Startseite

Der Hass und die anderen

Für seinen zögerlichen Umgang mit Hassbotschaften steht Facebook am Pranger. Sogar gegen einige Manager wird ermittelt. In seinem europäischen Hauptquartier in Dublin hat der Konzern sich nun verteidigt – und sich ein Stück weit geöffnet

Von Florian Güßgen, Dublin

Facebook

Facebook steht für seinen zögerlichen Umgang mit Hassbotschaften am Pranger und im Visier von Anwälten

Immer wenn es in Deutschland besonders schlimm zugeht, bekommen sie das hier mit. Immer wenn Hetzer sich nicht zügeln können, wenn die rechte Gülle über Kommentare, Fotos, Posts auf die Seite quillt. Denn dann gibt es die, die sich melden, die sich beschweren, die das Zeug gelöscht haben wollen. Und hier in Dublin müssen Facebook-Mitarbeiter ganz konkret entscheiden, wie es das soziale Netzwerk hält mit dem Hass. Post für Post. Seit Wochen, fast schon seit Monaten, beschäftigt dieser Hass Staatsanwälte, Richter und auch Politiker – und dabei ist auch Facebook, die Plattform selbst, zum Politikum geworden.

Es ist so sauber in den Silicon Docks

Wenn man nach Dublin fährt, erscheint der verbale Dreck weit, weit weg. Hier liegt das europäische Hauptquartier des Konzerns. Und hierher, zum Grand Canal Square Nummer 4, hat Facebook ein paar deutsche Journalisten eingeladen. Um zu zeigen, wie das Unternehmen den Hasskommentaren beikommen, wie es die "Hate Speech" managen will. Dabei sind die ehemaligen Docklands nicht vergleichbar mit den Niederungen der Hetzer. Das hier ist die Glitzerwelt der Technologiekonzerne. Modern. Sauber. Gesund. Ein Hafenbecken umsäumt von klarer, neuer Architektur, von duftenden Bäckereien mit warmem Licht, von Supermärkten wie "Fresh", Motto: "The Good Food Market". Die Äpfel sind hier so rotwangig präsentiert, dass man sie einatmen möchte. Googles Europazentrale liegt nur einen Steinwurf entfernt. Silicon Docks haben sie das Areal getauft.

Das siebenstöckige Facebook-Gebäude hat vor einiger Zeit Stararchitekt Daniel Libeskind entworfen. Das Innere ist nach den Ideen eines anderen Stararchitekten, Frank Gehry, gestaltet. Es ist eine Glitzerwelt im Stile der Nerds: offene Arbeitsplätze, viele Tischtennisplatten, viele Pool-Tische, dicht aneinander gereihte Schreibtische, bunt und Food for free. 1100 Menschen arbeiten hier.

  Moderne Bauten am Grand Canal Square 4, wo Facebook seine Europazentrale hat

Moderne Bauten am Grand Canal Square 4, wo Facebook seine Europazentrale hat

Ein Firmenlogo gibt es an dem Gebäude dennoch nicht. Nichts deutet daraufhin, dass hier die größte Facebook-Dependance außerhalb der USA ist, dass hier jene Plattform eine Zentrale hat, auf der sich im August erstmals über eine Milliarde Menschen am Tag tummelten. "Das hier ist kein öffentliches Gebäude", erklärt ein Manager. Es gehe nicht darum, Nutzer anzuziehen. Demnächst werde man an der Fassade dennoch einen Daumen anbringen. Damit zumindest Besucher wissen, wo sie hinmüssen.

Zuckerberg versprach der Kanzlerin Besserung

In Deutschland steht Facebook mit dem Rücken zur Wand. "Eine Farce", nannte Justizminister Heiko Maas Facebooks laschen Umgang mit den Kommentaren, EU-Justizkommissarin Vera Jourova sagte, Hasskommentare "sind einfach nicht akzeptabel." Mittlerweile gibt es Arbeitsgruppen, eine Task Force im Justizministerium, mit Facebook und anderen. Und selbst Facebook-Chef Mark Zuckerberg gelobte beim Tête-à-Tête mit Kanzlerin Angela Merkel am Rande der Uno-Generalvollversammlung Besserung.

Aber was heißt Besserung konkret? Dass Facebook mehr löscht? Dass es besser löscht? In Dublin hat sich der Konzern nun zumindest physisch ein wenig geöffnet: sein Hauptquartier gezeigt, Büros, Gespräche mit den Managern ermöglicht, mit den Menschen hinter der Seite. Seine grundsätzlichen Position jedoch behält Facebook bei: Im Zweifel sind in Deutschland andere zuständig. Wir kümmern uns darum, dass wir unsere Regeln durchsetzen.

