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2. November 2006, 14:26 Uhr

Suchmaschinen bekommen Ohren

Der große Lauschangriff droht bald auch aus dem Internet: Ein neues Verfahren lässt das Durchsuchen von Tondokumenten nach bestimmten Begriffen zu. Nicht nur Geheimdienste zeigen Interesse.

Eine neue Suchmaschine durchforstet auch Audiomaterial - das ist nicht nur für den Geheimdienst interessant© Hubert Link/DPA

Im Lesen sind Suchmaschinen wahre Meister - blitzschnell finden Google, Yahoo und Co. beliebige Wörter auf mehreren Milliarden Internetseiten. Ein kleines Unternehmen aus Mecklenburg-Vorpommern will den Internet-Riesen jetzt das Hören beibringen: Die Firma Com Vision aus Wismar hat eine Software entwickelt, die Suchbegriffe in Tonaufnahmen findet. Gewerbliche Medienauswerter nutzen die Technik schon, aber auch Rundfunksender und Geheimdienste sind interessiert.

Fortschritte bei automatischer Spracherkennung

Die neue Suchtechnik namens "Audioclipping" profitiert von den gewaltigen Fortschritten der automatischen Spracherkennung in den vergangenen Jahren. "Wir lassen das Tonsignal durch unser System laufen und setzen das in geschriebenen Text um", erklärt der technische Leiter des Unternehmens, Lars Mainka. Der Text lasse sich mit bewährter Technik durchsuchen. "Schrift ist das am besten komprimierte Medium." Damit jedes Suchergebnis wieder der richtigen Stelle auf der Tonspur zugeordnet werden könne, ergänze die Software alle Textabschnitte mit Zeitangaben.

Zwar könne der Computer auch heutzutage kein druckreifes Protokoll schreiben wie ein Stenograf, räumt Mainka ein. Selbst die moderne Software verstehe nur 85 Prozent der gesprochenen Sprache korrekt. Ein Kunstgriff führe aber zum richtigen Ergebnis: "Wir suchen auch nach ähnlichen Wörtern", erklärt der Cheftechniker. "Damit sind wir in der Lage, jede Textstelle wiederzufinden."

Das Unternehmen von der Ostseeküste, das mit 14 Beschäftigten weniger als zehn Millionen Euro im Jahr umsetzt, verspricht sich ein großes Geschäft. Radio- und Fernsehsendungen, Tonarchive, Audiodateien im Internet, selbst aufgezeichnete Telefonkonferenzen und Vorträge - all das lasse sich nun erstmals kostengünstig auswerten, schwärmt Verkaufsleiter Dietmar Kneidl. Und zwar in bisher ungeahnter Geschwindigkeit: "Wir sind in der Lage, 60 Minuten gesprochener Sprache in nur acht Minuten zu analysieren." Ein geübter - und teuer bezahlter - Protokollant brauche dafür deutlich länger als eine Stunde.

Technologie macht Radio für PR auswertbar

In der Praxis testen die Wismarer ihr Verfahren auf der Internetseite www.audioclipping.de. Nach Unternehmensangaben werden dort monatlich rund 15.000 Sendestunden von 21 Hörfunkprogrammen ausgewertet. Internetnutzer können auf dieser Seite aktuelle Radionachrichten durchsuchen und erhalten neben einer kostenlosen Trefferliste auch Hörbeispiele als Belege.

Damit wird der Hörfunk erstmals auch für kommerzielle Medienbeobachter interessant. Für sie galt dieses Medium wegen der Vielzahl von Programmen und der fehlenden Bilder als noch schwieriger zu auszuwerten als das Fernsehen. "Radiosendungen beobachten war betriebswirtschaftlich bisher kaum sinnvoll", sagt Uwe Mommert vom Berliner Presseausschnittdienst Landau Media. Erst mit dem Audioclipping-Verfahren könne er seine Kunden zu einem akzeptablen Preis auch über die Resonanz ihrer Werbe- und PR-Aktivitäten im Hörfunk informieren. "Es gibt jetzt keine Medienart mehr, die wir nicht beobachten."

Bundestag und Geheimdienste interessiert

Bei Com-Vision-Geschäftsführer Manfred Büttner haben bereits mehrere Interessenten von Rang und Namen angeklopft. "Mit Google gibt es erste Sondierungsgespräche", sagt Büttner. Zudem prüften Rundfunkanstalten wie der WDR den Einsatz der Software in ihren Archiven. Mit dem Deutschen Bundestag laufe bereits ein Projekt zur Auswertung von Ausschusssitzungen und Anhörungen, die im Gegensatz zu Plenarsitzungen nicht stenografiert würden. Gefragt nach einem Einsatz seiner Technik bei Geheimdiensten, lächelt Büttner vielsagend: "Es gibt staatliche Stellen, die sich dafür interessieren. Nicht nur in Deutschland."

Jörn Poltz/Reuters
 
 
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