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Goldrausch in Azeroth

Tausende Chinesen leben von einem ungewöhnlichen Job: Sie scheffeln im Online-Rollenspiel "World of Warcraft" virtuelles Gold, um es für echte Euro an andere Spieler zu verkaufen. Der stern hat die "Goldfarmer" in China besucht.

Von Adrian Geiges

"Suche hauptberufliche Spieler", steht auf dem Schild, das Li Yong (Name von der Redaktion geändert) hochhält. Dutzende Schulabgänger drängen sich um ihn, fragen nach den Konditionen. Er schreit: "800 Yuan im Monat, außerdem Kost und Logis." Das sind umgerechnet 80 Euro, mehr als die Bauarbeiter und Installateure verdienen, die nebenan gesucht werden in Qingdao, einer Hafenstadt etwa 600 Kilometer südöstlich von Peking. Und der Arbeitsplatz an sich ist auch viel reizvoller: Er liegt in Azeroth, einem Fabelstaat, der nur im Internet existiert, im Online-Rollenspiel "World of Warcraft". Dort jagen Krieger Monster, Magier zaubern, Fürsten bauen Schlösser. Sechs Millionen Menschen spielen weltweit das Spiel mit- und gegeneinander - alles potenzielle Kunden für Li Yong. Auch in Deutschland, wo Goldmünzen bei Ebay verkauft werden.

Das Spielgeld

Denn wie jeder Staat hat auch Azeroth eine Währung: Goldmünzen, mit denen die Spieler Schwerter und Rüstungen kaufen können. Wer eine Aufgabe im Spiel erledigt, bekommt dafür Münzen, aber nur wer viel spielt, wird reich. Hier kommt Li ins Spiel: Denn wer schnell reich werden oder nicht allzu viel am PC sitzen will, der kann sich bei ihm virtuelles Gold kaufen - für echte Euro und Dollar. Das ist sein Geschäftsmodell, und deswegen steht der 38-Jährige jetzt mit dem Schild im Kulturpark von Qingdao: "Ich finde immer Leute, die mir helfen, das Spielgold anzuhäufen", sagt er - und das klingt plausibel in einem Land wie China, in dem 26 Millionen Menschen jeden Tag online spielen. 20 Mitarbeiter hat er bereits. Sie reden ihn mit "Präsident Li" an.

Hinter Stacheldrahtund Mauern, mit uniformierten Wachen am Tor, liegt eine typisch chinesische Wohnsiedlung. In einem Bungalow sieht man durch das Fenster junge Frauen und Männer, die am PC arbeiten. Nichts Besonderes, wenn es nicht zwei Uhr am Sonntagmorgen wäre. "Meine Leute spielen in Schichten, rund um die Uhr", sagt Li, "so haben wir einen Vorteil gegenüber den westlichen Spielern, die täglich bestenfalls ein paar Stunden Zeit haben, weil sie auch noch arbeiten und schlafen müssen."

Phantom-Firma

Ein Firmenschild gibt es nicht. "Das würde nur Ärger verursachen", referiert der Präsident, der bereits einmal wegen Betrugs gesessen hat, "dann müsste ich Steuern bezahlen, legal Software kaufen, und die Behörden könnten Gesundheitschecks für meine Mitarbeiter anordnen." Seine Angestellten, alle jünger als 25, drängen sich in zwei kleinen Räumen, Computer an Computer, Tisch an Tisch. Die weißen Wände sind kahl, bis auf ein kitschiges Poster mit Blumen und Kranichen. Umso bunter geht es auf den Bildschirmen zu: Dort brennen Feuer, kämpfen Krieger, drohen Dämonen, der Drache Onyxia speit einen Feuerball.

Einer seiner Mitarbeiter klickt auf dem Monitor einen hölzernen Briefkasten an und tippt den Namen ein, den er im Spiel benutzt, "der rechte Flügel des Drachen Zhang". "Ich verschicke gerade 173 Goldmünzen", sagt er. Auf einem Monitor wird die Transaktion in einer Excel-Tabelle festgehalten. Derzeit fallen die Preise zwar für "Armschienen des tiefen Zorns" und andere Artefakte, umgerechnet gibt es momentan nur drei bis vier Cent pro Goldmünze. Das liegt daran, dass allein in China fast 100 000 Spieler ihren Arbeitsplatz in "World of Warcraft" haben, schätzt Li. Und das führt selbst im künstlichen Staat Azeroth zu Inflation. Lis Geschäft ist dennoch profitabel - wegen der billigen Arbeitskräfte. Er setzt nach eigenen Angaben 1,8 Millionen Yuan im Jahr um, umgerechnet 180 000 Euro.

Feind der Ehrlichen

Die meisten ehrlichen Spieler allerdings sehen in Profis wie Li Yong einen Feind. Jemanden, der ihr Spiel kaputtmacht, weil sich nun jeder Dahergelaufene mit Geld virtuellen Status und Wohlstand erkaufen kann. Sie schimpfen seine Leute "Goldfarmer" und rufen sogar zur Jagd auf: "Tötet die Chinafarmer!" Der Konflikt eskaliert, die chinesischsprachige Site "Tales of Warcraft" empört sich bereits über die "Diskriminierung aller chinesischen Spieler". Nicht jeder der 1,5 Millionen "World of Warcraft"-Spieler aus China sei ein raffgieriger Profi. Doch es gibt bereits Kollateralschäden: "Ich besaß wertvolle Kostüme und Waffen", schreibt einer, der sich Qian nennt, in einem Internetforum. "Als ich meinen PC gestartet habe, war meine Figur nackt. Alles ist verschwunden. Mein Herz ist gebrochen." Ein Hacker hatte sich bedient.

Kein Einzelfall. Eine Umfrage von Rising Antivirus, der größten Anti-Viren-Firma in China, hat ergeben: 61 Prozent der Amateurspieler wurden virtuelle Besitztümer gestohlen. 33 Prozent verloren sogar die Spielzugänge und damit ihre Identität in Azeroth. Was für viele wie ein Weltuntergang ist, sehen einige als Chance. "Du hast mir mein normales Leben zurückgebracht", bedankt sich ein Opfer bei einem unbekannten Dieb in einem chinesischen Forum. "Ich verdiene keine Goldmünzen mehr, dafür wieder echtes Geld. Seit ich mich nicht mehr mit Feen abgebe, habe ich endlich Zeit für meine Freundin. Statt einer Rüstung trage ich jetzt Armani."

Mitarbeit: Ellen Deng

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