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17. November 2008, 20:09 Uhr

Reden, nicht klagen

Was die Qualität von Wikipedia-Einträgen außerdem in Verruf bringt, ist der Einfluss von PR-Leuten und Lobbyisten, die bestimmte Einträge nach ihren Vorstellungen umschreiben, meistens um Firmen und Personen in einem besseren Licht dastehen zu lassen. Seit 2007 gibt es den Wikiscanner, eine Software, die anhand von IP-Adressen überprüft, ob Einträge von Computern in Unternehmen, Organisationen oder politischen Einrichtungen aus verändert wurden. Die Ergebnisse sorgten in den USA für Aufsehen: CIA und FBI hatten diverse Wikipedia-Seiten verändert. Mehrere geschönte Politikerbiografien wurden entdeckt. Sogar Wikipedia-Gründer Jimmy Wales selbst kam in Erklärungsnot, weil er den Eintrag über seine eigene Person verändert hatte.

Viele Veränderungen zu Artikeln, die Betroffene selbst vornehmen, werden von den Wikipedia-Admins nicht akzeptiert und rückgängig gemacht. Das passierte schon 2005 zum Beispiel dem FDP-Generalsekretär Dirk Niebel. Er hatte seinen Eintrag in der freien Enzyklopädie bearbeiten lassen, um seiner Meinung nach fehlerhafte Fakten zu korrigieren. Binnen weniger Minuten wurden die Änderungen jedoch wieder aufgehoben. Nach der vierten Löschung einzelner Passagen erfolgte sogar eine Sperrung der entsprechenden IP-Adresse. In einem Brief beschwerte sich Niebel über das Vorgehen. Der Wikipedia-Admin begründete sein Vorgehen so: Sämtliche Löschungen seien kommentarlos erfolgt, weswegen man diese rückgängig gemacht habe. "Es ist nicht ganz klar, ob (…) alle vier von Ihnen gelöschten Absätze unwahr sind. Es gehört jedoch zu den redaktionellen Prinzipien der Wikipedia, alle Aussagen zu belegen." Im Nachhinein wurden einige Passagen des entsprechenden Eintrags verändert und entschärft.

Wer hilft, wenn nicht ein Gericht?

Was also tun, wenn man berechtigte Änderungsvorschläge hat, diese wegen des Misstrauens der Wikipedianer aber nicht veröffentlicht werden? Wikipedia-Gründer Wales empfahl in der "New York Times" Betroffenen, sich auf der entsprechenden Diskussionsseite, die es zu jedem Artikel gibt, anzumelden und dort seine Anmerkungen und Änderungsforderungen zur Debatte zu stellen und zu vertreten. Auch Sebastian Moleski, Zweiter Vorsitzender von Wikipedia Deutschland, rät zur Zusammenarbeit: Wenn Personen mit Inhalten der Wikipedia über sich selbst nicht einverstanden seien, gebe es andere Wege als den juristischen, um zum Ziel zu kommen, sagte er der DPA. Die überwiegende Mehrzahl von Problemen werde einvernehmlich intern gelöst, ohne dass Gerichte bemüht werden müssten.

Rechtsanwalt Stephan Mathé empfiehlt, "zunächst auf die Rechtskeule zu verzichten. Eine Klage wird meistens teuer sein, und es wird nicht viel dabei herauskommen." Es sei erfolgversprechender, sich direkt an die Betreiber zu wenden. Allerdings betont der Jurist auch deren Sorgfaltspflicht. "Wenn schon nicht verhindert werden kann, dass falsche Informationen veröffentlicht werden, muss es doch ein funktionierendes System geben, um diese Fehler schnell zu entfernen." Wenn das gewährleistet sei, so Mathé, würden deutsche Gerichte auch nicht mehr so schnell die Verantwortung beim Betreiber sehen: "Die müssen überzeugend zeigen, dass sie tun, was sie können."

Dass der Artikel über Heilmann Fehler hatte, räumt auch Moleski ein: "Seit Freitag wurde der Artikel hundertfach überarbeitet und dabei auch einige unbewiesene Behauptungen über Heilmann entfernt." Dennoch scheint die Kontroverse dem Lexikon nicht geschadet zu haben. Im Gegenteil: "Die Anzahl von Solidaritätsbekundungen, E-Mails, Telefonanten und nicht zuletzt Spenden war enorm", so Moleski. Während sonst durchschnittlich 3000 Euro pro Tag an Spenden eingenommen werden, schnellte am Samstag das Spendenvolumen auf über 16.000 Euro hoch.

