Rosenblatt hatte mal wieder das richtige Gespür. Der Kalifornier ist ein Veteran, er startete bereits 1994 sein erstes Internetunternehmen, iMall, das er fünf Jahre später für 565 Mio. US-Dollar verkaufte. Anfang 2004 rekrutierten ihn Investoren als Chef für Intermix Media, ein kurz vor dem Bankrott stehendes Sammelsurium aus Unterhaltungs- und Marketingwebsites, darunter auch eine kleine Site namens Myspace. Rosenblatt schaffte den Turnaround - und machte aus Myspace die vorübergehend größte Social-Networking-Plattform der Welt. Vor fünf Jahren verkaufte er Myspace für 650 Mio. US-Dollar an Rupert Murdoch, er selbst soll dabei 23 Mio. US-Dollar kassiert haben.
Nun also Demand Media, für das Investoren wie Goldman Sachs oder Oak Investment Risikokapital in Höhe von 355 Mio. US-Dollar bereitgestellt haben. Rosenblatt und Colo kauften Enom, eine der größten Domain-Registrierungsstellen, die Experten-Website Expertvillage und Dutzende von kleinen Websites, wie die Golf-Community Golflink. So entstand ein Potpourri an Websites mit viel Inhalt, Nutzern und Werbung.
Unter Investmentbankern hieß es schon vor Jahren, Rosenblatt werde sich mit Demand Media "als Wahnsinniger oder Koryphäe erweisen", erinnert sich Fred Harman, Partner bei Oak Investment. Heute sei das keine Frage mehr. "Bei fast jedem kommt Richard zuerst als aalglatter Unternehmer an, der einem alles aufschwatzen könnte, und man weiß nicht, ob was dahintersteckt - aber es dauert nicht lange, bis man merkt, dass er ein brillanter Denker und Firmenbauer ist", sagt Harman.
Rosenblatts Unternehmen residiert in dem Glasbau, in dem einst Myspace aufgebaut wurde: In der Second Street, nur ein paar Blocks vom Pazifik entfernt. Die meisten Mitarbeiter sitzen in fensterlosen Großraumbüros. In einer Küche mit großen Fenstern stehen neben Xbox und Grill auch kostenlos Snacks, Süßigkeiten und Energiedrinks bereit. "Jeden Freitag gibt's hier Gratispizza für alle", sagt der Chef.
Bei den freien Mitarbeitern, darunter viele Journalisten mit jahrelanger Berufserfahrung, ist er nicht so großzügig. Pro Text, der ein paar Hundert Wörter umfassen soll, bezahlt Demand im Schnitt 15 bis 20 US-Dollar. Gute Schreiber, deren Beiträge prominent platziert werden, können 80 US-Dollar pro Stück verdienen. Der durchschnittliche Filmer kriegt 20 US-Dollar pro Clip, Redigierer 3,50 US-Dollar pro Text, Fakten-Checker 1 US-Dollar. Alle Freelancer versuchen, viele Inhalte und Videos mit möglichst wenig Aufwand herzustellen. Anders ist bei der miesen Bezahlung kein Geld zu verdienen.
"Die meisten empfinden es als Beleidigung, dass ihre Arbeit derart abgewertet wird", sagt Andria Krewson. Sie arbeitete 23 Jahre bei der Regionalzeitung "Charlotte Observer", bevor sie im April entlassen wurde. Dabei seien die Stundenlöhne für Medienschaffende außerhalb von Großstädten und renommierten Zeitungen auch nicht so viel besser als bei Demand. Krewson verfasste für Demand Texte über Ahnenforschung. Wie die meisten Freelancer will sie damit ihre Arbeitslosigkeit überbrücken, andere wollen ihr normales Einkommen aufbessern.
Die Medienbranche beobachtet das Treiben aufmerksam und ängstlich. Es gibt aber auch Veteranen, die Demands Auswirkungen auf den Journalismus gelassen entgegensehen. Der Dekan der renommierten Columbia Journalism School in New York gehört dazu. "Demand bietet 'Wie koche ich ein Hühnerfrikassee?'-Inhalte, nicht ‚Wie sind wir im Irakkrieg gelandet?‘-Analysen", sagt Bill Grueskin, der früher die Onlineausgabe des "Wall Street Journal" leitete. "Diese Inhalte sind keine große Bedrohung für den Journalismus, sie verdrängen eher andere Inhalte wie Enzyklopädien."
Doch Demand dringt immer tiefer in das Reich der Verlage und Medienunternehmen vor. Kleine Beiträge für den Reiseteil des "Atlanta Journal-Constitution" lässt die Firma bereits heute versuchsweise von qualifizierten Freelancern für bessere Honorare erstellen. Und nächsten Monat wird Rosenblatt Abkommen mit verschiedenen Verlagen bekannt geben, die Demand-Inhalte auf ihren Websites veröffentlichen werden. "Wir geben ihnen die Inhalte und teilen dann die damit generierten Werbeeinnahmen", sagt er. Es handele sich dabei um Inhalte, die die Zeitungen selbst nicht produzieren würden, also um eine Zusatzleistung für die Nutzer. "Wir schaffen einen Weg, um traditionelle journalistische Inhalte zu ergänzen. Und damit kommt Geld herein, das die Verlage brauchen", sagt er. "Wir sind damit bestimmt nicht die Retter des Journalismus, aber wir zerstören ihn auch nicht.