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Das Internet verplappert sich

Der Amoklauf von Winnenden fand auch live bei Twitter und anderen sozialen Netzwerken statt. Das zeigt deutlich: Egal, wo etwas Dramatisches passiert: Der Jedermann-Journalismus bringt Nachrichten sofort ins Internet. Ohne Rücksicht auf Rechte und Verluste.

Von Gerd Blank

Unverständnis, Angst, aber auch Wut spricht aus den Zeilen, die von bewegten Internet-Nutzern in verschiedenen sozialen Netzwerken veröffentlicht wurden. Kurz nachdem die ersten Meldungen über den Amoklauf von Winnenden bekannt wurden, gab es bereits die ersten Postings über den Vorfall.

Twitter entpuppt sich immer mehr zum Lebensticker einer ganzen Generation. Nicht nur Kids nutzen den Mikroblogging-Dienst, auch Erwachsene schicken kurze Gedanken in alle Welt. Oder geben Hinweise auf Nachrichten, die bereits anderswo liefen. Doch auch die Medien sind aktiv und versuchen, per Twitter Augenzeugen zu erreichen. Twitter-Nutzer Jakuuub schreibt zu Recht: "Interessant, wie viele Journalisten sich per Twitter über Winnenden informiert haben. Da wird sich in Zukunft noch einiges verändern."

Twitterer, die zwar nicht am Tatort, aber immerhin zum Tatzeitpunkt in der Stadt waren, werden zu dem Amoklauf interviewt. So hat die Nutzerin Tontaube zwar nichts gesehen, wird aber von allen Medien belagert und um Statements gebeten. Warum? Sie hat um 10.30 Uhr folgenden Satz geschrieben: "Achtung: In der Realschule Winneden gab es heute einen Amoklauf, Täter angeblich flüchtig - besser nicht in die Stadt kommen!" Zwar schrieb sie später auch, dass sie im Bahnhof sitzt, nichts weiß und deshalb auch der Presse keine Antworten geben könne, aber da war es schon zu spät. In Ermangelung echter Zeugen nimmt man halt, was man kriegen kann. Jede Äußerung von Tontaube wird von anderen Nutzern wiederholt und gewinnt dadurch offensichtlich an Relevanz.

Schnell wird klar, man weiß nichts und will darüber reden. Wo für so ein Geschwätz früher nur Hausflur oder Supermarkt blieben, erlaubt das Internet nun die ungefilterte Verbreitung. Natürlich stecken zwischen den unzähligen Informationen häufig auch Falsch- und Spaßmeldungen, es fällt schwer, den Unterschied zwischen echter Nachricht und Unsinn zu bemerken. Wie denn auch, Twittermeldungen sind mit einer Länge von maximal 140 Zeichen auch nicht für tiefe Informationen ausgelegt. Hier wird in Überschriften gedacht und geschrieben.

Die Katastrophe auf dem Monitor

Dank Twitter finden Amokläufe und Katastrophen auf den Monitoren statt. Lange bevor Fernsehteams und Journalisten vor Ort sind, wird fleißig über die Geschehnisse berichtet. Doch das Problem ist häufig nicht alleine die Nachricht, sondern wie mit ihr umgegangen wird. Während ausgebildete Journalisten eigentlich wissen, wie mit Namen, Adressen und Bildern umgegangen werden darf, erfährt man bei Twitter schnell, wie der mutmaßliche Täter heißt. Das Elternhaus wird in aller Pracht gezeigt, und damit man es auch findet, gibt es den Link zur Adresse dazu. Der Pressekodex gilt halt für die Presse, und nicht für ein Medium, welches von vielen fälschlicherweise als die Zukunft des Journalismus betrachtet wird.

Wenn der Pöbel gleichzeitig zum Nachrichtenempfänger und Versender wird, bleibt häufig viel auf der Strecke. So werden Suchmaschinen virtuos genutzt und Personen aufgespürt, die den gleichen Namen haben, wie der mutmaßliche Täter. Die Fotos dieser Männer, gefunden bei Xing, Facebook, Myspace und anderen sozialen Netzwerken, werden per Mail oder Twitter verschickt. So erlangen ein paar Ks traurige Berühmtheit, nur weil sie den Namen eines Mörders tragen.

Auch Stunden nach der Tat, lange, nachdem der Täter von der Polizei gestellt wurde, laufen sekündlich neue Meldungen bei Twitter ein. Um 15.13, fragt Ribanna: "Amoklauf in Winnenden?" Fast fünf Stunden, nachdem die ersten Meldungen bei der Polizei eingingen. Fast schon zynisch muten die Befürchtungen vieler Twitterer an, dass auf den Amoklauf wohl eine Killerspieldiskussion folgen wird. Dabei wurde noch nicht einmal genau geklärt, was der junge Mann in seiner Freizeit gemacht hat.

Doch nicht nur Twitter ist im Winnenden-Fieber. Der Wikipedia-Eintrag zu dem Ort wurde innerhalb kürzester Zeit um folgende Aussage ergänzt: "Am 11. März 2009 kam es an der Albertville-Realschule in Winnenden zu einem Amoklauf, bei dem 16 Personen ums Leben kamen."

Auf der Seite des Fotodienstes Flickr laden die Mitglieder Bilder hoch, die zwar oft nichts mit dem Amoklauf zu tun haben, aber dennoch mit dem Begriff "Winnenden" versehen werden. Da sieht man schnell mal irgendeinen Jungen mit einer Waffe. Identität? Egal, ist ja Web, kann man ja machen. Beim Videoportal Youtube gab es am Nachmittag bereits 50 Filme, die mit dem Begriff "Winnenden versehen wurden. Meist abgefilmte Nachrichten, quasi der Videorekorder für die Netzgemeinde.

Richtig geschmacklos wird es, wenn bei Twitter auf ein Video hingewiesen wird, welches den mutmaßlichen Täter zeigen soll. Der Nutzer Strangeday hat für diese Information extra einen eigenen Account angelegt. " Das echte Bild von Tim K." steht da. Der Link führt tatsächlich zu einem Video. Allerdings ein Musikvideo, wahrscheinlich von Strangedays selbst.

So funktioniert das Web. Aus einer Meldung wird eine Lawine, die den Wahrheitsgehalt oft unter sich begräbt. Das Jeder-kann-mitmachen-Internet zeigt seine Fratze.

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