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Mathefreak überlistet Datingportal und findet große Liebe

Mit dem Online-Dating wollte es bei Chris McKinlay einfach nicht klappen. Doch dann besann sich der Mathematiker auf seine Fähigkeiten - und fand mit Hilfe eines Tricks die große Liebe.

Von Timo Brücken

  Mit ein paar statistischen Tricks hat der Mathematiker Chris McKinlay in einem Datingportal seine große Liebe gefunden.

Mit ein paar statistischen Tricks hat der Mathematiker Chris McKinlay in einem Datingportal seine große Liebe gefunden.

  • Timo Brücken

Chris McKinlay saß in seinem Büro an der Universität von Los Angeles, als ihm bewusst wurde, dass er etwas an seinem Flirtverhalten ändern musste. Genau genommen an seiner Strategie beim Online-Dating, denn seit neun Monaten suchte der Mathematiker auf dem Partnersuche-Website OkCupid erfolglos nach einer Partnerin. Das magere Ergebnis dieser Zeit: sechs Dates. Erste Dates, denn keine der Frauen hatte "den schlaksigen 35-Jährigen", wie das Magazin "Wired" ihn nennt, ein zweites Mal getroffen.

OkCupid ist eines von vielen Dating-Portalen in den USA. 40 Millionen Menschen nutzen laut "Wired" die Website oder einen ihrer Wettbewerber wie Match.com oder J-Date. OkCupid sticht aus der Masse durch seinen besonderen Ansatz hervor: Die Seite wurde 2004 von Mathematikstudenten der Eliteuni Harvard gegründet und setzt beim Verkuppeln dementsprechend vor allem auf Zahlen. Aus einem Fundus von mehreren Tausend Fragen wählen die Mitglieder so viele aus, wie sie wollen. Zu jeder geben sie eine Antwort ab, legen aber zusätzlich fest, wie wichtig ihnen die Frage ist und welche Antworten von einem potenziellen Partner akzeptabel wären. Aus diesen Daten berechnet OkCupid einen Wert zwischen null und 100, eine Art Seelenverwandtschafts-Faktor.

Nur eine Handvoll Dates

Doch für McKinlay spuckte die Seite zunächst nicht einmal 100 Frauen mit einem Faktor über 90 aus. Erbärmlich wenig für eine Stadt wie LA, mit zwei Millionen Einwohnerinnen und angeblich 80.000 weiblichen OkCupid-Mitgliedern. Dutzenden Damen stellte der Mathematiker sich per Nachricht vor, in den meisten Fällen kam nie eine Antwort. Am Ende stand er gerade mal mit einer Handvoll Verabredungen da, und auch die führten zu nichts. Dabei ist McKinlay sicher kein langweiliger Typ: Er hat einen Studienabschluss in Chinesisch und ist jahrelang zwischen New York und Las Vegas hin- und hergejettet - als Mitglied einer professionellen Blackjack-Mannschaft.

Sein Problem lag woanders, in den Zahlen. Der Seelenverwandtschafts-Algorithmus von OkCupid bezieht nur die Fragen mit ein, die beide potenziellen Partner beantwortet haben. Solche, die nur einer von beiden gewählt hat, zählen nicht. McKinlay hatte sich jedoch anscheinend für Themen entschieden, die bei den OkCupid-Frauen in LA eher unpopulär waren. Bei der Auswahl hatte er sich keine großen Gedanken gemacht, war mehr oder weniger willkürlich vorgegangen. Doch das musste sich nun ändern.

Wenn seine Mannschaftskollegen ein neuartiges Blackjack-Spiel entdeckt hätten, erzählte McKinlay "Wired", "gingen sie nach Hause, schrieben ein Programm und kamen mit einer Strategie wieder, um es zu gewinnen." Und letztlich war der Algorithmus der Datingseite doch nichts anderes als das: ein Gegenspieler, den man besiegen konnte. Mit Zahlen, schließlich war er doch Mathematiker.

Bots sammeln Daten über Tausende Frauen

McKinlay musste herausfinden, für welche Fragethemen sich die Frauen in seiner Zielgruppe (hetero- oder bisexuell, 25 bis 45 Jahre) interessieren. Das konnte er jedoch nur erfahren, wenn er die Fragen auch selbst beantwortete. Andernfalls würden ihm die Antworten verborgen bleiben. Also legte der Mathematiker 12 gefälschte OkCupid-Profile an und schrieb kleine Programme, um sie zu steuern. Automatisch beantworteten diese sogenannten Bots den kompletten Fragenfundus der Datingseite, griffen die Antworten der Frauen aus der Zielgruppe ab und trugen sie in einer Datenbank zusammen. McKinlay schrieb derweil auf einem zweiten Monitor an seiner Doktorarbeit. Um nicht von OkCupids Sicherheitssystem erwischt zu werden, programmierte er die Bots so, dass sie die Mausklicks und das Tippen eines Menschen simulieren.

