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28. März 2010, 11:38 Uhr

Der Totengräber des Journalismus

Rosenblatt hat immer das richtige Gespür

Rosenblatt hatte mal wieder das richtige Gespür. Der Kalifornier ist ein Veteran, er startete bereits 1994 sein erstes Internetunternehmen, iMall, das er fünf Jahre später für 565 Mio. US-Dollar verkaufte. Anfang 2004 rekrutierten ihn Investoren als Chef für Intermix Media, ein kurz vor dem Bankrott stehendes Sammelsurium aus Unterhaltungs- und Marketingwebsites, darunter auch eine kleine Site namens Myspace. Rosenblatt schaffte den Turnaround - und machte aus Myspace die vorübergehend größte Social-Networking-Plattform der Welt. Vor fünf Jahren verkaufte er Myspace für 650 Mio. US-Dollar an Rupert Murdoch, er selbst soll dabei 23 Mio. US-Dollar kassiert haben.

Nun also Demand Media, für das Investoren wie Goldman Sachs oder Oak Investment Risikokapital in Höhe von 355 Mio. US-Dollar bereitgestellt haben. Rosenblatt und Colo kauften Enom, eine der größten Domain-Registrierungsstellen, die Experten-Website Expertvillage und Dutzende von kleinen Websites, wie die Golf-Community Golflink. So entstand ein Potpourri an Websites mit viel Inhalt, Nutzern und Werbung.

Unter Investmentbankern hieß es schon vor Jahren, Rosenblatt werde sich mit Demand Media "als Wahnsinniger oder Koryphäe erweisen", erinnert sich Fred Harman, Partner bei Oak Investment. Heute sei das keine Frage mehr. "Bei fast jedem kommt Richard zuerst als aalglatter Unternehmer an, der einem alles aufschwatzen könnte, und man weiß nicht, ob was dahintersteckt - aber es dauert nicht lange, bis man merkt, dass er ein brillanter Denker und Firmenbauer ist", sagt Harman.

Rosenblatts Unternehmen residiert in dem Glasbau, in dem einst Myspace aufgebaut wurde: In der Second Street, nur ein paar Blocks vom Pazifik entfernt. Die meisten Mitarbeiter sitzen in fensterlosen Großraumbüros. In einer Küche mit großen Fenstern stehen neben Xbox und Grill auch kostenlos Snacks, Süßigkeiten und Energiedrinks bereit. "Jeden Freitag gibt's hier Gratispizza für alle", sagt der Chef.

Bei den freien Mitarbeitern, darunter viele Journalisten mit jahrelanger Berufserfahrung, ist er nicht so großzügig. Pro Text, der ein paar Hundert Wörter umfassen soll, bezahlt Demand im Schnitt 15 bis 20 US-Dollar. Gute Schreiber, deren Beiträge prominent platziert werden, können 80 US-Dollar pro Stück verdienen. Der durchschnittliche Filmer kriegt 20 US-Dollar pro Clip, Redigierer 3,50 US-Dollar pro Text, Fakten-Checker 1 US-Dollar. Alle Freelancer versuchen, viele Inhalte und Videos mit möglichst wenig Aufwand herzustellen. Anders ist bei der miesen Bezahlung kein Geld zu verdienen.

Abgewertete Arbeit

"Die meisten empfinden es als Beleidigung, dass ihre Arbeit derart abgewertet wird", sagt Andria Krewson. Sie arbeitete 23 Jahre bei der Regionalzeitung "Charlotte Observer", bevor sie im April entlassen wurde. Dabei seien die Stundenlöhne für Medienschaffende außerhalb von Großstädten und renommierten Zeitungen auch nicht so viel besser als bei Demand. Krewson verfasste für Demand Texte über Ahnenforschung. Wie die meisten Freelancer will sie damit ihre Arbeitslosigkeit überbrücken, andere wollen ihr normales Einkommen aufbessern.

Die Medienbranche beobachtet das Treiben aufmerksam und ängstlich. Es gibt aber auch Veteranen, die Demands Auswirkungen auf den Journalismus gelassen entgegensehen. Der Dekan der renommierten Columbia Journalism School in New York gehört dazu. "Demand bietet 'Wie koche ich ein Hühnerfrikassee?'-Inhalte, nicht ‚Wie sind wir im Irakkrieg gelandet?‘-Analysen", sagt Bill Grueskin, der früher die Onlineausgabe des "Wall Street Journal" leitete. "Diese Inhalte sind keine große Bedrohung für den Journalismus, sie verdrängen eher andere Inhalte wie Enzyklopädien."

