Die fabelhafte Karriere des Fabian Thylmann

21. Januar 2013, 16:33 Uhr

Der Chef des größten Porno­unternehmens der Welt ist ein 34-jähriger Programmierer aus Aachen. Binnen weniger Jahre erfand er das Geschäft quasi neu. Die Geschichte einer unglaublichen Karriere. Von Matthias Oden

Youporn, Fabian Thylmann, Erotik, Porno, Manwin, Mydirtyhobby

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"Dass es um Pornos ging, hat uns nicht abgeschreckt"

Weil ihnen nichts anderes übrig bleibt, arrangieren sich die ersten Produzenten zähneknirschend mit den Tubesites und schalten dort Werbung für ihre Bezahlangebote. Sie begreifen langsam, dass es immer noch Leute gibt, die trotz der Masse an kostenlosen Pornos Geld bezahlen für höhere Auflösungen, neuere Inhalte und längere Filme. Sie sind nur schwie­riger zu finden als früher. Und dafür braucht es eben die Tubes.

Der Geldstrom, der in die Pornoindustrie fließt, ist nach wie vor enorm. Etwa 14 Milliarden Dollar jährlich. Er verteilt sich nur anders. Einer der neuen Gewinner ist Mansef, eine Holding aus Pay- und Tubesites in Montreal. Als die drei Gründer ihr Konglomerat im Herbst 2009 zum Verkauf stellen, schlägt Thylmann zu. Die Holding ist eigentlich eine Nummer zu groß für ihn, "aber das war genau das, was ich in Amerika wollte".

Er sucht eine Bank, findet keine und gerät schließlich an eine New Yorker Investmentgesellschaft, die ihren Namen nicht in den Medien lesen will. Von ehemaligen Goldman-Bankern gegründet, investiert sie in Unternehmen mit prekärer ­Finanzlage. "Wir haben uns angeschaut, was Thylmann vorhatte, haben drei Monate lang geprüft und sind dann zum ­Ergebnis gekommen: Das funktioniert", sagt einer der Partner. "Dass es um Pornos ging, hat uns nicht abgeschreckt. Die Chancen des Geschäftsmodells waren größer als jedes Reputationsrisiko."

Mit der Finanzierung in der Tasche fliegt Thylmann im Dezember 2009 nach Montreal, um mit den Mansef-Eignern zu verhandeln. Er bietet am wenigsten. "Thylmann was the cheapest fuck", sagt einer, der damals dabei war. Aber keiner kann so schnell zahlen - ein Drittel im Vorfeld, ein Drittel über ein Jahr verteilt, den Rest zum Schluss.

Thylmann auf Shoppingtour

Und für die Mansef-Gründer ist Zeit Geld. Sie sind abgekämpft nach Prozessen wegen Urheberrechtsverletzungen und Geldwäsche, sie wollen raus. Einer von ihnen wird Vater, will den Stress nicht mehr, ein anderer ist Moslem, will heiraten - und seine Verlobte gibt ihm zu verstehen, dass sein Lebensunterhalt wenig gottgefällig ist. Im März 2010 geht Mansef an Thylmann.

"Das war der Moment, in dem ich das erste Mal dachte, dass das etwas Großes werden kann", sagt er. Es ist der Beginn einer Einkaufstour, wie sie die Branche noch nicht gesehen hat.

Seine Kreditgeber statten ihn mit ­einer vollen Kriegskasse aus: Bis 2016 ­bekommt er 362 Mio. Dollar, in Tranchen, 200 Mio. Dollar davon hat er bereits. Genug für ein kleines Imperium.

Thylmann benennt Mansef um in Manwin und zieht los. Was auf dem Markt ist, landet in seinem Portfolio, die dürren Jahre haben viele Unternehmer verkaufswillig gemacht.

Heute, zweieinhalb Jahre später, besitzt er die klangvollsten Namen der Sexindustrie. Und seine Websites sind groß genug, um ethnologische Studien zu erlauben.

Selbst Google ist beeindruckt

300 Millionen Menschen rufen jeden Monat 16 Milliarden Mal Thylmanns Seiten auf. So hoch sind die Zugriffsraten, dass sie verlässliche Aussagen über die sexuellen Vorlieben einzelner Länder zulassen. Kanadier etwa stehen auf Lesben, Deutsche auf reife Frauen, große Brüste mögen sie alle. Die Daten verraten auch, wie freizügig Gesellschaften sind: Inder etwa bleiben im Schnitt sieben Minuten auf Thylmanns Seiten, zwei Minuten ­weniger als US-Amerikaner. Deren Erregungskurve verläuft deutlich flacher, weil ein durchsexualisiertes Umfeld sie an nackte Tatsachen gewöhnt hat.

Und wenn mit Beginn des Fastenmonats Ramadan Enthaltsamkeit angesagt ist, bricht der Traffic aus islamischen Ländern am ersten Tag um 70 Prozent ein. Weniger strenggläubige Staaten wie Indonesien sind bereits nach zwei Wochen wieder auf Normalniveau. Im orthodo­xeren Ägypten hingegen steigen die Nut­zerzahlen wesentlich langsamer und explodieren bei Fastenende geradezu.

Die Datenmenge ist ein enormer Wettbewerbsvorteil. "Wir können in abartig kurzer Zeit sehen, was funktioniert." Welche Videos Hits werden, welche Werbebanner ziehen - für Manwin ist Marktforschung eine Frage von Sekunden. "Wenn Thylmann eines kann", sagt einer, der ihm sonst nicht sonderlich gewogen ist, "dann Datenströme analysieren."

Selbst Google ist mittlerweile beeindruckt. Interessiert, die andere Seite seines Kerngeschäfts besser kennenzulernen, tauscht sich der Konzern aus Kalifornien mit den Kanadiern regelmäßig aus über Suchmaschinenoptimierung, Onlinewerbung und Konversionsraten.

Thylmann hat - vielleicht früher und umfassender als jeder andere in der Branche - begriffen, dass Größe alles ist, wenn der geschäftliche Erfolg von der Reichweite abhängt. "Etwa jeder tausendste Besucher greift auf Bezahlinhalte zurück", rechnet Thylmann vor. Solange man genug Kunden erreiche, komme was dabei rum. Manwin erziele einen mittleren dreistelligen Millionenumsatz, die eine Hälfte stamme von werbefinanzierten Tubes, die andere von Paysites. "Er hat das schlau gemacht", sagt ein namhafter Konkurrent aus Deutschland. "Er hat sich jede Menge Traffic gekauft und dahinter Bezahlangebote hochgezogen."

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