Die fabelhafte Karriere des Fabian Thylmann

21. Januar 2013, 16:33 Uhr

Der Chef des größten Porno­unternehmens der Welt ist ein 34-jähriger Programmierer aus Aachen. Binnen weniger Jahre erfand er das Geschäft quasi neu. Die Geschichte einer unglaublichen Karriere. Von Matthias Oden

Der rastlose King of Porn

In Thylmanns Haus werden die Scripts für die Filme geschrieben, die Darsteller gecastet, die Szenen geschnitten, bearbeitet und online gestellt und seit Anfang 2012 auch produziert: Mit Digital Play­ground hat er sich im Januar eines der größten Studios der Welt gekauft. Gedreht wird vor allem in den USA und in Osteuropa - natürlich auch das im großen Stil: Ziel ist es, für all seine Marken genug Material auf Halde zu haben, um im Fall einer HIV- oder Syphilisinfektion selbst ein halbes Jahr Produktionsstopp überstehen zu können. Viel fehlt ihm dazu nicht mehr. Für die Inhalte, die Manwin selbst nicht stemmen kann, greift das Unternehmen auf eine Reihe von Vertragspartnern zurück - auch pornografische Großkonzerne brauchen Zulieferer.

Mittlerweile sind die Nischen aus­gekehrt, die Geschmäcker bedient. Das Tempo, mit dem Manwin wächst, verlangsamt sich. Zwei, drei Zukäufe soll es dieses Jahr noch geben. "Wir müssen jetzt verdauen", sagt Thylmann. Ein Satz, auf den sie in Montreal lange gewartet haben. Die Expansion hat Kraft gekostet.

Thylmann selbst aber bleibt rastlos. Urlaub findet er "anstrengend", und beim Quartals­essen der Firmenspitze in Montreal, wenn alles um ihn herum feiert, sitzt er am Tisch, einsilbig, brütend, in Gedanken bei der Firma. Von seinen Mitarbeitern erwartet er prompte Antworten auf Mails, immer. "Selbst wenn sie gerade eingeschlafen sind, als meine Mail ankam, nach acht Stunden gibt es keine Ausrede mehr." Ihm selbst reichen zumeist fünf Stunden Schlaf, dann sitzt er wieder vor dem Bildschirm, zu Hause im Arbeitszimmer, im Büro, unterwegs. Oder vielmehr: saß.

Gerüchte gab es schon immer

Die Festnahme hat dieser Betriebsamkeit ein jähes Ende bereitet. Zum ersten Mal in seinem Leben ist Fabian Thylmann offline. Möglicherweise noch eine ganze Weile lang. Keine Staatsanwaltschaft lässt wegen ein paar Hunderttausend Euro einen Haftbefehl vollstrecken. Dass die Aachener Steuerfahnder den Fall an die Experten für Wirtschaftsstrafrecht in Köln abgegeben haben, deutet ebenfalls auf eine größere Dimension hin. Im Extremfall warten auf Thylmann zehn Jahre Haft.

Gerüchte gab es schon immer. Thylmann ist nicht nur der erfolgreichste Mann der Szene, sondern auch der verhassteste. Mit seinem Effizienzstreben hat er, der Außenseiter, viele Konkurrenten düpiert, manche ruiniert. Nach jeder Akquisition wurde der Argwohn ihm ­gegenüber größer: Wieso schafft der, was wir nicht schaffen? Verschwörungstheorien machten die Runde: Betrug, Geldwäsche, Mafia, Steuerhinterziehung.

In den Archiven des Branchenforums Gofuckyourself.com lässt sich nachlesen, wie der Beschuldigte sich als "Nathan" jahrelang die Finger wund tippt, um die Hass­attacken seiner Wettbewerber zu kontern. Mal sachlich, mal sarkastisch, mal unflätig - Protokolle einer zwecklosen Verteidigung. Oder die einer großen Lüge.

