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20. Februar 2008, 18:40 Uhr
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Online-Beichtstuhl für Mediziner

17.000 Menschen sterben nach Angaben des "Aktionsbündnis Patientensicherheit" jedes Jahr in deutschen Krankenhäusern durch Behandlungsfehler. Zugegeben werden diese Pannen nur selten. Das soll sich jetzt ändern, unter anderem mit Hilfe des Internets.

Mediziner können online von ihren Fehlern berichten - ganz anonym© Johannes Eisele/ddp

Dort können Ärzte oder Pflegepersonal anonym Schnitzer "beichten" und gemeinsam aus ihnen lernen. Prof. Matthias Schrappe, Vorsitzender des "Aktionsbündnis Patientensicherheit" hält solche Online-Portale für einen guten Weg, die bislang eher mangelhafte Fehlerkultur seiner Kollegen zu verbessern. Sein Rat, um möglicherweise tödliche Fehler zu vermeiden: "Lernen, darüber zu sprechen."

Das älteste System dieser Art ist in Frankfurt angesiedelt: www.jeder-fehler-zaehlt.de. Das "Fehlerberichts- und Lernsystem für Hausarztpraxen" gibt es bereits seit Herbst 2004. Die Nutzerzahlen halten sich noch in Grenzen, wachsen aber beständig, wie Projektleiterin Barbara Hoffmann berichtet.

Für einen Workshop an diesem Mittwoch in Frankfurt, bei dem verschiedene internetbasierte Fehlerberichtssysteme verglichen werden sollten, zog sie eine erste Bilanz: 300 Fehlermeldungen wurden bislang eingestellt, 1000 Kommentare dazu abgegeben, 6000 Ärzte und Sprechstundenhilfen sehen sich die Berichte jeden Monat an.

Akürzungen sind häufig Fehlerursachen

"Die meisten Fehler entstehen nicht durch Unwissenheit", sagt Hoffmann, "sondern durch mangelhafte Organisation. Dabei sind Fehler in der Kommunikation sehr häufig." Zum Beispiel ruft der Arzt seiner Sprechstundenhilfe eine Abkürzung zu, die diese falsch deutet. "HWI kann ebenso Harnwegsinfekt bedeuten wie Hinterwandinfarkt des Herzens." Weitere häufige Fehlerquellen: Jemand verklickt sich beim Verordnen eines Medikaments in der Computer-Liste oder Rezepte werden verwechselt.

Das Portal "Jeder Fehler zählt" soll helfen, gemeinsam zu erkennen: "Wo liegen die Risiko-Bereiche? Wie kommen die Fehler zustande? Wie kann man sie vermeiden?", erklärt Hoffmann. Auf der Webseite machen sich die Praxen gegenseitig Vorschläge wie zum Beispiel, alle Abkürzungen zu verbannen.

Für Klinik- und Fachärzte gibt es seit 2005 "CIRSmedical" (Critical Incident Reporting-System). Es wird vom Ärztlichen Zentrum für Qualität in der Medizin organisiert, unter anderem von Julia Rohe. "Typisch sind Verwechslungen aller Art", sagt Rohe, zum Beispiel zwei Frauen mit gleichem Namen, die beide eine Mammografie bekamen: Die eine hatte Brustkrebs, die andere nicht - die Berichte wurden verwechselt. Folge: Die kranke Patientin wurde zu spät behandelt. Lösung: Patientenarmbänder einführen oder immer zusätzlich das Geburtsdatum checken.

Die bisher rund 100 Berichte, die seit Frühjahr 2005 bei CIRS eingingen, seien "zu wenig", sagt die ärztliche Referentin. Einer der Gründe dafür ist, dass es viele parallele Systeme gibt: Manche Kliniken haben hausinterne Berichtssysteme, es gibt Fehlermeldungs- Seiten für Notärzte ("CIRS-Notfallmedizin"), Anästhesisten (Patienten-Sicherheits-Optimierungs-System "PaSOS") oder Altenpfleger ("Aus kritischen Ereignissen lernen").

Alle diese Systeme arbeiten mit Hilfe des Internets und sind völlig anonym, weder der Berichtende noch Klinik oder Praxis oder gar der geschädigte Patient sind anhand der Daten zurückzuverfolgen.

Die Deutsche Gesellschaft für Versicherte und Patienten sieht in der Anonymität die Hauptstärke dieser Portale. Es müsse aber sichergestellt werden, dass die Erkenntnisse auch "unten ankommen", mahnt deren Präsident Wolfram-Arnim Candidus.

Mediziner seien noch immer viel zu selten bereit, zu ihren Fehlern zu stehen, von Niederrangigeren ließen sie sich schon gar nicht kritisieren. "Die Hierarchie ist sehr viel stärker ausgeprägt als in anderen Berufen. Wer zu viele Fehler zugibt, wird im System keine Chance haben."

Kritikfähigkeit wächst

"Wir sind eben dazu erzogen worden, unter der Null-Fehler-Annahme zu arbeiten", gibt der Frankfurter Prof. Schrappe zu. Aber das ändere sich, wenn auch nur langsam. Wenn er heute öffentlich sage: "Fehler gehören im Gesundheitswesen zum Alltag" empfänden die meisten Kollegen das als Befreiung.

"Die Kritikfähigkeit wächst", sagt auch Ärztin Hoffmann, das sehe man allein daran, dass es solche Portale gebe. "Vor zehn, zwanzig Jahren haben Mediziner über ihre Fehler ausschließlich hinter verschlossenen Türen gesprochen."

Sandra Trauner/DPA
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