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Tummelplatz der Raubkopierer

Kino.to ist tot. Egal, sagen die Raubkopierer: Boerse.BZ boomt wie nie zuvor. Dort gibt es nicht nur Filme, sondern auch Serien, Bücher und Musik. Die Staatsanwaltschaft ist machtlos.

Von Kerstin Herrnkind

  Alles, was nicht niet- und nagelfest ist, wird auf das Raubkopiererportal BoerseBZ hochgeladen - sei es die neueste bluray oder der aktuelle Kinoblockbuster.

Alles, was nicht niet- und nagelfest ist, wird auf das Raubkopiererportal BoerseBZ hochgeladen - sei es die neueste bluray oder der aktuelle Kinoblockbuster.

Man stelle sich vor, es gäbe ein Geschäft, das Diebesgut verkauft. Für ein paar Euro. In aller Öffentlichkeit. Die Bestohlenen erstatten Anzeige. Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln. Doch es gelingt den Strafverfolgern nicht, den Laden dichtzumachen. Deshalb finden immer mehr Leute den Weg ins illegale Kaufhaus, nehmen mit, so viel sie tragen können. Die Inhaber verdienen Millionen. Die Opfer gehen leer aus. Eine Räuberpistole? Mitnichten.

Das illegale Geschäft gibt es tatsächlich. Es ist so eine Art Kulturkaufhaus mit ähnlichem Sortiment wie Dussmann in Berlin. Doch anders als der renommierte Laden in der Friedrichstraße residiert "BoerseBZ" im Internet und macht über Links Raubkopien von E-Books, Filmen, Fernsehserien, Zeitungen, Zeitschriften, Computerspielen und Programmen zugänglich. Eine digitale Räuberbande also, die von Urheberrechtsverletzungen im großen Stil lebt.

Auf der Suche nach "PöserHacker"

Seit drei Jahren ermittelt die Kölner Staatsanwaltschaft gegen einen 25-jährigen Mann aus Nordrhein-Westfalen, der sich im Netz "PöserHacker" nennt. Er soll der Kopf der Bande sein. Doch die Ermittlungen treten auf der Stelle. Der Fall ist ein Paradebeispiel dafür, wie machtlos Polizei und Staatsanwaltschaft organisierter Kriminalität im Netz gegenüberstehen. Die Domain der Seite ist in Belize angemeldet. Der zentralamerikanische Staat gibt keinerlei Auskünfte über Domain-Inhaber. Ein Labyrinth von Servern, die im Ausland stehen, verwischt die Spuren von BoerseBZ und verhindert gleichzeitig, dass die Strafverfolger die Seite abschalten können. So boomt das Geschäft mit den Raubkopien vor den Augen der Staatsgewalt. BoerseBZ brüstet sich auf der eigenen Website mit inzwischen 2,6 Millionen Kunden.

Die Macher dürften mittlerweile einen zweistelligen Millionenbetrag ergaunert haben. Geld, um das sie Verlage, Autoren, Musiker, Filmschaffende, Programmierer und seriöse Händler prellen. Für 4,99 Euro können sich die Kunden über verschiedene Onlinedienste, sogenannte One-Click-hoster, 48 Stunden lang so viele Dateien runterladen, wie ihre Rechner speichern können. Wer 39,99 Euro zahlt, darf sich fast ein halbes Jahr schadlos halten. Eine "Premiumlaufzeit" von zwei Jahren kostet 99,99 Euro. Bezahlt wird anonym mit Paysafecards, die man an der Tankstelle kaufen kann. "Solche Plattformen sind die Pest", schimpft Ulrike Rodi vom Grafit-Verlag in Dortmund. "Wer sich Bücher oder andere Dateien illegal runterlädt, kauft sie nicht. Für uns kleine Verlage ist das eine echte Existenzbedrohung."

