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6. April 2008, 09:54 Uhr

"Ich bin auf die Nase gefallen"

Verkaufen Sie nichts mehr bei Ebay?

Das ist vorbei. Mir haben viele Leute angeboten, ich soll es wieder machen und etwas für sie aufbauen. Nein! Das war so eine stressige Zeit – fürchterlich!

Wenn man Ihr Buch liest, hat man das Gefühl, eigentlich war die Katastrophe vorhersehbar.

Jein. Was ich zeigen wollte in dem Buch ist erst einmal, dass das Geschäft nicht so easy ist. Es ist immer etwas Neues passiert, weil alles neu war. Wir sind damals mitgewachsen mit einem neuen Markt. Ich glaube, das ist heute einfacher.

Wieso?

Weil die Systeme inzwischen erprobt sind. Als wir begonnen haben, war von Paypal zum Beispiel noch gar keine Rede. Dann ist Paypal erfunden worden. Dann hat Paypal immer neue Sachen eingeführt, etwa wenn der Kunde nicht zufrieden ist mit der Ware, kann er einfach den Betrag blocken und kriegt sein Geld zurück. Wahnsinn! Dann haben natürlich hunderte Leute irgendeine Kleinigkeit auszusetzen gehabt und sofort ihr Geld geblockt. Bis PayPal darauf gekommen ist, dass es so auch nicht geht. Heute gibt es ein anderes Verfahren dafür. Oder Bewertungsrücknahmen. Da gab es früher auch die wüstesten Systeme.

Sie schreiben, dass Sie den Verdacht hatten, dass Konkurrenten Sie öfter bewusst reingelegt haben, damit Ebay Ihre Auktionen vom Netz nimmt.

Sicher. Und ganz ehrlich: Das haben wir uns auch überlegt. Wir haben es nie durchgezogen, aber es ist wahnsinnig leicht. Etwa die Geschichte mit dem Autoradio. Da haben zwei Typen bei uns ein Autoradio auf 40 Millionen Euro raufgeboten. Im Prinzip egal, aber wenn das verkauft ist, fallen 3,5 Millionen Euro Gebühren an. Und in dem Moment wird das Konto gesperrt.

Und das hat keiner bei Ebay gemerkt?

Niemand hat dort daran gedacht, dass jemand so etwas tun könnte. Die Idee ist auch nicht dumm. Die Betrüger haben das natürlich am Freitag Nachmittag eingefädelt, als damals niemand mehr erreichbar war bei Ebay. Und bis Montag früh konnten wir keine neuen Artikel mehr einstellen. Mit der Bürokratie bei Ebay hat es dann bis Mittwoch gedauert, bis wir wieder ein Konto hatten, mit dem wir Artikel listen konnten.

Kamen solche Fälle häufiger vor?

Durchaus. Im Weihnachtsgeschäft haben einmal angebliche Kunden per Nachnahme Ware zu Fantasieadressen in Italien bestellt. Ganz teure Sachen wie Hightech- Kameras und LCD-Fernseher, nichts unter 1000 Euro. Wir waren natürlich happy, haben alles rausgeschickt. Irgendwann haben wir gecheckt, dass diese Ad- ressen nicht existieren. Und im Januar haben wir dann für eine halbe Millionen Euro Ware zurückbekommen, die zur der Zeit fast unverkäuflich ist.

Sie waren damals der größte Powerseller Europas. Wie viel haben Sie denn im Jahr an Ebay-Gebühren gezahlt?

2,5 bis 3 Millionen Euro.

Das muss man auch erst mal verdienen.

Am Ende haben wir uns ausgerechnet, dass wir für den Betrag auch eine Riesen- Shoppingmall hätten kaufen können. Und mit den steigenden Gebühren konnten wir kaum mithalten. Als die Gebühren am Anfang noch recht niedrig waren, haben wir in Europa Ware eingekauft. Dann haben wir gesehen, dass es sich nicht mehr lohnt, deshalb haben wir begonnen, sehr viel Grauware zu importieren und Elektronik zu verkaufen. Dann hat sich das auch nicht mehr gelohnt, weil die Gebühren wieder raufgingen und die Margen runter. Also fingen wir an, Produkte direkt aus China zu importieren. Und das hat eigentlich bis zuletzt gut funktioniert – wenn wir nur mit der Finanzierung hingekommen wären.