Doch Demand dringt immer tiefer in das Reich der Verlage und Medienunternehmen vor. Kleine Beiträge für den Reiseteil des "Atlanta Journal-Constitution" lässt die Firma bereits heute versuchsweise von qualifizierten Freelancern für bessere Honorare erstellen. Und nächsten Monat wird Rosenblatt Abkommen mit verschiedenen Verlagen bekannt geben, die Demand-Inhalte auf ihren Websites veröffentlichen werden. "Wir geben ihnen die Inhalte und teilen dann die damit generierten Werbeeinnahmen", sagt er. Es handele sich dabei um Inhalte, die die Zeitungen selbst nicht produzieren würden, also um eine Zusatzleistung für die Nutzer. "Wir schaffen einen Weg, um traditionelle journalistische Inhalte zu ergänzen. Und damit kommt Geld herein, das die Verlage brauchen", sagt er. "Wir sind damit bestimmt nicht die Retter des Journalismus, aber wir zerstören ihn auch nicht.

Von Helene Laube, Santa Monica
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KOMMENTARE (3 von 3)
 
train-und-coach.de (29.03.2010, 13:13 Uhr)
Totengräber: kein angemessenes Keyword für Journalismus
Der sehr interessante Artikel hat einige Ergänzungen verdient:
Der Super-Algorithmus von dem im Artikel die Rede ist, kann auch von jedem (auch von jedem Journalisten) kostenlos genutzt werden: Google AdWords Keyword-Tool: https://adwords.google.de/select/KeywordToolExternal.
Hier kann man recherchieren, welche Keywords und Keyword-Kombinationen besonders lukrativ sind, wenn die Besucher einer Website oder bei Google auf die entsprechende Werbeanzeige klicken.
Die Andeutungen, dass die Qualität der Texte von Demand-Media schlecht sein muss, passen nicht so recht zum Geschäftsmodell von Demand-Media. Erfolgreich kann der Text einer Website nur bei Google und Co. ranken, wenn einerseits das jeweils behandelte Thema mit passenden Keywords in angemessener Häufigkeit behandelt wird (und zwar so, dass er auch von Lesern gelesen und wahrgenommen wird). Anderseits hält sich der Text im Ranking nur, wenn er viele Links von anderen Websites bekommt. Dafür gibt es zwar Tricks, die aber nicht auffallen dürfen, sonst nimmt Google den Text aus dem Ranking oder setzt ihn nach unten.
Das Problem bei der Bezahlung der Texter ist nicht in erster Linie, dass sie zu niedrig ist, sondern dass Demand-Media die Bezahlung an den Erfolg des Textes bzw. seiner dazu passenden Werbeanzeigen koppeln kann. Somit kann das unternehmerische Risiko vollständig auf die Textproduzenten verlagert werden. Manche halten das für ein geniales Geschäftsmodell, andere sehen das nur als Abzocke.
Journalisten werden sich in den nächsten Jahren noch sehr intensiv mit Suchmaschinenoptimierung beschäftigen müssen. Denn ohne die kluge Anwendung von deren Regeln werden sie erleben, wie ihre Texte trotz umfänglicher und teuren Recherchen weniger beachtet werden und ihren Auftraggebern weniger Umsatz bringen, als die von Demand Media und Co. produzierten Inhalte.
Diesen Wettbewerb haben viele deutsche Zeitschriftenverleger noch nicht akzeptiert. Möglicherweise haben sie auch übersehen, dass Demand Media auch in Deutschland bereits präsent ist: Unter anderem Namen und mit etwas anderem Geschäftsmodell.
ssteffen (28.03.2010, 13:43 Uhr)
ist doch nichts Neues
selbst der Stern ist dieser Taktik erlegen. Erstmal berichten, dann überlegen und später nach der Wahrheit fragen. Flacher, Inhaltloser und schlecht recherchierter Journalismus ist doch Allgemeingut geworden. Es ist doch wichtiger zu berichten, welche Person gerade vom Supergolfer gevögelt wird. Als davon, was für Mist unsere Gesundheitspolitiker gerade ausbrüten. Es ist nicht wichtig wie komplex das Drama Kindesmissbrauch in der Katholischen Kirche sich zeigt.

Da hilft es auch nicht, wenn mal schnell auf andere gezeigt wird. Selbst auf dieser Seite kann ich als Beinahlegastheniker Rechtschreibfehler finden.

Liebe Reporter. Kehrt erst mal den eigenen Hof! Nicht nur Hitlertagebücher kaufen. Auch mal fragen ob diese in die Zeit passen.

Wir haben keinen Gott, wir haben Geld.
Neid, Missgunst und Gier regieren uns.
Das Leben ist schön.
Salzsteuer (28.03.2010, 12:58 Uhr)
FAGG =
für Amis gut genug!
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