  stern-Autor Florian Güßgen in der europäischen Facebook-Zentrale in Dublin

stern-Autor Florian Güßgen in der europäischen Facebook-Zentrale in Dublin

So stellt sich an diesem Morgen Siobhán Cummiskey Fragen. Sie ist für die "Policy", das Vorgehen des Konzerns in Europa, dem Nahen Osten und Asien verantwortlich. Cummiskey ist es auch, die den entscheidenden Satz sagt, jenen Satz, von dem sich alles ableitet, was Facebook mit den Hasskommentaren tut – oder eben nicht. "We do not track any national legal system", sagt sie. "Wir orientieren uns nicht an einem nationalen Rechtssystem." Stattdessen, sagt Cummiskey, habe Facebook Gemeinschaftsregeln, die auf der ganzen Welt gelten würden. Diese setze man durch, diese seien der Maßstab dafür, dass Kommentare entfernt würden. Facebook ist eine Weltorganisation, vielleicht wie die Vereinten Nationen, das ist die Botschaft. Wenn wir uns auf nationale Eigenheiten einlassen, und seien es Gesetze, verheddern wir uns, verlieren wir unsere Mission aus den Augen: alle, alle Menschen auf dieser Welt zu verknüpfen.

Stellt sich Facebook über das Recht

Dabei seien diese Regeln durchaus engmaschig, sagt die Managerin. Es gebe neun Kategorien, in  denen Posts als unzulässig eingestuft werden könnten: Dazu zähle etwa das Geschlecht, die Rasse, die Religion. Mit anderen Worten: Frauenfeindliche Kommentare werden ebenso gelöscht wie Kommentare gegen Muslime und gegen Juden. Das orientiere man sich an unveränderlichen, angeborenen Merkmalen. Ein "Flüchtling" zu sein, das sei ein Zustand, der vorübergehend sei. Deshalb gehöre dieses Merkmal nicht zu diesen Kategorien. Auch in vielen nationalen Gesetzen sei das nicht anders.

Stellt sich Facebook also über das Recht? Sobald nationale Strafverfolgungsbehörden auf möglicherweise volksverhetzende Posts hinweisen, sagt Cummiskey, kümmere man sich darum, lösche zumindest in dem betroffenen Land. Aber man prüfe eben nicht selbst vorab. Das, so die eindeutige Haltung, müssen andere tun. Die Arbeit der "Task Force" könne dazu dienen, eine Art "Anleitung" zu entwickeln, damit man besser definieren könne, was in Deutschland volksverhetzende Kommentare sind – und was nicht. Gleichzeitig arbeite man jetzt enger mit Stellen wie der Freiwilligen Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter (FSM) und Jugendschutz.net zusammen, um einen kürzeren Draht nach Dublin herzustellen.

"Unser Maßstab ist die Zeit"

Was am anderen Ende dieses Drahts geschieht, wer da eigentlich sitzt, das erläuterte Julie de Bailliencourt. Mehr als vier Jahre lang war sie für das Team "Community Operations" zuständig und damit für alles, was die Facebook-Gemeinschaft so treibt – und damit auch für das Löschen von Kommentaren. Es ist das Team, dass den deutschen Hasspredigern gegenüber sitzt. Weltweit gebe es jede Woche "Millionen" von gemeldeten Kommentaren, sagt de Bailliencourt. In Dublin und an mehreren Facebook-Standorten in der Welt, darunter auch im indischen Hyderabad, arbeiteten "Hunderte" von Mitarbeitern daran, diese Beschwerden zu prüfen. Rund um die Uhr. Oft seien dafür keine vertiefte Landeskenntnis erforderlich, wenn es etwa um das Löschen von Pornografie gehe. Gerade bei Hasskommentaren aber spiele Sprache, Verständnis, der Kontext, eine immense Rolle. Hier setze Facebook Muttersprachler ein. Auch für Deutschland.

Wie viele Muttersprachler genau, wie viele Deutsche, wie viele Österreicher in dem Team sind, dazu schweigt sich Facebook allerdings wortreich aus. So bleibt es schwer zu ermessen, wie viele Facebook-Mitarbeiter die deutschen Hetzer bändigen sollen – und wie sie leisten können, was sie zu leisten haben. "Unser Maßstab ist Zeit", sagt de Baillincourt.  Geschwindigkeit. Und da habe man so viele Mitarbeiter wie nötig, versichert sie.

Einen der Deutschen, die in Dublin für Kommentare zuständig sind, bekommen die Journalisten an diesem Tag dennoch zu Gesicht. Die Manager wollen ihn schützen, deshalb darf sein Name nicht genannt, darf er nicht so beschrieben werden, dass man ihn identifizieren könnte. Der Mann sagt, man sei sich sehr wohl bewusst, was in Deutschland los sei. Dieser Sommer sei so ganz anders verlaufen als der vergangene. Damals hätten alle über die Fußball-WM geschrieben, jetzt seien es die Flüchtlinge. Nicht immer sei es eindeutig, ob ein Kommentar die Facebook-Regeln verletze oder nicht. Dann rede man im Team miteinander, diskutiere, wäge ab. Wie viel Zeit dem einzelnen Mitarbeiter für einen Post bleibt, wie sorgfältig er abwägen und entscheiden kann, das kann man sich mit diesen Infos nur schwer vorstellen. Aber mehr sagt Facebook dazu nicht. Nur weil das Unternehmen seine Türen öffnet, heißt das noch lange nicht, dass es sich in die Karten schauen lässt. Facebook ist ein Stück weit offener, aber lange noch nicht offen.