Von Ralf Sander
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KOMMENTARE (10 von 15)
 
OttoB (18.11.2008, 15:07 Uhr)
Ein wichtiger Satz
Zitat:
"Direkt verantwortlich ist natürlich eigentlich die Person, die die unwahren Behauptungen aufgestellt hat."
Katastrophenjunkie (18.11.2008, 12:10 Uhr)
@ Marty_D
Sorry, aber das kann man so nicht stehen lassen. Auch im Internet endet die Freiheit des einzeln da, wo die Freiheit des/der anderen beginnt.
Das gilt selbstverständlich auch für (auch schräge) Politiker!
.
Alles in allem hat sich Herr Heilmann mit seiner überzogenen Reaktion wohl einen Bärendienst erwiesen. Am Freitag noch kannten vielleicht 2-3% der Leute den Namen Heilmann und nur ein kleiner Teil hiervon den beanstandeten Artikel. Jetzt kennt ihn eigentlich jeder politisch interessierte...
SethusCalvisius (18.11.2008, 11:36 Uhr)
@rosenverschenker
Sie haben da etwas missverstanden. Unser Rechtsstaat gilt für alle, auch für Herrn Heilmann, ob Sie ihn nun mögen oder nicht. Wenn man da Unterschied machen würde, hätten wir einen Unrechtsstaat a la DDR. Wollen Sie das wirklich?
Im übrigen ist Ihre Behauptung falsch, Mitglieder der Linken würden die Wiedereinführung des MfS fordern. Die betreffende Politikerin Christel Wegner, die so etwas angedeutet hat (und sich später davon distanziert hat) war nicht Mitglied der Linken, sondern der DKP. Als solche gehörte sie der Fraktion der Linken an, wurde aber nach ihren Äußerungen zum MfS sofort aus dieser Fraktion ausgeschlossen. Interessant ist ihre Kritik an den Linken:
"Die Linke möchte mit Reformen Veränderungen erreichen und wir (DKP) sind der Auffassung: Das reicht nicht. Wir wollen den Umbau der Gesellschaft."
Vielleicht sollten Sie sich mal informieren, bevor Sie hier was schreiben.
rosenverschenker (18.11.2008, 10:23 Uhr)
Rechtstaat
Das eigentlich Problem ist das wieder einmal Nicht-demokraten die demokratischen Rechtsmittel missbrauchen um die offentliche Meinung ihrem Willen zu unterwerfen. Eine Partei deren Mitglieder fordern eine aehnliche Instution wie das MfS einzufuehren und es sich erlaubt die "Systemfrage" zu stellen wir zu Recht vom Verfassungsschutz beobachtet. Waehret den Anfaengen! Kommunismus ist nur rot lackierter Faschismus.
DrMunzert (18.11.2008, 09:30 Uhr)
Zensur bei Stern.de?
Liebe Stern.de User,
habe gerade aus gegebenem Anlass hier die Frage gestellt, ob bei Stern.de zensiert wird. Mein Kommentar blieb nur kurz stehen und ist gerade verschwunden! Auch eine Antwort!
hiro42 (18.11.2008, 09:25 Uhr)
Medienkompetenz
Das Problem ist nicht Wikipedia. Das Problem liegt in der unfassbar geringen Medienkompetenz weiter Teile der Bevölkerung. Wenn ich das Internt nutze muss ich WISSEN wer die Inhalte erstellt. Ich muss WISSEN wie ich die Inhalte einzuschätzen habe. Wikipedia hat (geprüft und erwiesen) over all eine ebenso gute Qualität wie die Encyclopedia Britannica. (Wer es nicht glaubt: googeln - aber vorsicht: auch Google darf man nicht alles glauben). Trotzdem, man muss ein Medium verstehen um es richtig zu nutzen können. Das ist ein genauso elemantares, wie bislang weitesgehend ignoriertes geselschaftliches Problem.
Marty_D (18.11.2008, 09:20 Uhr)
Politiker - typisch
Wie könnt ihr es wagen im Internet rum zu machen, das internet ist FREI - das solte es zumindest sein jeder der etwas dagegen unternimmt ist auf dem Holzweg.
Das ist ein Stück freiheit für das wir kämpfen müssen.
Nie zuvor war es so einfach seine freie Meinung zu sagen. DAS DARF SICH NIE WIEDER ÄNDERN!!!
Keine der Aussagen über Heilmann ist gelogen. Er ist Politiker das heisst alles was ihn betrifft geht uns alle an.
FREIHEIT - Sie muss geschütz werden vor allem vor Heilmännern!
Sternchen2020 (18.11.2008, 06:49 Uhr)
@tagora-sagittara
hübsch locker bleiben: "Tatsachenbehauptung" ist ein fester juristischer Begriff.
Nive (18.11.2008, 00:34 Uhr)
Tatsachenbehauptung
@tagora
Das habe ich bemerkt und dazu auch schon einen Beitrag geschrieben, finde ihn aber nicht wieder (muss am Sonntag gewesen sein). Vielleicht kann Ihnen der Admin weiter helfen. Ansonsten gibt es den Ausdruck Tatsachenbehauptung tatsächlich in der juristischen Sprache, auch wenn es uns normal Sterblichen nicht logisch erscheint :=)
OnceKnown (17.11.2008, 23:45 Uhr)
Hmmm....
Super. Dann darf wohl jeder Mann in Zukunft selbst dafür Sorge tragen, dass keine falschen Informationen über ihn im Artikel verbreitet werden. Bei ordentlichen Enzyklopädien macht so etwas die Redaktion. Bei der Wikipedia laufen die Dinge halt etwas anders.
.
Die meisten Menschen benutzen Wikipedia ja nicht weil sie so gut ist, sonder weil sie umsonst ist. UMSONST. Da setzt jeder rationale Verstand aus.
.
@SethusCalvisius: Full ACK
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