Haben Sie denn einen Tipp für Ebay- Verkäufer, welchen Fehler sie unbedingt vermeiden sollten?

Ich rate allen, darauf zu achten, dass ihre Ware möglichst garantie- und problemfrei ist. Wir haben damals zum Beispiel sehr gute Erfahrungen gemacht mit Produkten, die man verbaut, etwa Autoelektronik oder Duschen. Das ist ideal, weil der Kunde ein gewisses Maß an Wissen über diesen Artikel hat – sonst bestellt er ihn gar nicht, weil er ihn nicht einbauen kann. Wenn bei so einem Kunden eine Kleinigkeit kaputt ist, und das kann einfach passieren, dann kann er es selbst reparieren. Wenn ich aber mit Kunden handle, die keine Ahnung von einem Produkt haben, ist alles viel schwieriger. Da wird auch mal ein Fernseher als defekt zurückgeschickt, weil jemand den Einschaltknopf nicht findet.

Sie glauben, dass viele Händler den Aufwand für die Garantieabwicklung und den Support unterschätzen?

Auf alle Fälle. Das ist eine Falle, die erst nach sechs Monaten zuschnappt. Am Anfang funktioniert alles super, weil sich noch kein Kunde beschwert – und nach einem halben Jahr geht es plötzlich los.

Was machen Sie jetzt denn beruflich?

Ich arbeite als eine Art Künstler. Ich suche Motive aus und lasse sie in China in Öl malen. Das verkaufe ich in Galerien hier in Wien, in Amsterdam und in London. Und ich berate Firmen in Sachen Ebay und beim Import aus Fernost.

Sie arbeiten als Berater, obwohl Sie Pleite gemacht haben? Stört das Ihre Kunden nicht?

Nein, ich habe Erfahrung und aus meinen Fehlern gelernt. Sie interviewen mich ja auch, obwohl ich pleitegegangen bin.

Gerade deshalb! Wie läuft das Geschäft?

Ich kann davon leben. Ich leide aber immer noch unter dem Konkurs. Ich konnte mich mit zwei Banken vergleichen, aber eine dritte steigt mir noch nach, und wenn ich mich mit der vergleichen kann, habe ich es vielleicht bald hinter mir. Wenn nicht, kann das noch jahrelang gehen.

Als ihre Firma Qentis Konkurs angemeldet hat, haben über tausend Kunden ihre Ware nicht mehr bekommen, obwohl sie per Vorkasse gezahlt hatten. Haben Sie Ihren Gläubigern gegenüber kein schlechtes Gewissen?

Nein. Der Großteil der Kunden hat ja sowieso von Ebay und Paypal über den Käuferschutz das Geld wiederbekommen. Deswegen hält sich mein Mitleid für die Kunden in Grenzen. Aber ich habe mir gegenüber ein schlechtes Gewissen. Ich habe schließlich mein ganzes Vermögen verloren.

Interview: Fabrice Braun
Seite 1: "Ich bin auf die Nase gefallen"
Seite 2: Verkaufen Sie nichts mehr bei Ebay?
 
 
KOMMENTARE (10 von 15)
 
