Die fabelhafte Karriere des Fabian Thylmann

21. Januar 2013, 16:33 Uhr

Der Chef des größten Porno­unternehmens der Welt ist ein 34-jähriger Programmierer aus Aachen. Binnen weniger Jahre erfand er das Geschäft quasi neu. Die Geschichte einer unglaublichen Karriere. Von Matthias Oden

Youporn, Fabian Thylmann, Erotik, Porno, Manwin, Mydirtyhobby

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Goldrausch mit Schmuddelbildchen

Die Inhalte kommen noch vorwiegend aus der Offlinewelt. Magazine werden eingescannt und grobpixelig hoch­geladen, aber vor allem der Siegeszug der DVD tut sein Übriges: 1995 werden in den USA knapp 6000 Hardcore-Titel veröffentlicht. Zehn Jahre später sind es mehr als 130.000. Und alles, was nackt ist, kommt irgendwie, irgendwann ins Netz. Das Internet bietet eine willkommene Möglichkeit der Zweitverwertung, eine, die den Erwerb und den Konsum von Pornos rausholt aus schmierigen Sex­läden und Videotheken.

Um die Bezahlwebsites herum entsteht eine neue ökonomische Nische: die der sogenannten Affiliates. Das sind ­Websitebetreiber, die Surfer auf kostenpflichtige Seiten ziehen sollen. Dafür bekommen die Lockvögel von ihren Geschäftspartnern kostenlose Bildergalerien gestellt. Klickt nun ein Surfer auf die Bilder, wird er weitergeleitet zum Bezahlangebot. Spätestens wenn er dort Geld lässt, erhält der Affiliate eine Provision.

Für Leute mit HTML-Kenntnissen ein kleiner Goldrausch. Ende der 90er-Jahre gibt es rund 5000 Affiliates, jeder von ihnen besitzt im Schnitt zwei bis drei Websites, die Hunderte und Aberhunderte Galerien verlinken. Thylmann macht sein erstes Vermögen.

Mit Amateuren zu Geld

Denn um zu wissen, wer wie viel User wohin verlinkt hat, muss der Traffic gemessen werden. Und da kommt Thylmann ins Spiel. Statistiktools für ein paar Websites sind der Anfang, es folgt Porntrack, eine Zählsoftware, die er an etliche Anbieter verkauft. Thylmann macht ­Monatsumsätze von 60.000 bis 70.000 ­D-Mark, da ist er noch keine 20.

Seine Ambitionen als Student halten sich indes in Grenzen. Er schreibt sich für Wirtschaftsinformatik ein, aber wenn er von seinem Studium spricht, setzt er das Wort mit Fingern in Anführungszeichen. Ein Seminarschein ist alles, was dabei ­herauskommt.

Er programmiert lieber. Auf Porntrack folgt Sextracker. Zusammen mit einem Partner macht er ein Büro in Phoenix, Arizona, auf, in Amerika lockt das ganz große Geld. Doch Thylmann verkracht sich mit seinem Partner, "der war ein Arschloch". Das wird bei ihm zum Muster. 2000 schmeißt er hin.

Er arbeitet wieder allein, "alles Mögliche", das Geld hat er größtenteils verprasst oder fehlinvestiert. "Man fällt auch auf die Schnauze", sagt er dazu. Drei Jahre später ist das alles wieder vergessen.

Thylmann hat mit zwei neuen Partnern eine neue Firma gegründet, Too Much Media. Zusammen schreiben sie ein Programm, mit dem sich das Geschäft zwischen Anbieter und Affiliate verwalten lässt, einfach und transparent für beide Seiten - ein Novum.

Flut an Kostenlos-Pornos

Die Software erobert die Branche im Sturm, sie wird zum Industriestandard. Die teuerste Version kostet 5000 Dollar im Monat. Thylmann wird wieder reich. Und wieder wirft er hin: "weil mich meine Partner angenervt haben". 2006 lässt er sich auszahlen und schließt sich mit Tobias Huch zusammen.

Der Erotikunternehmer und Jung­liberale aus Mainz ist ein notorischer Querkopf, der für das "Grundrecht auf Pornos" auch schon mal vors Bundes­verfassungsgericht zieht. Ein Jahr nach der Gründung ist die gemeinsame Firma pleite. "Er war sauer auf mich", sagt Thylmann, "ich war sauer auf ihn, und er hat mich verklagt." Dreimal zivilrechtlich, einmal strafrechtlich. Wegen Betrug und Insolvenzverschleppung. Zwei "richtig anstrengende" Jahre lang ziehen sich die Prozesse, bevor sich beide außergerichtlich einigen. "Thylmann hat's nicht hingekriegt", sagt Huch heute.

Als nächstes Projekt kauft sich Thylmann eine deutsche Bezahlseite "für ­einen kleinen Millionenbetrag". Auf ­Privatamateure.com werden Homevideos angeboten oder solche, die danach aussehen. Und wieder liegt der Unternehmer goldrichtig. Billige, mit einfachsten Mitteln produzierte Filme entwickeln sich zu einem Megatrend. Pornoamateure filmen sich vor Webcams und chatten mit den Usern - ein Innovationssprung, auf den die Hochglanzindustrie lange ­keine Antwort hat.

Thylmann erweitert Privatamateu­re.com um eine Webcam-Sektion - binnen einem Jahr hat er den Kaufpreis ­wieder raus. Es folgt Mydirtyhobby.com, eine zweite Amateurwebsite, auch sie wird ein Erfolg. Dann nimmt er sich vor, in den USA einzusteigen. Es ist 2008, und er kommt auf einen Markt, der in einer tiefen Sinnkrise steckt.

Denn nicht nur die Amateurvideos setzen dem etablierten Business zu. Das viel größere Problem ist die Flut kostenloser Pornofilme, die das Internet überrollt.

Thylmann kommt wieder rechtzeitig

Nach dem Vorbild von Youtube gehen Hunderte Websites mit Sexvideos online. Viele zeigen lizenzierte Filme, altes Material, das die Betreiber von Produktions­firmen eingekauft haben. Weil aber jeder anonym Dateien hochladen kann, findet sich dort auch massenhaft gestohlenes Material von Paysites und DVDs.

Die Studios sind gegen die Entwicklung weitgehend machtlos. Die Inhaber der sogenannten Tubesites oder kurz ­Tubes sind zumeist unbekannt. Wird doch einmal eine Seite durch Gerichts­beschluss abgeschaltet, macht am nächsten Tag eine neue auf - mit denselben Raubkopien. Lange war "Free Porn" ein leeres Versprechen, mit dem User geködert wurden. Die Tubes lösen es ein.

Die DVD-Verkäufe brechen ein, Studios gehen pleite, Paysites verlieren Kunden. Auf den Messen, eigentlich schrille Selbstinszenierungen des Pornokarnevals, trifft sich eine verunsicherte, ratlose Branche. Noch auf der Adult Expo 2012 in Las Vegas sagt Michael Klein, Chef des "Hustler"-Konzerns Larry Flint Publications: "Wir haben nicht einmal annähernd ein Geschäftsmodell."

Aber das stimmt nur für die Offliner. Denn während die lamentieren, tritt die nächste Generation von Pornounternehmern auf den Plan: Onliner wie Thylmann. Wieder einmal kommt er gerade rechtzeitig.

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