Facebook-Zentrale Dublin

"Ab hier keine Besucher mehr": Facebook ist ein Stück weit offener, aber lange noch nicht offen.

Gegenrede als Hilfsmittel

Seit Wochen argumentieren die Facebook-Leute ohnehin, dass das beste Mittel gegen die Hetzer auf der Plattform die Gegenrede sei, die so genannte "Counterspeech." Es sei oft niemandem damit gedient, wenn missliebige Kommentare einfach verschwinden würden. Es gehe darum, ihnen etwas entgegenzusetzen. Die Zivilgesellschaft müsse das machen, die anderen, freilich mit freundlicher Unterstützung von Facebook. "Wir sehen die Gegenrede als eine effektive Ergänzung", sagt Siobhán Cummiskey. 20 Organisationen habe man jüngst in Berlin gezeigt, wie diese Rede aussehen könnte.

Ob Facebooks Vorgehen reicht, um die Kritiker zu besänftigen? Spätestens seitdem der Würzburger Anwalt Chan-jo Jun Anfang der Woche bekannt machte, dass er gegen drei Geschäftsführer von Facebook Germany geklagt hat, ist der Druck noch höher geworden. Der Vorwurf: Volksverhetzung. Die Staatsanwaltschaft Hamburg ermittelt. "Ich habe großes Vertrauen in die Geltung deutscher Gesetze. Facebook muss sich auch an das deutsche Recht halten. Mir ist wichtig, dass Facebook seine derzeitige Politik ändert und rechtswidrige Inhalte löscht, dass öffentlicher Druck entsteht, sowohl auf die Ermittlungsbehörden als auch auf die Portale", sagte Jun im "Morgenmagazin" von ARD und ZDF. "Wir müssen uns damit nicht abfinden. Die deutschen Gesetze gelten auch für ein amerikanisches Unternehmen."

Dabei sind die Hassbotschaften nur eines der Probleme, mit denen sich Facebook in Europa herumschlagen muss. Vor gut zwei Wochen traf der Europäische Gerichtshof eine Entscheidung, die sich auch gegen den Konzern wendet. Das Gericht kippte die so genannte Safe-Harbor-Regelung. Die besagte, dass Daten europäischer Kunden in den USA so ausreichend geschützt sind, dass sie zur Speicherung und Bearbeitung dorthin übermittelt werden dürfen. Geklagt hatte der junge Österreicher Max Schrems, ein langjähriger Facebook-Gegner. Diese Woche kündigte die irische Datenschutzbeauftragte an, dass sie nun untersuchen werde, ob die Daten von Facebooks Kunden in den USA sicher seien. Das hatte sie zuvor mit Verweis auf Safe Harbor abgelehnt.

Läuft Facebook Gefahr, dass ihm Europa entgleitet, dass Europa es "entfreundet", wie "Spiegel Online" titelte? Managerin Cummiskey sieht das nicht so. "Wenn auf der Welt etwas geschieht, geschieht es auf Facebook." Wir sind nur der Spiegel der Welt, soll das heißen. Und wir können die weder die Flüchtlingskrise noch die Kommentarkrise lösen. Das können nur die anderen.

Kommentare (4)

  • stern-Moderation
    Wir verabschieden uns für heute und schließen die Kommentare unter diesem Artikel. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an sterncommunity@stern.de /tsy
  • JDAISER
    JDAISER
    Der Artikel scheint mir einseitig und zu sehr auf facebook fixiert. Schuld ist doch in erster Linie nicht facebook sondern dieser braune Mob der sich wieder in unserem Land ausbreitet und von Populisten wie Seehofer und Co befeuert wird. Schauen Sie sich einmal auf FOCUS online die Kommentare zum Flüchtlingsthema an die dort seit Wochen verbreitet und zugelassen werden. Dort ist der Mob zu Hause, es wird einem übel wenn man sich damit beschäftigt und diese Dinge liest. Also OK bei facebook muss sich etwas ändern aber was ist mit FOCUS u.ä. , das sollten Sie einmal publizieren damit den Handlangern die das zulassen ein journalistisches Ende bereitet wird.
  • earlybird
    earlybird
    Who the fuck needs Facebook ?
  • Iblis
    Iblis
    "Ist Facebook zu zögerlich mit dem Löschen von Hass-Postings?"

    Gegenfrage: Müssen die denn überhaupt gelöscht werden? Traut man dem Normalnutzer nicht zu, dass er Kritik von Hetze unterscheiden kann?
    Ich höre und lese nur noch: Löschen, sperren, verbieten, strafrechtlich verfolgen. Ich sehe, wie offen an uns vorbeiregiert wird, wobei wir die Folgen selbstverständlich trotzdem zu tragen haben.
    Man hat die aktuelle Entwicklung entweder gutzuheißen oder die Klappe zu halten.

    Glaube, wir waren mit der Demokratie und allem, was daran hängt, schon mal weiter.
täglich & kostenlos
Täglich & kostenlos

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools