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28. Mai 2005, 08:26 Uhr

Internet im Tauschrausch

Allen Anti-Raubkopierer-Kampagnen zum Trotz wird illegal heruntergeladen wie noch nie: Neuartige Tauschnetze wie Bittorrent funktionieren einfach, zuverlässig und schnell.

Stolzer Programmierer: Bram Cohen schrieb die Dateitausch-Software Bittorrent© AP

"Königreich der Himmel", "Robots", "Million Dollar Baby": Die schwedische Webseite "The Pirate Bay" hat ein attraktives Angebot. Aktuelle Kinofilme finden sich dort, Fernsehshows und US-Serien, die in Europa noch nicht gelaufen sind - sogar der neue "Star Wars"-Film war einen Tag vor der Weltpremiere zu haben. Dazu Software, Spiele und MP3-Dateien. Einzelne Songs wie in den Anfangszeiten des Online-Musiktauschs werden bei "The Pirate Bay" kaum noch angeboten, Musik gibt es gleich albenweise. Oder sogar als Gesamtausgabe, zum Beispiel 28 CDs von Eric Clapton in einer Datei, 2,4 Gigabyte groß.

Sieben Jahre nach Napster

Dass solche Downloads nicht nur kostenlos, sondern auch illegal sind, scheint die Hunderttausende Nutzer von "The Pirate Bay" nicht zu stören. Sieben Jahre nach der Erfindung der ersten Musiktauschbörse Napster geht das Raubkopieren im Netz ungebrochen weiter. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass es bei Musicload, AOL und iTunes inzwischen legale Musikangebote gibt. Selbst die mehr als 10 000 Klagen gegen Tauschbörsennutzer in den USA und Hunderte Strafanzeigen in Deutschland zeigen offenbar keinen Effekt: Die Zahl der aktiven Dateitauscher habe sich in den vergangenen zwei Jahren sogar nahezu verdoppelt, meldete jüngst der Infodienst Slyck.com. Kaum gelingt es der Musik- und Kinoindustrie mal, eine Tauschbörse in den Griff zu kriegen, kommt schon wieder die nächste. Zurzeit stehen die Macher von Grokster und Morpheus vor Gericht, aber auch deren Systeme sind schon wieder überholt, etwa vom Netzwerk eDonkey, wo sich bis zu vier Millionen Nutzer gleichzeitig Dateien hin- und herschieben.

"Sturzbach von Bits"

Als noch bedrohlicher für die Filmwirtschaft erweist sich aber Bittorrent, die Erfindung des US-Hackers Bram Cohen, der von seinen Fans schon verehrt wird wie einst Napster-Gründer Sean Fanning. Bittorrent (englisch: "Sturzbach von Bits") lässt Daten zwischen Internet-Nutzern hin- und herrasen wie nie zuvor -Êalles, was man braucht, ist ein kostenloses "Client"-Programm und eine Webseite wie "The Pirate Bay", die Torrent-Dateien anbietet, mit deren Hilfe die Nutzer ihre Angebote vernetzen können.

Je begehrter, desto schneller

Bereits jetzt geht ein Drittel des gesamten Internet-Datenverkehrs auf das Konto von Bittorrent, ermittelte der britische Web-Dienstleister Cachelogic. Anders als herkömmliche Tauschbörsen, bei denen man zum Teil stundenlang in einer Warteschlange ausharren muss, bis man endlich laden darf, gilt bei Bittorrent das Prinzip: Je begehrter eine Datei, desto schneller geht der Download. Denn jeder, der herunterlädt, gibt die frisch eingetroffenen Dateifragmente gleich an andere weiter.

Das macht Bittorrent und ähnliche Programme wie Exeem unschlagbar, wenn es darum geht, sehr große Dateien zu tauschen. Selbst Computerspiele-Hersteller und die Nasa nutzen das, um riesige Datenmengen zu verbreiten. Doch das meiste, was mit Bittorrent verschoben wird, ist illegale Ware, vor allem Filme und Serien. "TV-Show-Piraterie ist im vergangenen Jahr um 150 Prozent gestiegen", meldet die MPAA, der US-Filmindustrie-Verband, der jetzt versucht, dem Bittorrent mit juristischen Mitteln Herr zu werden.

Tatsächlich ist es der MPAA gerade wieder gelungen, sechs Tausch-Seiten schließen zu lassen, die sich auf TV-Serien spezialisiert hatten. Doch das ist juristische Schwerarbeit, denn Bittorrent-Seiten bieten nicht die Filme selbst an, sondern nur Dateien, mit deren Hilfe man an die Filme herankommt. Und die Nutzer sind nicht leicht zu fassen, weil die kleinen Bittorrent-Netze viel schwerer zu überwachen sind als große Tauschbörsen.

Auch für "The Pirate Bay" wird es wohl erst brenzlig, wenn im Juli das neue schwedische Urheberrecht in Kraft tritt. Bis dahin fühlen sich die Macher der Seite offensichtlich sicher: Mit dreisten Sprüchen ziehen sie über ihre Ankläger her. Einer, der sich "anakata" nennt, bittet darum, weitere Klageschriften "auf weiches Papier" zu drucken. Begründung: "Ich habe bald kein Toilettenpapier mehr."

Gefunden in ... Stern Stern
Ausgabe 22/2005

Ulf Schönert
 
 
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