Thylmanns Firmenstruktur ist das, was Fachleute kompliziert nennen. Oder undurchsichtig, je nach Standpunkt. Manwin ist ein Geflecht aus Firmen und Subfirmen, und die höchsten Gewinne tauchen dort auf, wo die Steuern am niedrigsten sind: in Luxemburg, Irland, Zypern.

Er hat sich diese Struktur von den Wirtschaftsprüfern von Grant Thornton basteln lassen, steueroptimiert, das gibt er selbst zu. Tatsächlich sind solche wuchernden Gesellschaftsformen für IT-Unternehmen üblich. Da der Großteil ihrer Firmenwerte virtuell ist oder aus Markenrechten besteht, können sie leicht ausgelagert werden. Apple etwa ist darin so erfolgreich, dass der Konzern 2011 im Ausland gerade einmal 1,9 Prozent Steuern auf seinen Gewinn abführte.

Steueroptimiert - oder illegal?

Die Frage, mit der sich jetzt das Kölner Landgericht beschäftigen muss: War Thylmanns Reich wirklich nur legal steueroptimiert - oder mehr als das? Im September war bereits die "Welt am Sonntag" auf Unstimmigkeiten bei Mydirty­hobby.com gestoßen. Obwohl der offizielle Betreiber der Website eine von Thylmanns Sub­firmen auf Zypern ist, deute vieles darauf hin, dass tatsächlich Manwin Deutschland für die Seite zuständig sei. Stimmt das, müssten die Gewinne hierzulande versteuert werden. Nach allem, was aus dem Umfeld der Ermittler zu vernehmen ist, basiert Thylmanns Verhaftung auf genau diesem Vorwurf.

"Das hat weder Hand noch Fuß", verteidigte sich Thylmann, wann immer er darauf angesprochen wurde. "Anschuldigungen, nichts weiter", wiegelte Grant Thornton ab. "Wir machen uns deswegen keine Sorgen", sagten die Geldgeber.

Nun wird Thylmann offiziell der Steuerhinterziehung verdächtigt, Grant Thornton schweigt, und die Investoren wollen keinen Kommentar abgeben.

Was dem Pornotycoon mindestens so zusetzen dürfte wie eine strafrechtliche Verfolgung, ist die Angst um seinen Ruf. Denn es mag eine merkwürdige Sentimentalität für einen Sexunternehmer sein, aber Thylmann hängt an seinem Ruf.

"Es geht um meinen Namen"

Als junger Nerd in der Schule war es ihm egal, was andere über ihn dachten; bei seinen Geschäftspartnern hinterließ er ohne Bedenken verbrannte Erde. Da kannte ihn niemand, da spielte das keine Rolle. Doch das hat sich geändert, inzwischen ist er exponiert, und das gefällt ihm nicht. "Es geht um meinen Namen", kommentierte er die Anfeindungen gegen sich. Und es gibt Momente, in denen er die Geduld mit der Gesellschaft verliert, die seine Angebote nutzt, milliardenfach, und ihn dann doch verachtet. Dann tritt ein unwirscher Zug auf sein Gesicht, dann hantiert er mit den Händen in Kopfhöhe, und wer sich mit seinen Mitarbeitern unterhält, der weiß, dass Vorsicht angesagt ist, dass er kurz davor ist, fuchsig zu werden.

Was Thylmann in solchen Augenblicken einfordert und nicht bekommt, ist Akzeptanz. Und daran wird sich nichts ändern. Wie auch immer die Geschichte ausgeht: ob er tatsächlich Steuern hinterzogen hat und, wenn ja, ob absichtlich oder weil er zu unvorsichtig, zu schnell gewachsen ist - Thylmann und das ­Thema Steuerhinterziehung werden fortan zusammengehören wie siamesische Zwillinge.

Mitte November, im letzten Telefonat vor seiner Verhaftung, sprach er über Doppelmoral. Bigott sei es, dass bei ­Apple niemand etwas sage, ihm aber Steuerhinterziehung unterstellt würde. Und dass er nicht daran denke, etwas zu ändern. "Die Struktur ist nicht das Problem."

Thylmann hat in seiner Karriere vieles richtig gemacht. An der entscheidenden Stelle hat er geirrt.

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