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14. Dezember 2006, 16:18 Uhr

Vive le Web, vive la France!

Eine Blogger-Konferenz in Paris wurde vom Schaukampf französischer Präsidenten-Kandidaten überschattet. Viele Blogger aus aller Welt fühlen sich verschaukelt. Von Dirk Liedtke, Paris

Auf Stimmenfang: Der populistische Innenminister Nikolas Sarkozy zog eine Internet-lastige Wahlkampfrede ab© AFP

Tausend Mitglieder der digitalen Elite aus 37 Ländern trafen sich diese Woche in Paris bei der Konferenz "Le Web 3" - vor allem Blogger sowie Journalisten, Marketing- und Werbe-Leute, Risikokapital-Investoren und Internet-Unternehmer. Sie suchten Antworten auf hochgestochene Fragen wie "Wann wird virtuelles Leben besser als unser reales Leben?", "Die fünfte Gewalt: kann das Internet Politik verändern?" oder "Sind die alten Medien tot?" Eben die dritte Stufe der Internet-Revolution. Das in diesem Jahr angesagte "Web 2.0" hatte die Konferenz in ihrem Titel quasi schon übersprungen, um die dritte Stufe zu erklimmen. Oh la la. Doch es kam alles ganz anders als erwartet...

Neue Antworten auf diese leicht hysterischen Fragen gab es eigentlich keine. Stattdessen ermüdeten schon oft gehörte PR-Botschaften von Konzernen wie Microsoft, Yahoo oder Google in schlecht moderierten Podiumsdiskussionen. Neue Ideen waren Mangelware. Vor allem viele der Blogger, die mehrere hundert Euro für Teilnahmegebühr und Anreise gezahlt hatten, waren stinksauer, wie in vielen Blogs nachzulesen ist. Zu einem veritablen Eklat wuchs sich aber die feindliche Übernahme des Internet-Konferenz durch Politiker am zweiten und letzten Veranstaltungstag aus. Der politisch gut vernetzte Organisator der Konferenz, Loïc Le Meur, eine Art französischer Blogger-Guru, hatte - angeblich spontan - gleich drei Politiker eingeladen. Eine unheimliche Begegnung zwischen der rebellischen Netz-Avantgarde und Politikern im Propaganda-Modus.

"Die Welt ist ein Chaos"

Zunächst betrat ein Hochkaräter die Bühne: Den israelischen Friedensnobelpreisträger Shimon Peres sieht man sonst nur auf elitären Treffen wie dem Weltwirtschaftsforum in Davos. Der charismatische Greis setzte aus dem Stehgreif zu einer altersmilden Lehrstunde an. "Die Welt ist ein Chaos. Die Menschen sind deprimiert." Diesen Eindruck brachte Peres von einer Reise an amerikanische Universitäten mit. Doch der 83-Jährige fand ein hoffnungsvoll stimmendes Bild: "Die Welt geht schwanger mit einem neuen Zeitalter. Die Menschen des Internet sind die Hebammen eines neuen Zeitalters." Das hörten die Digitalos natürlich gerne.

Eine neue Weltsicht für das Internet-Zeitalter entwickelte Peres: "Unsere Aufgabe ist nicht uns zu erinnern, sondern zu erschaffen, zu entdecken. Statt unser Gedächtnis zu bemühen, können wir googeln." Das klang dann doch etwas altersnaiv. Aber Peres ist immer noch Realist genug: "Ich sehe keine politische Lösung für den nahen Osten aber einen ökonomischen Ansatz. Gehen Sie mit ihrer Firma, ihren Marken in andere Länder, bauen sie Filialen. Tun Sie es im Namen der Zukunft." Digitale Unternehmer mit Euro- und Dollar-Zeichen in den Augen als Friedensbotschafter - dafür gab es Standing Ovations für den Elder Statesman.

Wahlkampf wider Willen

Doch danach verkam der Kongress ungefragt zur hilflosen Staffage für zwei Kämpfer um das französische Präsidentenamt. Zunächst biederte sich Francois Bayrou, der liberal-konservative Kandidat der kleineren Partei UDF an: "Ich bin gekommen, weil die Blogosphäre für mich sehr wichtig ist, besonders weil ich nicht von den mächtigen Medien unterstützt werde." Mit viel wohlfeilem Pathos à la francaise pries er die Webbewohner als "Akteure der Informationswelt und Akteure ihres Lebens". Ja, als "fünfte Macht" sei das Internet "eine große Hoffnung für die Menschheit und den Planeten und die Konferenz gar ein wichtiges Ereignis in der Menschheitsgeschichte". Drunter machen es gallische Volksvertreter nicht. Zumindest sprach Bayrou ein paar Worte in der Konferenzsprache englisch und beantwortete einige Fragen. Das wirkte fast schon sympathisch, zumal französisch wunderschön klingt.

Einen Eiseshauch der Macht brachte der populistische Innenminister Nikolas Sarkozy in den Saal. Der rechtslastige Law-Order-Mann, der jugendliche Randalierer in den verelendeten Vorstädten schon mal als "Gesindel" bezeichnet, zog einfach eine Internet-lastige Wahlkampfrede ab. Frankreich sei digital im Hintertreffen. Das französische Kulturerbe müsse aber schnell, schnell online gehen, auf dass es den Rest der Menschheit beglücke. Denn natürlich sei das Internet ein "Instrument der Emanzipation". Ein kleiner Mann, große Worte - französische Staatsführer stehen in der Tradition Napoleons, auch der hyper-ehrgeizige Sarkozy.

Die digitale Elite erlebte eine Verbeugung vor der Macht, die jede Illusion über den rebellischen Charakter der Blogger-Konferenz zerstörte. Denn zu den Unterstützern des konservativen Opportunisten Sarkozy gehört auch der Organisator der Konferenz, Loïc Le Meur. Er führte sich so unterwürfig auf, als wolle er Internet-Minister unter Sarkozy werden. Die Blogger wehren sich auf ihre Art: in zahlreichen Einträgen machen sie ihrer Wut Luft und kündigen teils an, im nächsten Jahr um die Konferenz einen Bogen zu machen. Man kann sie gut verstehen.

Im Netz Weitere Informationen zur Konferenz unter: "www.leweb3.com"

Von Dirk Liedtke, Paris
 
 
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