
Nik Skudies, 60, ist der Gründer von netschafkopfclub.de - "einer richtig bunt gemischten Familie"© Arne Weychardt
Wie überhaupt alles möglich ist beim Spiel im Internet. Niemand muss eine Rolle annehmen, die ihm nicht gefällt. Jeder kann auf seine Weise Spaß haben. Auch mit einem so alten Spiel wie Schach. Der Hamburger Ulf Wokittel, ein Turnierspieler, spielt und trainiert im Netz. Das eröffnet ihm völlig neue Möglichkeiten. "Selbst wenn jemand in Buenos Aires sitzt", sagt er, "kann ich ihn sofort herausfordern." Abends ist der 42-Jährige dort zu treffen, manchmal zudem früh am Sonntag, wenn seine Frau noch schläft.
Auch Kartenspieler treffen sich im Netz. Nik Skudies ist Gründer eines Internet-Schafkopfklubs, mit 58 Mitgliedern zwischen Bayern und Hamburg. "Wir sind eine richtige Familie", sagt er, "eine bunte Mischung von Leuten mit derselben Wellenlänge. Bei uns ist immer etwas los." Abends, aber auch tagsüber, "wenn die Schichtarbeiter nach Hause kommen und sich noch auf ein Spiel treffen". Man hat Respekt voreinander, viele kennen sich inzwischen auch persönlich. Nik Skudies vermisst wenig im Vergleich zum "echten" Stammtisch. "Allerdings riecht man nicht so gut, ob der andere ein schlechtes Blatt hat", sagt der 60-Jährige und lacht.
Währenddessen wird der Drache Onyxia schwächer, fliegt auf und lässt Feuer regnen, ein Raumschiff zerschellt, eine Boeing ist im Anflug. Alles passiert gleichzeitig im Internet - und was mit Spielen zu tun hat, wächst rasant. 3,8 Milliarden Dollar werden heute mit Online-Rollenspielen umgesetzt - mit den Eintrittsgeldern, die Steve Krömer und Wolfgang Richter für den Zugang zu ihrer Welt zahlen müssen. Rund um die Spiele ist ein gigantischer Markt entstanden, und selbst Stars gibt es auf dem globalen Spielplatz.
Solche wie Dennis Schell- hase, der gerade in Singapur Fußballweltmeister geworden ist. Der mit acht angefangen hat, Fußball zu spielen, der Stürmer war in der Jugend von Schalke 04 - der aber erst mit dem Computerspiel "Fifa Fußball" seinen Weg zum Ruhm fand. Heute ist er 22 Jahre alt und hat mehr als 100 000 Euro mit Preisgeldern und Werbung verdient. "Auf dem Platz" sagt er, wenn er das Grün auf seinem Monitor meint. Da liegt für ihn die Wahrheit, auch wenn sie nicht nach Rasen duftet - und die ist nicht nur für ihn real: Onyxia ist besiegt, der König ist matt. Der Nebel hat sich nicht gelichtet, aber Swen Johannes setzt seine Boeing weich auf, geht in die Bremsen und rollt langsam aus.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 7/2006