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27. Januar 2010, 12:13 Uhr

Wo die Zukunft schon da ist

Geistige Wechselbäder

Die Angst, was mit unseren Daten passiert, war neben dem Google-Blues ein weiteres Leitthema des DLD. Für den Facebook-Technikchef Mike Schroepfer sind die Beziehungen zwischen Menschen Daten, die er als "sozialen Klebstoff" bezeichnet: welche Klamotten mögen meine Freunde, welche Musik, welche Restaurants? Diese Informationen verbreiten sich über Facebook und sollen Werbung der entsprechenden Unternehmen anziehen.

Jede Woche landen 3,5 Milliarden Textbotschaften, Bilder und Videos der 350 Millionen aktiven Nutzer neu auf Facebook. Die riesigen Rechenzentren saugen quasi die Tagebücher einer ganzen Generation in sich auf. Und Facebook kann all diese Daten analysieren, um damit noch präzisere Werbung zu platzieren. Ein Psychogramm des vernetzten Teils des Planeten entsteht, ein emotionales Barometer - so als würden wir ein Kabel von unserem Hirn zum Internet legen und unsere Gedanken abzapfen lassen.

Auch bei der sechsten DLD-Konferenz erlebten die Besucher geistige Wechselbäder – eine Kneippkur für den Kopf. In einem Moment wurde der charmante, keinesfalls zynische Google-Manager Nikesh Arora unter Beifall bezichtigt, den Datenschutz der Suchmaschinen-Nutzer auf die leichte Schulter zu nehmen. Minuten später verkündete Arora unter tosendem Applaus, dass jeder DLD-Besucher ein Google-Handy Nexus One geschenkt bekomme, ein Wert von rund 600 Euro. Google verwandelte sich in einer Sekunde vom Buhmann in den Weihnachtsmann.

Mobiltelefone nicht als stylisches Gratis-Accessoire sondern als Überlebensmittel und digitaler Schulersatz - diesen gigantischen, gedanklichen Sprung machte der Friedens-Nobelpreisträger Muhammad Yunus. Er hat im bettelarmen Bangladesch Tausende sogenannter "Telephone Ladies" mit Handys ausgestattet. Die Frauen haben diese vermietet und so den Kredit zur Anschaffung abgezahlt. Das genossenschaftliche, nicht-profitorientierte Geschäftsprinzip wendet Yunus auf immer mehr Bereiche an - Gesundheitswesen, Ernährung und Bildung.

Die Telephone Ladies sind zu Internet Ladies geworden. Und von den bescheidenen Einkommen aus ihren Vermietgeschäften können die Mütter sogar ihre Kinder erstmals auf Schulen und Universitäten schicken. Genial, wie Yunus mit kapitalistischer Kreativität aber ohne Gier das Leben von Millionen Menschen verändert. Man fühlt sich wie auf einem Kirchentag. Und die versammelten Investoren, Banker und Unternehmer wirken im Vergleich mit dem schlauen Mikro-Banker aus Bangladesch plötzlich wie blutrünstige Heuschrecken.

DLD, Digital Life Design, Google

Friedensnobelpreisträger Yunus erzählt von seinem Projekt "Telephone Ladies" in Bangladesch© Johannes Simon/Getty Images

Der in den Sechzigern populäre Folksänger Donovan nahm den Kongress am Ende auf eine Zeitreise: "Das soziale Web ist die neuen Sechziger!" ist seine neue Botschaft. Bei Facebook vernetzen und twittern soll das Gegenstück zu freier Liebe, Kiffen und Protest gegen das System sein? Und wer steht dann für das Establishment? Die hundertfach angereisten Geldverteiler, die Risikokapitalisten und Investoren, ohne die all die Internet-Start-Ups niemals online gehen könnten? Oder doch eher Google, der Buhmann und Big Brother?

Mal schauen, ob zum nächsten DLD wieder Google-Manager anreisen. Man könnte fast verstehen, wenn sie zu Hause blieben - so wie sie in München abgewatscht wurden.

Von Dirk Liedtke
Seite 1: Wo die Zukunft schon da ist
Seite 2: Geistige Wechselbäder
 
 
KOMMENTARE (1 von 1)
 
bitterlemmer (27.01.2010, 13:43 Uhr)
Das Netz ist unschuldig
Ich verstehe die Debatte weithin nicht. Journalismus besteht für mich mindestens zwei Dritteln Recherche und einem Drittel für Schreiben und Produktion. In der Praxis der Redaktionen sieht das inzwischen ganz anders aus. Recherche wird häufig genannt, wenn der Redakteur mal einen Blick auf den Agenturticker oder ein paar Webseiten wirft. Ergebnis ist PR-getriebene Texte. Geschrieben wird, was Pressesprecher aus Politik, Wirtschaft, Lobby, Gewerkschaften, etc. heranreichen. Das hat mit dem Internet nichts zu tun. Das Netz ist nur eine Plattform. Die bietet sogar demjenigen die Chance, Recherche wieder zur Maxime zu machen, der das will. Beispiel gefällig?
Hier ein PR-getriebener Artikel: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-38915621.html
Hier ein recherchierter Blog-Artikel zum selben Thema: http://www.bitterlemmer.net/wp/2010/01/26/berlins-rechtsmedizin-chef-hofft-auf-bka-einsatz-in-haiti-aber-das-bka-will-offenbar-ihn-gar-nicht/
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