Millionen Menschen sind im Schnäppchenfieber. Der weltgrösste Internet-Marktplatz hat Hochkonjunktur. Zehntausende verdienen sich als Verkäufer ein zweites Einkommen oder machen sich selbstständig.

Die Ebay-Mitarbeiter dekorieren ihre Arbeitsplätze kunterbunt© Jürgen Holzenleuchter
An diesem Sonntagabend lief der Computer im Schlafzimmer von Jacqueline Roos schon viele Stunden. Der Internetbrowser war auf Ebay eingestellt. Die 37-jährige Schmuckdesignerin aus Pforzheim hatte sich fast drei Monate auf die Lauer gelegt. Jetzt stand sie kurz davor, das Objekt ihrer Begierde zu ersteigern - einen apricotfarbenen Mantel der Edelmarke Escada in der seltenen Größe 36 (Neupreis: mindestens 500 Euro). "Zwei Stunden vor Auktionsende tat sich nicht viel, weil die Mitbieter den Preis von 15 Euro in Schritten von ein oder zwei Euro nur langsam hochtrieben", erinnert sich die Mutter einer zweijährigen Tochter. Beruhigt ging Jacqueline Roos ins Wohnzimmer. Erst zehn Minuten vor Ablauf der Auktion bat sie Mann und Tochter, sie nicht mehr zu stören, und setzte sich an den PC. Ohne ein Glas Wein wie sonst oft. Sie wollte sich ganz auf die Endphase des Bietens konzentrieren - den Showdown.
Mit einem krummen Betrag bot sie zum ersten Mal mit, 31 Euro: "Als Limit hatte ich mir 80 Euro gesetzt. Ich wollte ein Schnäppchen machen", sagt sie. Kaltblütig zählte sie auf ihrer funkgesteuerten Uhr die Sekunden. Aus Erfahrung wusste sie, dass es ungefähr eine Minute dauert, ein Gebot einzutippen, es mit einem Mausklick loszuschicken und abzuwarten, bis die Ebay-Website den aktuellen Preis anzeigt. Genau eine Minute vor Ablauf der Auktion tippte sie ihr Gebot von 66 Euro ein. Zunächst tat sich nichts. Die Website zeigte zu diesem Zeitpunkt 58 Euro an. Zehn Sekunden vor Ende zeigte Jacque-line Roos doch noch Nerven und tippte 77 Euro ein. Doch das war überflüssig. Für 66 Euro hatte sie den Mantel geschossen, und während sie sich freute, fiel den leer ausgegangenen Mitbietern irgendwo in Deutschland die Kinnlade runter.
Kleine Dramen wie dieses spielen sich bei Ebay täglich zigtausendfach ab. Was vor acht Jahren als digitaler Flohmarkt begann, ist heute mit zehn Millionen deutschen Kunden im letzten Jahr der größte Umschlagplatz für Waren im Internet. Fast 14 Millionen Menschen und damit jeder zweite vernetzte Deutsche klicken Monat für Monat die deutsche Website an. Nur die Amerikaner sind noch Ebay-begeisterter als die Deutschen.
Wer Computer und Internet hat, entdeckt früher oder später Ebay. Die meisten sind auf der Suche nach einem Schnäppchen - ein neues Handy für die Tochter, eine Designerbluse für die Gattin. In einer Zeit, wo niemand mehr Schwaben- oder Schottenwitze erzählt, weil Geiz geil sein soll, liegt Ebay auf der Höhe des Zeitgeists.
Die kinderleichte Bedienung und das einfache Prinzip erklären den Erfolg. Wer eine E-Mail-Adresse hat, kann sich anmelden und dann kaufen oder verkaufen - traditionell per Auktion mit dem Zuschlag für den Höchstbieter oder als Sofortkauf zum Festpreis. Die Firma Ebay ist dabei anders als etwa das Internet-Kaufhaus Amazon nicht der Verkäufer der Ware, sondern stellt nur den elektronischen Katalog und die digitale Handelsplattform zur Verfügung - gegen Gebühren und eine Provision vom Verkaufserlös.
Es gibt nichts, was es nicht gibt bei Ebay. Kaum waren die Amerikaner in Bagdad einmarschiert, wurden Saddam-Dinar-Scheine bündelweise offeriert. Im Februar bot ein US-Student zum Scherz seine Seele an. Der Handball-Bundesliga-Club SC Magdeburg versteigert Freundschaftsspiele. Patenschaften für Hoch- und Tiefdruckgebiete vergibt die Freie Universität Berlin. Oder wie wäre es mit einer Insel in Schweden (Startpreis: 80 000 Euro), einem eleganten Citroén DS oder einem englischen Atombunker? Ebay ist ein Basar des Besonderen und des Banalen - Ramschladen, Flohmarkt, Kleinanzeigen-Pinnwand und Shopping-Meile in einem.
Zwei Handys wechseln pro Minute den Besitzer, alle zwei Minuten ein Notebook, alle vier Minuten ein DVD-Player. Sammlerstücke aus Überraschungseiern finden alle 38 Sekunden einen Käufer. Mehr als eine Million Artikel sind ständig im Angebot - vom Matchbox-Auto bis zum gebrauchten VW Golf. Als einziges Internet-Handelshaus auf weiter Flur meldet der Konzern ständig steigende Gewinne - im ersten Quartal dieses Jahres weltweit allein eine Verdopplung von 47,6 auf 104,2 Millionen Dollar bei einem Umsatz, der sich um 94 Prozent erhöht hat.
Der Gründungsmythos besagt, Firmengründer Pierre Omidyar habe Ebay einst erfunden, damit seine Verlobte ihre Pez-Sammlung online erweitern könne. (Ende letzter Woche waren 464 der Brausebonbon-Behälter mit Köpfen von Comic-Figuren bei Ebay.de im Angebot.) Der Programmierer baute 1995 unter dem Namen Echo Bay im kalifornischen Silicon Valley eine Beratungsfirma auf. Nebenbei ließ er das Internet-Angebot Auctionweb als Hobby laufen. Erst als die Auktionsseite so stark genutzt wurde, dass sein Internet-Dienst ihm 250 statt 30 Dollar monatlich in Rechnung stellte, verlangte Omidyar Gebühren von seinen Nutzern. Der Firmenname entstand eher aus Zufall, weil echobay.com schon vergeben war und ebay.com dem am nächsten kam.
Täglich überweisen Tausende von Käufern an wildfremde Menschen irgendwo in Deutschland oder dem Rest der Welt Geld in der Hoffnung, den versprochenen Escada-Mantel oder das Bobby-Car ein paar Tage später vom Postboten im Empfang zu nehmen - Marktwirtschaft vom Feinsten. Zu schön, um wahr zu sein? Eine Mischung aus Selbstkontrolle sowie Angebot und Nachfrage lässt das System erstaunlich reibungsarm laufen.
Das Geniale an Ebay ist die Währung Vertrauen. Den Kurswert jedes einzelnen Ebay-Nutzers bestimmt ein Bewertungssystem: Wer die angebotene Ware schnell und wie angepriesen verschickt, bekommt vom Käufer eine positive Bewertung. Umgekehrt bringen schnelle Bezahlung und Einhalten des eingegangen Kaufvertrages durch den Höchstbieter ein positives Urteil des Verkäufers. Wer gegen die Regeln verstößt, wird schnell zum Ausgestoßenen. Möglichst viele positive Ebay-Bewertungen sind somit die erste global anerkannte Währung im Cyberspace.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 23/2003