
Bürgermeister Georghe Iordache versteht die ganze Aufregung nicht: "Dragasani ist nicht Chicago"© Petrut Calinescu
Das Rathaus von Dragasani ist nur wenige Straßenzüge von der Roma-Siedlung entfernt, und doch ist es eine andere Welt. Ein klobiger, zweistöckiger Bau mit Glasfassade, davor ein Park mit südlichem Flair. Hier ist das Zentrum von Dragasani. Im ersten Stock sitzt Bürgermeister Georghe Iordache an einem Konferenztisch und redet die Online-Betrüger klein. Erst sagt er, dass der Betrug kein Massenphänomen sei, später, dass die ganze Stadt davon weiß. Als er die Liste mit Marinela P. und anderen Namen sieht, nickt der braungebrannte Mittfünfziger und sagt: "Das stimmt, das sind Einwohner aus Dragasani." Dann sagt er, was hier viele denken: "Die Opfer sind viel zu naiv. Ich habe gehört, dass man einer Nigerianerin eine Yacht verkauft hat. Eine Yacht! Aus Dragasani! Dragasani liegt ja noch nicht einmal am Meer."
Nach einer halben Stunde will Iordache zeigen, dass Dragasani eine aufstrebende Stadt ist, ein Wissenszentrum, in dem eine Schule mit Geldern der Europäischen Union einen Computerkurs eingerichtet hat und Professoren für Informatik aufgewachsen sind. Iordache führt die Besucher in die Stadtbibliothek im hinteren Teil des Rathauses. "Dragasani besitzt die einzige Stadtbibliothek des Landes mit E-Books", sagt er, als er in der Mitte der Bibliothek steht. Mit E-Books meint er die dreißig Computer rechts von ihm.
Ein paar Jugendliche surfen im Netz. Ein Junge hat die Ebay-Seite geöffnet und schließt sie schnell wieder. Ebay hat in Rumänien keine eigene Webseite, aber als der Zahlungsservice PayPal im Mai bekannt gab, Überweisungen aus Rumänien anzunehmen, war die Nachricht den Zeitungen große Schlagzeilen wert. "Dragasani ist nicht Chicago", sagt Iordache, als er die Bibliothek wieder verlässt. "Und überhaupt: Warum überprüft die Polizei nicht die jungen Leute mit den teuren Wagen?"

Im Rathaus ist die einzige Stadtbibliothek Rumäniens mit Computern untergebracht. Ideal, um kurz bei Ebay vorbeizuschauen© Petrut Calinescu
Dragasani hat keine Polizisten, die sich mit Internetverbrechen beschäftigen. Die zuständige Abteilung sitzt fast fünfzig Kilometer entfernt in Ramnicu Valcea. Die Büros sind in einem verfallenen Gebäude in einer Wohnstraße der Kreisstadt untergebracht. Es riecht nach Zigarettenrauch und Männer-WG. An der Wand hängen Fahndungsfotos und Zeitungsartikel. Zwischen den Akten stehen Plastikbecher mit Kaffeerand.
Gegen rund 400 Internetbetrüger im Kreis hat die Abteilung in den letzten drei Jahren ermittelt, jeder fünfte stammt aus Dragasani. Warum sich gerade diese Kleinstadt zu einer Verbrechenshochburg entwickelt hat, weiß Abteilungsleiter Marius Dascalu auch nicht. Er vermutet, dass sich die ersten Betrüger um das Jahr 2000 in Bukarester Studentenheimen kennengelernt haben. Über Freunde verbreiteten sich ihre Methoden im ganzen Land. Einige dieser Freunde stammten vielleicht aus Dragasani.
Dascalu kennt die Vorwürfe, die Iordache äußert. "Ein Problem", sagt er, "sind die Gerichtsverfahren." Die Geschädigten müssen eine Straftat auf einem besonderen Formular anzeigen und persönlich vor Gericht aussagen. Erscheinen sie nicht, kann der Richter den Prozess um ein halbes Jahr verschieben. "Wenn wir keine Untersuchungshaft durchsetzen, machen die Betrüger weiter, obwohl sie vor Gericht stehen", sagt der Polizist.

Ein Mitarbeiter der Internetpolizei verstaut Akten© Petrut Calinescu
Die vier Mitarbeiter, die ihm unterstellt sind, kleiden sich wie die Betrüger, nach denen sie fahnden: Baseballkappen, Jeans, Trainingsjacken, Turnschuhe. Mit seinem gepflegten graumelierten Schnurrbart wirkt Dascalu wie ihr Vater, und er klingt auch so, wenn er über die Internetbetrüger redet. "Wissen Sie", sagt der 45-Jährige, "das sind keine klassischen Verbrecher. Sie sind nicht gewalttätig, stammen nicht aus einem kriminellen Milieu und begehen in der Regel keine anderen Straftaten - und besonders intelligent sind sie meistens auch nicht." Das gilt zumindest für Mitläufer wie Mihai P. Seine Englischnoten waren schlecht. In Dragasani galt er als Trinker. Mihai P. arbeitete zunächst nur als Arrow, stieg dann aber auf und durfte mögliche Opfer anschreiben.
Mihai P. hat Polizisten erzählt, wie spielerisch alles begann. Erst saß er mit Freunden im Internetcafé, spielte Computer und surfte im Internet. Dann erklärten sie ihm den Aufbau von Ebay. Gemeinsam stellten sie Handys, die sie gerne besessen hätten, zum Verkauf ein. Als die ersten Überweisungen eintrafen, seien sie überrascht gewesen, dass sie tatsächlich Geld für Waren erhielten, die sie gar nicht besaßen.