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"Your Face is Big Data": Ein Foto reicht, um alles über uns zu erfahren

Big Data - ein Thema zum Gähnen? Dann schauen Sie sich mal das Fotoprojekt "Yor Face is Big Data" an. Ein russischer Fotograf hat Menschen fotografiert und sich dann auf die Suche nach ihnen gemacht. Das Ergebnis ist beängstigend - und macht anhaltend die Runde durchs Netz.

Das Prinzip von "Your Face is Big Data": Zunächst ein Foto in der U-Bahn (li.), dann die Suche mittels Gesichtserkennung, schließlich Kontakt, ein zweites Foto und die Veröffentlichung als Combo.

Das Prinzip von "Your Face is Big Data": Zunächst ein Foto in der U-Bahn (li.), dann die Suche mittels Gesichtserkennung, schließlich Kontakt, ein zweites Foto und die Veröffentlichung als Combo.

Es hilft nichts. Wer in den sozialen Medien und durch das Surfen im Internet nicht zur vollkommen öffentlichen Person werden will, der muss Facebook, Google und Co. entweder meiden (was unrealistisch ist) oder sich richtig gut mit Datenschutz-Einstellungen auskennen. Wohl selten ist das anschaulicher dargestellt worden als durch den russischen Fotografen Egor Tsvetkow. In seinem Projekt "Your Face is Big Data" führt er uns allen eindringlich vor Augen, wie leicht praktisch jeder mit geringem Aufwand über uns fast alles erfahren kann. Und wie leicht wir zu finden sind - und zwar im realen Leben.

Tsvetkow realisierte seine Aktion schon im Frühjahr. Die Ergebnisse sind aber so beeindruckend und beängstigend, dass die Berichte sich via Facebook und andere soziale Netze immer noch verbreiten und weiterhin diskutiert werden. Was viele besonders schockiert: Es braucht nicht mehr als das Foto unseres Gesichts, um ganz nah an uns heranzukommen; uns praktisch jede Privatsphäre zu nehmen. Sechs Wochen lang war Tsvetkow in seiner Heimatstadt St. Petersburg unterwegs und fotografierte Menschen in der U-Bahn. Rund 100 Gesichter sammelte er auf diese Weise ein. Mithilfe der russischen Gesichtserkennungs-App FindFace machte er sich dann auf die Suche nach den Menschen.



Big Data: "Sehr viel über die Personen erfahren"

Der 22-jährige Russe wollte herausfinden, wie viele Daten er über ihm völlig unbekannte Personen würde sammeln können. Mithilfe von FindFace war es ein Leichtes seine Fotos mit Bilddatenbanken, Aufzeichnungen von Überwachungskameras und Profilen in VKontakt (VK) - sozusagen das "russische Facebook" - abzugleichen. "Ich habe sehr viel über das Leben der Personen herausgefunden, ohne überhaupt in Kontakt zu treten", berichtete Tsvetkow dem britischen "Telegraph". "Ich fühlte mich dabei sehr unwohl". Letztlich war es ihm möglich, zu 70 Prozent der Menschen, die er fotografiert hatte, Kontakt aufzunehmen, heißt es in Medienberichten. Von den Personen, die damit einverstanden waren, machte er ein weiteres Foto, kombinierte diese mit den Aufnahmen aus der U-Bahn und stellte die Bilder-Combos ins Netz - zu sehen auf der russischen Fotografie-Site "Birds in Flight".


Für den Fotografen Tsvetkow war es ein gelungenes Projekt, für den Menschen Tsvetkow ein beängstigende Erkenntnis. "Für mich ging es in diesem Projekt darum zu zeigen, wie Technologie die Möglichkeit eines Privatlebens zerstört", sagte der gebürtige St. Petersburger der britischen BBC. "Es zeigt uns die Zukunft." Eine Zukunft, in der jeder überall und zu jeder Zeit ein öffentlicher Mensch ist, wenn wir nicht lernen, die eigenen Daten und damit uns selbst zu schützen. Tsvetkow fand vor allem Kontakt zu 18- bis 35-Jährigen. Ältere Menschen, die meist nicht so aktiv in sozialen Medien sind, waren schwerer zu identifizieren. Auch wenn Verzicht im digitalen Zeitalter kaum mehr möglich sein wird, zeigt dieser Umstand: Je weniger Daten wir preisgeben umso mehr sind wir geschützt.


"Privatsphäre wird durch unseren Algorithmus zerstört"

Egor Tsvetkows Projekt lenkte die Aufmerksamkeit auch auf die unglaublichen Möglichkeiten von Gesichtserkennungs-Software. Vor allem FindFace, das Tsvetkow in seinem Projekt einsetzte, geht sehr weit - so weit, dass das Programm gelegentlich schon den Beinamen "Stalking App" bekommen hat. Es gibt dem Nutzer ein so mächtiges Tool an die Hand, dass so manche Szene aus dem Kino-Thriller "Minority Report" mit Tom Cruise in der Hauptrolle in absehbarer Zeit Realität werden könnte: personalisierte Werbung wo immer man geht und steht, automatische persönliche Begrüßung wenn man ein Geschäft oder eine Behörde betritt; kurz: komplettes Bewegungsprofil, komplette Überwachung.

"Ich denke schon, dass ein großer Teil der Privatsphäre durch unseren Algorithmus zerstört wird", sagte FindFace-Erfinder Artem Kukharenko in einem Interview mit "jetzt". "Ich sehe kein Problem darin." Und auf die Frage, ob er versteht, dass das manchen Leuten Angst macht: "(...) es liegt ja an dir selbst, ob du Angst haben musst. Wenn du ein guter Bürger bist und nichts zu verbergen hast, passiert dir doch durch die Gesichtserkennung nichts." Fragt sich allerdings, wer entscheidet, ob man ein braver Bürger ist oder nicht. Ein Algorithmus?

Your Face is Big Data


dho

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