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18. September 2009, 16:42 Uhr

Der dubiose Handel mit Adelstiteln

"Der neue Name macht schick was her"

Für 299 Euro erhält man neben dem Titel einen Quadratmeter Land und ein Versprechen: "Mit Ihrem Engagement unterstützen Sie das Ziel der Stadt Berga und des Interessenvereins Schloss Berga e.V., die historisch bedeutende Schlossanlage zu erhalten und wertvolle Bauelemente wieder aufzubauen."

Doch die Sache ist nicht so einfach. Derzeitiger Besitzer von Schloss Berga ist nicht die Stadt oder der tatsächlich existierende Interessenverein, sondern Michael Hillmann, ein Geschäftspartner von Heiko Nowak. Er wickelt die Ebay-Geschäfte ab und bekommt auch erst einmal das Geld. Das ist nicht wenig, zumal neben den Titeln auch Prägezangen, Bademäntel oder Handtücher mit Wappen und Grafenschriftzug verkauft werden. "Angedacht war, dass 50 Prozent der Einahmen an den Verein gehen - aber es gibt Diskrepanzen", sagt der Vereinsvorsitzende Helmut Müller. "Es wurden schon über 400 Titel verkauft. Wenn wir das versprochene Geld bekommen hätten, wären wir mit dem Ausbau längst fertig." Auch von dem ersten symbolischen Scheck über 20.000 Euro, der im April 2008 von Heiko Nowak vor laufenden Fernsehkameras übergeben wurde, seien erst 15.000 Euro an den Verein geflossen. Müller will sich wie der Bürgermeister der Stadt bald mit allen Parteien zusammensetzen. Es müsse einiges geklärt werden. Zumal Friedrich Senff, ein Mitarbeiter von Hillmann, dem Ebay-Magazin gegenüber behauptet, dass 80 Prozent der Einnahmen weitergeleitet werden: "Käufer sind auch viele Rechtsanwälte, es geht also alles mit rechten Dingen zu." Seit Mitte Juni sind alle Angebote um das Schloss Berga bei Ebay nicht mehr online. Senff hatte noch betont, dass Heiko Nowak als Schirmherr für Seriosität stünde. Schließlich habe er sich schon vorher für den Naturschutz engagiert. Auf der Webseite des Ideengebers findet sich etwa das "Projekt Moor". Hier kann man für 299 Euro 300 Quadratmeter Land im "Harder Moor" in Niedersachsen erstehen, das von der Graf von Roit Liegenschafts- und Verwaltungsgesellschaft als privates Naturschutzgebiet ausgewiesen wurde. Für das "redliche und zielgerichtete Engagement" gibt es dann den Titel "Graf von Roit zu Hoya". Auf der Seite findet man den Hinweis: "Ausdrücklich distanzieren wir uns vom sogenannten 'Titelhandel', da wir im Bestreben der Hilfe für die Natur nicht die Profit- und Geltungsgier ... unterstützen wollen, sondern ... privaten Naturschutz betreiben." Das suggeriert Gemeinnützigkeit. Darauf angesprochen, wehrt Nowak ab. "Das ist kein Hilfsprojekt. Eine GmbH muss Gewinne einfahren - und das Projekt Moorland ist ein Geschäftsmodell für den Immobilienverkauf", erklärt er. Das ist problematisch.

Ein guter Name für die Visitenkarte

"Es spricht nicht für Seriosität, wenn erst auf den zweiten oder dritten Blick erkennbar ist, wohin Gelder fließen", sagt Burkhard Wilke, Geschäftsführer des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen (DZI). Sein Institut warnt vor Internethändlern, die kaufen und spenden verknüpfen wollen. In den DZI-Spenden-Tipps heißt es: "Hier besteht die Gefahr, dass gewerbliche und gemeinnützige Interessen miteinander vermischt werden. Der sichere Weg bleibt die direkte, wohlüberlegte Spende an eine seriöse Organisation."