Für LA und San Francisco fanden die Bots 5000 Frauen in der Zielgruppe. Anhand ihrer Antworten und anderer Ähnlichkeiten konnte McKinlay sie mit Hilfe eines statistischen Verfahrens in sieben Gruppen einteilen. Doch welche passte am besten zu ihm? Der Mathematiker hörte auf zu rechnen und schaute sich nun konkrete Profile an. Seine Wahl fiel auf zwei Gruppen: einerseits alternativ aussehende Künstlerinnen und Musikerinnen Mitte 20, andererseits etwas ältere Frauen mit Kreativberufen, Designerinnen oder Redakteurinnen etwa. Für beide legte McKinlay jeweils ein Profil an, mit (angeblich ehrlichen) Antworten auf die populärsten Fragen und passenden Profilbildern. Eines zeigt ihn beim Klettern, das andere mit Gitarre bei einem Auftritt.

Dann ließ er den OkCupid-Algorithmus arbeiten. Und siehe da, aus den anfänglich nur 100 Frauen über einem Wert von 90 wurden plötzlich Zehntausende. Eine ganze Trefferseite schaffte sogar 99 Prozent Übereinstimmung. Um die angeblich am besten zu ihm passenden Frauen auf sich aufmerksam zu machen, ließ McKinlay seine Profile automatisch deren OkCupid-Seiten besuchen. Diejenigen, die sich wirklich für ihn interessierten, würden sich schon von selbst melden. Tatsächlich flogen die Nachrichten nach ein paar Tagen nur so in sein Postfach. Doch der schwierigste Teil begann erst jetzt.

Und dann kam Christine

Die Rechnerei war vorbei, der Mathematiker musste sein Büro verlassen und nach draußen gehen. Frauen treffen und Dates haben, bei denen all die schöne statistische Übereinstimmung einem gar nichts mehr nützt, wenn man nervös ist, herumstottert oder einfach nicht weiß, worüber man reden soll. Und genauso kam es. Mit der Webdesignerin stimmte die Chemie nicht, die Proust-lesende Bloggerin wirkte irgendwie depressiv und die Regiestudentin meldete sich nie wieder. Nach einem Monat löschte McKinlay eines seiner Profile und konzentrierte sich fortan auf die ältere, weniger künstlerisch veranlagte Gruppe. 55 Dates vergingen ohne nennenswerten Erfolg, auf nur drei Begegnungen folgte eine zweite, mit nur einer Frau traf sich McKinlay ein drittes Mal. Und dann kam Christine Tien Wang.

Die 28-jährige Kunststudentin und Aktivistin hatte auf OkCupid nach Männern über 1,80 Meter mit blauen Augen gesucht und war dabei auf den Mathematiker gestoßen. Die beiden trafen sich auf dem Campus ihrer Uni, gingen Sushi essen und sprachen über Bücher, Musik und Kunst. Bei McKinlay funkte es sofort. Als sie ihm gestand, dass sie Ihr Profil bei OkCupid ein wenig frisiert habe, erzählte er ihr die ganze Geschichte. Die kühle Berechnung, die Tricks, die falschen Profile, andere Frauen hätten das vielleicht zutiefst abstoßend und unromantsich gefunden. Doch Tien Wang sagt nur: "Ich fand es dunkel und zynisch. Das gefiel mir."

Dass sie sich letztendlich nur dank eines mathematischen Ganovenstücks kennenlernten, ist ihr egal. "Die Art wie wir uns trafen, war vielleicht oberflächlich", sagte sie zu "Wired". "Aber alles was danach kam, ist es ganz und gar nicht." Und McKinlay ergänzt, OkCupid sei "nur ein Mechanismus gewesen, um uns in den selben Raum zu bringen." Als er seiner Angebeteten vor kurzem einen Heiratsantrag machte, waren die beiden jedoch Tausende Kilometer voneinander entfernt. McKinlay in LA und Tien Wang in Katar, wo sie gerade ein Kunststipendium absolviert. Den Ring hielt er beim Skype-Gespräch vor die Webcam - und sie sagte ja.

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