
Das Karma ist eines der teuersten Lokale der Stadt und gilt als Treffpunkt der Betrüger. Die Preise hier kann sich kaum jemand leisten© Petrut Calinescu
Ein Ebay-Kunde hat in einem Internetforum beschrieben, wie Mihai P. ihn 2003 fast betrogen hätte. Mihai P.s E-Mail- Adresse lautete karl_moller@yahoo.com. Es ging um 20 Mobiltelefone vom Typ Sony Ericsson P900 für 5000 US-Dollar. Der Kunde wollte den Kauf über einen Treuhandservice abwickeln. Mihai P. bestand auf einer Überweisung über Western Union. Der Kunde tat ihm den Gefallen: Das Geld wollte er allerdings erst freigeben, wenn er die Handys erhalten hatte. Mihai P. gab daraufhin vor, als Angestellter in einer Firma zu arbeiten, und schaltete seinen Boss ein, der ebenfalls seinen echten Namen verwendete: Petre Iulian G., dessen Familie ein Geschäft in der Stadt besitzt. G. schrieb, er könne die Telefone erst verschicken, wenn er das Geld erhalten habe. Nach langem Hin und Her zog der Kunde die Überweisung zurück. In vielen anderen Fällen hatte Mihai P. mehr Erfolg.
Als Treffpunkte der Betrüger gelten das Casa Verde und das Karma, die teuersten Restaurants von Dragasani. Auch Mihai P. ist hier oft ausgegangen. Eine Pizza kostet im Karma vier Euro, ein stilles Wasser einen Euro - für seine Eltern unbezahlbar. Es ist Abend, Stefan P. sitzt in einem zerlöcherten T-Shirt im Wohnzimmer und zieht an einer Zigarette. Die Möbel sind aus Buchenholz, an der Wand hängt ein Teppich, im Glasschrank stehen neben Nippes die wenigen Fotos, die der 60-Jährige von seinem einzigen Kind besitzt: von Mihai, dem Online-Betrüger. Stefan P. hat sechs Kredite aufgenommen, um den Anwalt seines Sohnes zu bezahlen. Mihai hat trotzdem viereinhalb Jahre erhalten. 200 Euro erhält Stefan P. als monatliche Rente. Im Bad gibt es kein fließendes Wasser. "Mein Sohn soll ein Internetbetrüger sein", fragt er. "Wo ist das ganze Geld denn hin?"
Die Mutter Valentina P. nimmt einen schwarzen Ordner heraus, auf dem zerrissene Fußball-Sticker kleben. Hier bewahrt sie die Papiere ihres Sohnes auf. Das letzte Bild, das sie von ihm besitzt, ist ein Passfoto auf dem Abiturzeugnis: ein freundlicher Junge im blauen Hemd, etwas schüchtern. "Wir sind arm, aber wir waren immer anständig", sagt der Vater. Er lacht, weint, klagt. Dann hebt er seine Arme in einer alttestamentarischen Geste zum Gebet und fleht den Himmel an. "Warum nimmt die Polizei nicht die Leute fest, die mit Audis und BMWs durch die Stadt fahren? Unser Sohn hat nie ein Auto gehabt", sagt er. "Das ist keine Polizei, das ist die Miliz. So wie unter Ceausescu! Nichts hat sich verändert. Die Kleinen schnappt man, die Großen laufen frei herum." Es ist kein Wunder, dass Stefan P. so denkt. Die Organisation Transparency International listet Rumänien auf Rang 69 ihres Korruptionsindexes - neben Ghana.

Neben den zehn Banken gibt es auch einen Schalter von Western Union© Petrut Calinescu
Es ist zehn Uhr abends, Bogdan Dragusin ist gerade aus dem reichen Norden des Landes zurückkehrt, wo Fensterbauer wie er leicht Arbeit finden. "Viele meiner Freunde betrügen im Internet. Guckt mal, drei Banken gibt es alleine in dieser Straße", sagt er, als er die Strada Decebal entlanggeht, die vom Stadtpark nach Süden führt. "In ganz Dragasani gibt es mehr als zehn Banken - wozu?" Die Silikonspritzer auf seinem Trainingsanzug zeugen von einem langen Arbeitstag. Bogdan ist müde, aber er genießt es auch, dass die Fremden ihn über die Betrüger ausfragen. "Es gibt Hunderte hier", sagt der 24-Jährige, "aber viele klagen. Die Geschäfte laufen schlecht. Die Leute sind nicht mehr so naiv wie früher." Warum hat er nicht mit dem Onlinebetrug angefangen? "Ich weiß nicht. Meine Eltern haben mir beigebracht, nicht zu stehlen. Ich habe einen guten Beruf. Vielleicht war ich auch nur zu feige", sagt er im fahlen Schein eines Imbiss-Schaufensters. "Habt ihr das gehört, dass vier Betrüger bei einem Autounfall gestorben sind? Vielleicht war das Schicksal. Vielleicht war das ihre Strafe."
Bodgan geht weiter zum Karma und hält vor dem Lokal inne. Drei schwarze Limousinen fahren vorbei: ein Mercedes, ein BMW, noch ein Mercedes. Die Betrüger sind aufgewacht, sie arbeiten nachts, wenn die Amerikaner vor dem Computer sitzen. Achtzig Prozent der Opfer stammen aus den Vereinigten Staaten. Bogdan sieht den Limousinen nach. Langsam fahren sie über die Hauptstraße und biegen links ein. "Seht ihr, hinter jedem Steuer sitzt ein Betrüger", sagt er, hält inne und kreuzt die Arme. "Vielleicht war ich wirklich nur zu feige." Ob wir ihn morgen wieder treffen können? "Natürlich, ruft mich an."
Wir versuchen es am nächsten Tag bei ihm. Die Nummer, die er uns gegeben hat, ist falsch.
Mitarbeit: Anca David Titorov, Grigorios Petsos