Natürlich ist der Handel mit noblen Namen nicht neu - schon im Mittelalter wurden falsche Herrschertitel verwendet. Aber wieso kaufen sich Leute heute einen Adelstitel? Immerhin wurden bereits im Jahre 1919 mit der Weimarer Reichsverfassung alle besonderen Rechte des Adels in Deutschland abgeschafft. Jungunternehmer Roman Aland hat eine Antwort: "Ich habe bewusst nach einem Titel gesucht, da mir ein Bekannter dazu geraten hat. Wenn ich Aufträge haben will, sagte er, muss ein guter Name auf der Visitenkarte stehen." Er hat schließlich bei Maximilian Heitzer den Titel "Graf von Mainberg" erstanden. "Der neue Name macht einfach schick was her. Ich werde öfter zu Partys eingeladen und darauf angesprochen", erzählt Aland. "Ich sage dann immer, ich habe den Titel 'erworben'." Dass es ein Kauf bei Ebay war, verrät er nicht. Einer der vielen Grafen von Berga betont dagegen, etwas Tolles für den Aufbau von Schlössern getan zu haben. "Mit meinem Geld konnte ich nützliche Projekte fördern", sagt er. Seinen Namen will er nicht nennen. Ihn ärgern die Nachfragen. "Ich bin im Adelsverband und mittlerweile vom Königshaus Hohenzollern nobilitiert, ich weiß gar nicht, was Sie wollen." Vielleicht reicht zur Erklärung auch ein Blick auf die Ebay-Kategorie, in die fast all diese Angebote einsortiert sind: "Sammeln & Seltenes > Total Verrücktes > Total durchgeknallt".

Von Claudia May
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Seite 2: "Der neue Name macht schick was her"
 
 
KOMMENTARE (8 von 8)
 