walterq (07.04.2008, 11:38 Uhr)
Cop+paste?
@quintus11: Äh, du hast schon gesehen, dass da groß steht, dass der Artikel aus dem eBay-Magazin übernommen ist?
akima01 (07.04.2008, 10:49 Uhr)
SAP war das Problem ?
Liebe Leut. SAP ist die erfolgreichste Software für mittlere und große Unternehmen der letzten 20 Jahre.
SAP ist aber sicherlich nichts für einen kleinen Ebay Händler mit 80 Mitarbeitern. Sorry aber hier R/3 einzusetzen war einfach nur unternehmerische Dummheit.
Dragono (06.04.2008, 17:22 Uhr)
SAP
Wenn der liebe her behauptet wegen SAP pleite zu gegangen zu sein, dann versucht er meiner Meinung nach nur zu vertuschen, dass es eh schon nicht so gut lief.
Gerade in so einen kritischen Umfeld wie den Vertrieb, sollte man immer bei einer geplanten Umstellung einen Plan B haben. Das bekommt jeder Azubi im IT-Bereich während der Ausbildung x-mal eingetrichtert.
Sublucem (06.04.2008, 15:55 Uhr)
Verwunderung
Ein Unternehmen geht bei einem Softwarefehler an einem recht wichtigen Knoten sehr wohl "den Bach runter". Normalerweise wird zwar stets dagegen gearbeitet, es gibt jedoch keine Garantie.
.
Ebenso ist bekannt, dass SAP keineswegs für jeden und alles die ultimative Lösung ist. So manches Unternehmen klagt heute noch und das nicht etwa, weil Klagen einen unglaublichen Spaßfaktor für ansonsten gestresste Manager darstellt, sondern eben deswegen, weil es ja zu finanziellen Einbußen kam.
quintus11 (06.04.2008, 15:12 Uhr)
Stimme Maria zu!
Eine ordentliche Firma geht nicht in einer Woche den Bach runter, wiel sie ein Softwareproblem hat und deswegen einen Kredit nicht bekommt.
SpaceM (06.04.2008, 12:57 Uhr)
Nicht SAP war das Problem
Ich kann Motte07 nur zustimmen. Die Berater waren das Problem. SAP an sich ist erst einmal eine Software wie andere auch. Das man mit dieser Software "etwas mehr" als mit MS Office machen kann, sollte jedem klar sein. Aber es kommt immer darauf an welche Prozesse in welcher Richtigkeit von welchem Berater implementiert werden und wie gut/doof sich die Anwender anstellen. SAP war nicht das Problem, sondern dass den Verantwortlichen die Prozesse nicht klar waren und der Berater falsch beraten hat.
Ivh weiß wovon ich spreche...
So long.
Miriamne (06.04.2008, 12:16 Uhr)
Bei mir bleibt es eher ein Hobby
Das Kunden einen nicht nur beklauen, sondern wirklich schädigen wollen, ist auch meine Erfahrung.
Und die Rechtslage verändert sich für den Verkäufer immer mehr zum schlechten. Z.B. wäre die Option "Versand ohne Versicherung" eine Hilfe, wenn der Käufer behauptet, die Ware nicht erhalten zu haben. Noch schlimmer wird es, wenn er noch vom Kauf zurück tritt.
Nee, ebay kann ich auch nicht als Job empfehlen und ich bin zwar gewerblich angemeldet, betrachte es aber nach wie vor als Hobby. Ich übernehme mich nicht und kann auch evtl. Schäden finanziell auffangen.
Aber es ist auch so schon schwierig, da die Lieferanten auch nicht immer ganz einfach sind. Manchmal habe ich bei dem ein oder anderen den Eindruck, dass ihnen ein ebay-Marktplatz nicht recht ist und die Ware absichtlich schlecht verpackt versendet o.ä.
Motte07 (06.04.2008, 11:49 Uhr)
Unternehmensberater
Wirft auch mal wieder ein schönes Licht, auf die Unternehmensberater-Branche. "Eine Schnittstelle SAP-EBay? Kein Problem!"
Typisch Consultants: Erstmal alles versprechen und ihre Kunden zutexten, dann aber nichts halten können, weil sie nur rhetorisch fit sind, aber nicht fachlich...
-
Hätte ich ein Unternehmen würde ich das Betriebsgelände für jede Art von Beratern zum Sperrgebiet erklären.
guinness.1 (06.04.2008, 11:44 Uhr)
@Maria1000 - Nicht verstanden? SAP war das Problem!
Da hat jemand von ganz unten mit unglaublich viel Mut und Fleiß es bis zu 80 Mitarbeitern geschafft (also denen Arbeit gegeben). Das ist bewundernswert, und jeder sollte sich erstmal überlegen, ob er selbst sich das trauen und dann auch noch hinbekommen würde, und vor allem soviel Arbeitskraft investieren wollte.
Und dann hat er das Pech, an die falsche Software-Firma zu geraten, die ihm alles versprechen und nichts halten.
Was kann er denn dafür?
.
Unverständlich solche Kommentare...
Mensch.Student (06.04.2008, 11:35 Uhr)
@Freaker
Hätte wohl schreiben sollen: Der letzte Absatz ...
Zahlen Sie mal 10EUR ohne was dafür zu bekommen und nehmen dann einen Zeitaufwand in Kauf um von ebay diese 10EUR zurückzubekommen. Und bekommen dann mit das der Schuldige sich nicht schuldig fühlt ...
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