten aus dem Massenbewusstsein systematisch verdrängt werden. Von daher bewegt sich "Pennergame.de" auf einer ähnlichen Ebene wie der brutale Slogan "Eure Armut kotzt mich an", meint Hassen.

Nach eigenen Aussagen arbeiten die Geschäftsführer nicht Gewinn orientiert. Sie wollen sogar einen Teil ihrer Erträge an Hilfsorganisationen in Hamburg spenden. Auf konkrete Nachfrage kann Geschäftsführer Follert aber nicht beziffern, wie viel Prozent vom Umsatz an Bedürftige geht. Eigentlich ein lobenswerter Gedanke, den Susanne Hassen aber als Trick einstuft. "Wenn das erwirtschaftete Geld für soziale Zwecke gespendet werden soll, muss man das wohl als moderne Form des Ablasshandels bezeichnen. Augenwischerei trifft das noch nicht einmal richtig, freikaufen trifft es eher: Da haben Leute irgendwie ein schlechtes Gewissen und beruhigen das mit Geld."

Klar scheint, dass mit dem Spiel der Rubel rollt. Denn beflügelt durch den Erfolg haben die Hamburger Unternehmer bereits weitere Ableger im Auge. "Wir werden das Spiel jetzt für die USA, Großbritannien, Frankreich und Polen adaptieren", erklärt Follert. "In London wird das Leben für Penner besonders schwierig: "Da fällt eine sichere Einnahmequelle weg", erklärt Marius Follert. "Es gibt dort leider keine Pfandflaschen." Übrigens: Seit Neuestem kann der Spieler seinen Obdachlosen selbst vom Schulhof aus per Handy zum Flaschensammeln schicken.

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