brunoo (21.09.2009, 23:46 Uhr)
Sooooooo böse ...
... kann nur ein gräflicher Nowak sein. Das sieht nach Revolution aus und die historischen Blaublüter müssen ja richtig Blähungen bekommen wenn nun jeder Bürger kostenlos Mitglied im Adelsverband werden kann und sich einen Adelstitel für nen paar Euros zulegen darf. Und zur Beruhigung, nicht jeder historische Adelige ist auch ein Gotha-Freak (der nicht das Papier wert ist, auf dem er gedruckt wird), es gibt auch ganz normale unter denen, die wie wir alle auf Marktplätzen an Zelte pinkeln oder Paparazzi verprügeln oder in Strech-Limos mit ner Horde Mädels durch die Straßen cruisen. Oh Nowak, holder Ritter, mußt doch ein echter Masochist sein, als Prellbock in der Öffentlichkeit zu stehen und den ewig Gestrigen einen Spigel (sorry, Stern?) vor die Nase zu halten , das hat sich in den 90 Jahren nach Einführung der Weimarer Reichsverfassung noch niemand gewagt! Viva la Revolution, ich bin dabei und finde das geil! Was ist los mit Schloss Berga? Sieht so aus, als wolle sich da jemand die Nase vergolden, ich hoffe die Stern-Reporter bleiben am Ball und recherchieren da noch. Ich werde alles mit Interesse weiter verfolgen, kann ne coole story werden.
Adelstitel007 (21.09.2009, 15:46 Uhr)
Aus einem Forum zum Thema:
Der Stern-Artikel (besser gesagt Ebay-Magazin-Artikel, dort ist er zuerst veröffentlicht worden) zeigt das Meinungsbild der Redakteurin Frau Claudia May, die den zweifelhaften Handel mit "Adelstiteln" kritisiert, was auch legitim ist zumindest unter der Prämisse, dass sich sowieso jeder so nennen darf wie es ihm beliebt, auch ohne einen Namen zu kaufen: Das Meinungsbild über den Adel und die Notwendigkeit einen "Adelstitel" zu tragen wird in der Öffentlichkeit kontrovers diskutiert. Der Mehrheit der Bevölkerung ist dieses Thema egal. Aber die wenigen, die sich damit befassen teilen sich in drei Gruppen auf: 1. Menschen die einen Adelsnamen führen möchten und sich diesen zulegen (Kaufen, Adoption, Heirat usw.), 2. Menschen, die diesen Adelsnamen ohne ihr Zutun durch Geburt als Familiennamen führen und 3. Menschen die all das Adelstitelgehabe einfach nur blöd finden und darum dagegen sind und dieses auch so ausdrücken. Fazit: Ein demokratisches Meinungsbild entsteht, dass meiner Ansicht nach auch so akzeptabel ist und toleriert werden sollte, denn jeder Mensch artikuliert seine Emotionen und Sichtweisen gerade dann in der Öffentlichkeit, wenn er sich persönlich damit identifiziert, nämlich als Ausdruck seiner Individualität
Motte07 (19.09.2009, 12:39 Uhr)
Das "Volk" ist mit schuld
Solange viele wie bekloppt diese Frauenzeitschriften über Königs und Kaisers verschlingen, solange Geschäftsleute mit einem Adelstitel bessere Geschäfte machen, solange also ein "von"-Titel eine seltsame unerklärliche Anziehungskraft auf uns ausübt, solange brauchen wir uns nicht wundern, dass manche Kleingeister alles tun, um ein Tortenstück dieses Adels-Schwachsinns abzubekommen...
Eisenbaer (19.09.2009, 11:55 Uhr)
Betreff "Königshaus Hohenzollern"
Es gab nie ein "Königshaus Hohenzollern" sondern eine protestantische Linie der Hohenzollern stellte die Könige von Preußen und nur diese besaßen das Nobilitierungsrecht und dies auch nur für Preußen. Auch ist nicht die Mitgliedschaft in einem "Adelsverein" entscheidend, sondern allein der Eintrag in dem "Genealogisches Handbuch des Adels". Alles andere ist das Papier nicht wert, auf dem es gedruckt ist.
Eisenbaer (19.09.2009, 11:34 Uhr)
Geschlossene Gesellschaft
Es gibt in unserem Land seit 1918 keinen Adel mehr, alle Titel sind Schall und Rauch und reine Namenszusätze. Der vorhandene Adel kann keinen Zuwachs mehr bekommen, denn das Nobilitierungsrecht bestimmter Landesfürsten wurde ebenfalls 1919 abgeschafft. (Nebenbei gesagt: diese besaßen das Recht nur zwischen 1806 und 1919 zuvor war dies ein Vorrecht des Kaisers des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation). Dem zu Folge besitzt auch "der Staat" kein Recht seinen Offizieren und Beamten einen "Beamtenadelszusatz" einzuräumen. Es kommt aber noch besser: zwar vergeben noch einige Adelshäuser in Europa Adelstitel, aber diese beziehen sich auch nur auf das besagte Land. Hebt beispielsweise der Großherzog von Luxemburg jemanden in den Adelsstand, so ist und bleibt dieses aber ein luxemburgischer Titel und ist in Deutschland oder einem anderen Land nichts wert. Denn der Adel in Deutschland ist seit 1919 eine "Geschlossene Gesellschaft", wer drin ist bleibt drin, solange er nicht seine Titel ablegt, also aus seinem Namen streicht, aber von außen gibt es keinen Zuwachs mehr. Selbst durch Adoption nicht, denn adelig ist nur der, dessen Vorfahren dies 1918 auch waren und der belegen kann, dass er in direkter Linie in rechtsgültiger Ehe von diesem Adeligen abstammt. Mit anderen Worten: Consul Weyer und dieser Hollywood Prinz von Anhalt tragen reine Künstlernamen, gehören jedoch keineswegs zum deutschen Adel. Wer drin ist ist im "Genealogisches Handbuch des Adels" verzeichnet, das den "Gotha" abgelöst hat.
Swissmiss (19.09.2009, 01:29 Uhr)
Lächerlich
Ob nun tatsächlich adlige Vorfahren im Stammbaum waren oder ob man einen solchen Künstlernamen im Internet ersteigert hat - lächerlich ist dieses Getue um Titel auf jeden Fall. Ich finde die Verbreitung solcher Titel übers Internet sogar witzig, da sie den Nachfahren von Adligen, die immer noch ein riesen Trara um ihre ach so tolle Abstammung machen und noch immer ihre "Adelstiteln" betonen, vorführt, wie überholt das ganze Exadelsgetue (Adel gibt es in vielen Ländern ja schon lange nicht mehr, wir haben glücklicherweise mittlerweile vielerorts so etwas wie Demokratie) doch ist.
mario1977 (18.09.2009, 18:46 Uhr)
Es gibt keine Adelstitel
Mit der Weimarer Reichsverfassung von 1919 wurden nicht nur -wie hier im Artikel steht- sämtliche Rechte des Adels abgeschafft - auch die Titel wurden abgeschafft und das gilt bis heute!
Immer wieder liest und hört man von "Adelstiteln". Es gibt keine mehr. Das "von und zu" oder "Graf von" sind lediglich Namenszusätze vergleichbar mit Doppelnamen. Es gibt also keine Gräfin Gloria zu Müller-Schmidt, sondern nur noch Frau Gloria Gräfin zu Müller-Schmidt.
Bei aller Promigeilheit und Pseudo-Adels-Unterwürfigkeit in diesem Land, sollte man darauf in einem solchen Artikel dann doch hinweisen.
DasBertl (18.09.2009, 17:16 Uhr)
Ob es...
da nicht billiger wäre, sich einen selbstausgedachten Künstlernamen (Lord of Ring, Graf zu Blaublut, von und zu Habsucht, Herzog von Brabang, Fürst Metternich) im Personalausweis eintragen zu lassen?
Meine Herren, was Menschen alles machen, um ihre Geltungssucht zu befriedigen. Eiegntlich haben sie es nicht besser verdient, als so abgezockt zu werden...
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