17. Dezember 2007, 11:15 Uhr

Einfach mal dagegen sein

Falsche Freunde sammeln im Akkord, das Privatleben in die Öffentlichkeit tragen und sich wichtig machen - darum geht es im Web 2.0. Sagen Kritiker. Und erschaffen satirische Gegenentwürfe zu den bekannten sozialen Netzwerken. "Hatebook", "Isolatr" und "Alleinr" heißen sie und helfen beim Hassen, Alleinsein und Verwalten von Feinden. Von Matthias Lauerer

Einfach mal Dampf ablassen auf hatebook.com©

Spätestens 2007 mauserte sich der Begriff Web 2.0 zum heimlichen Wort des Jahres. Was haben wir uns nicht alle vernetzt: Kommunizieren bei StudiVZ, stellen unsere Bilder bei Flickr ein und pflegen unsere Geschäftskontakte natürlich mit Xing. In diesen Social Communitys ist das Sammeln von "Freunden" für viele ein Sport geworden. Ein Sport, der anderen gehörig auf die Nerven geht. Aus Spott und Protest formiert sich das Anti-Web-2.0 mit schrägen Namen wie "Hatebook.com", "Alleinr.de", oder "Isolatr.com".

Hatebook ist der böse Gegenentwurf zu dem in den USA extrem erfolgreichen Netzwerks Facebook. Dort geben die Nutzer fleißig an, wen oder was sie lieben, wo sie wohnen und was Ihnen kulturell gefällt. Ganz anders bei Hatebook. Ein Strichmännchen mit auffällig schlechter Laune begrüßt die Besucher. Ansonsten besteht das Angebot nur aus kurzen Tiraden. Ein Unbekannter schimpft über "laute und lästige Kinder". Die "hasst" er sogar, auch wenn er nicht "alle Kinder hasst". Der nächste hasst den "Zoo in Toronto" weil er die "Schmalspur-Bimmelbahn" abgeschafft hat. Und die Verfasserin eines anderen Beitrags "hasst es, ihren besten Freund zu mögen". Sie hat sich in ihn verliebt und muss sich "alle Geschichten über die Dame seines Herzens anhören."

Mit Enemybook kann man seine Facebook-"Freunde" in Feinde einteilen©

Dampf ablassen

Die Seiten-Macher beschreiben den Sinn ihres Auftritts so: "Das Hassbuch ist eine Webseite, auf der Menschen lesen und darüber schreiben können, was sie hassen. Du kannst Hatebook nutzen, um Dampf abzulassen oder Dinge aus einer anderen Perspektive zu sehen." Und dann folgt noch ein Augenzwinkern in Form des Satzes: "Oder um etwas Humor im Leben zu finden!"

Feinde finden auf Facebook

Wer erkannt hat, dass auf Facebook nicht nur wirklich nette Menschen zu finden sind, kann sich seit seit dem Sommer eines Werkzeugs bedienen. Unter www.enemybook.info lassen sich die persönlichen Feinde der Facebook-User verwalten. Selbst eine Freundschaft mit den Feinden der Feinde des Users ist möglich. Die Idee hatte der amerikanische Mathematik-Doktorand Kevin Matulef. Er sagte dem "San Francisco Chronicle", ihm ginge es darum, "ein unsoziales Gegenprogramm zu Facebook zu schaffen, welches die Möglichkeit schafft, sich von vermeintlichen Freunden zu trennen." Der 28-Jährige hatte die Idee in seinem Uni-Schlafraum aufgeschnappt. Dort hatten sich Erstsemster über ihre "echten Freunde" und die "so-called-Freunde" von Facebook rege unterhalten. Und dabei fein zwischen diesen beiden Gruppen unterschieden.

Auf alleinr.de kann man nix tun©

Community gegen Communitys

Bei "Alleinr" wird das Prinzip der Web-2.0-Kommunikation vollends ad absurdum geführt. Hier kann man keiner Community beitreten. Lapidar heißt es auf der Begrüßungsseite: "Entspannen Sie sich. Hier müssen Sie nichts tun. Sie melden sich nicht an, Sie laden nichts hoch, Sie kommentieren nicht, Sie knüpfen keine Kontakte. Niemand beobachtet, was Sie tun. Sie sind allein. Nein, noch besser: Sie sind alleinr." Danach folgt ein schwarzer Bildschirm.

Nur farblich anders ist die "Isolatr"-Seite gestaltet, sehr bunt nämlich. Sie rühmt sich der "patentierten Isolatr-Technologie", die im Satz: "Helping you find where other people aren't" mündet. Und in der Liste der "Häufig gestellten Fragen" wird der hilfsbereite Umgang mit neuen Nutzern persifliert. Jede Antwort lautet "nein". Auch auf die Frage, ob der Sinn des Internet nicht das Zusammenführen von Menschen sei.

Von Matthias Lauerer
 
 
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KOMMENTARE (2 von 2)
 
ahaderlein (19.12.2007, 14:00 Uhr)
Mit Ironie gegen informationelles Junk Food
Das Absurdistan der neuen Neuen Medien ist ja mehr als offensichtlich, ohne die Demokratisierungspotenziale, Teilhabebedürfnisse oder die Kreativitätslust der User abzutun: Aber wer braucht wirklich Kommentare der Kommentare von Kommentaren? Ab der x-ten Community wird Networking zur Plage und nicht jeder Weblog lohnt gelesen zu werden, auch wenn er ein Mikropublikum anzusprechen vermag.
Dennoch: Das sog. Web 2.0 hat sicherlich enorm viele Verbesserungen, teilweise sogar Innovationen hervorgebracht, die die Arbeit im und am Internet erleichtert haben.
Die große Frage der Zukunft aber bleibt: Ab wann frisst das Eintauchen in die sog. "Sozial-Medien" mehr Ressourcen, als dass es sie erschliessen und freisetzen hilft? Immer mehr, so meine Einschätzung, werden digitale Medien zu Zeitfressmaschinen.
Strategien dieser Zwangslage zu entkommen, sind nur schwer umzusetzen. Und selbst Hersteller wie Apple (ich denke da an absurde Dateigrößen des Präsentationsprogramms Keynote) leisten hier nicht unbedingt Pionierarbeit.
Satire und Ironie sind deshalb sicherlich ein eleganter Hebel, um zu erkennen, dass das Netz nicht die Welt ist und wir ohne mal wieder zum Nachdenken kommen, mitunter ein Buch lesen können.
Ein bekannter deutscher Podcaster, Alex Wunschel vom Tellerrand-Podcast, las unlängst andächtig SPAM-Mails vor - Posie 0.1 sozusagen. Wunderbar. Ironie als medienpädagogische Maßnahme.
faustjucken_de (17.12.2007, 15:51 Uhr)
warum wird denn hier zensiert?
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