Der neue Bestseller in wenigen Stunden

2008 ging BoerseBZ ans Netz. Die Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen (GVU), die von der Film- und Unterhaltungsindustrie finanziert wird, setzte ein Team von sieben ehemaligen Kriminalbeamten auf die Piraten an. Die Ermittler waren verblüfft, mit wie viel krimineller Energie die Seite aufgezogen ist. Mitunter dauert es nur Stunden, bis die aktuellen Bestseller über BoerseBZ zum Download bereitstehen.

Die Mitglieder können nicht nur Raubkopien runterladen, sondern auch selbst welche hochladen und sie der Gemeinschaft "spenden". Es gibt sogar eine Seite für die "Presse", auf der über angeblich gewonnene Prozesse berichtet wird. In Wirklichkeit machen sich nicht nur die digitalen Räuber strafbar, sondern auch ihre Kunden. Mit jedem illegalen Download riskieren sie nicht nur teure Abmahnungen, sondern auch, vor Gericht gestellt zu werden. Und das kann teurer werden als jedes Angebot für eine "Premiumlaufzeit".

Erst Ende des vergangenen Jahres verurteilte das Amtsgericht Westerburg einen 21-jährigen Mann, der sich den James-Bond-Film "Skyfall" bei einer anderen Plattform illegal aus dem Netz geladen hatte, zu einer Geldstrafe von 600 Euro. Er musste außerdem die Verfahrenskosten zahlen. Und sein Rechner wurde eingezogen. "Lade niemals Dateien aus dem Internet, ohne dich zu schützen. Deine Identität kann ganz leicht zurückverfolgt werden", warnt BoerseBZ seine Mitglieder und bietet Links zu Software an, die Verbindungsdaten angeblich anonymisiert.

Ein Milchbubi ist der Herr der Raubkopien

Im Sommer 2010 verhalf ein Streit unter Hackern den die GVU-Ermittlern zum Durchbruch. "PöserHacker" hatte die Datenbank seiner ebenfalls illegalen Konkurrenz "mygully" gehackt und drohte nun, die Daten ins Netz zu stellen. Seine Drohung wurde zum Bumerang, BoerseBZ selbst gehackt, Interna wurden im Netz veröffentlicht.

Endlich bekam "PöserHacker" ein Gesicht. Das Foto, das die Ermittler von ihm im Netz aufstöberten, zeigte einen Milchbubi mit Schirmmütze. Er ist damals Anfang 20. Ehemalige Klassenkameraden erinnern sich, dass er lieber vorm Computer als auf der Schulbank saß. Nach dem Hauptschulabschluss lernte er keinen Beruf, zog mit 17 von zu Hause aus. Wovon er lebte, fanden die Ermittler nicht raus. Nur dass er ein Schweizer Nummernkonto hatte, von dem an einem einzigen Tag 175.000 Euro ausgezahlt worden waren. Über 50 Mitarbeiter sollten ihm zur Hand gehen. Doch es gelang den GVU-Ermittlern bis heute nicht, die Identität der mutmaßlichen Komplizen zu klären.

Im Februar 2011 übergab die GVU der Kölner Staatsanwaltschaft 800 Seiten Aktenmaterial und stellte Strafantrag gegen "PöserHacker". Vier Monate später, im Juni 2011, durchsuchte die Kripo die Wohnung des Mannes. Er bestritt, etwas mit BoerseBZ zu tun zu haben. Kurz nach der Durchsuchung setzte er sich in die Schweiz ab. Die Kölner Staatsanwaltschaft hatte keinen Haftbefehl gegen ihn beantragt. Ende Dezember feierte BoerseBZ ihren fünften Geburtstag – auf der Website prangte auch ein Dank an die "ehemaligen Mitarbeiter".

Dass es auch anders geht, zeigt das Ermittlungsverfahren gegen Kino.to in Sachsen. Die Generalstaatsanwaltschaft Dresden durchsuchte die Betreiber des illegalen Filmportals am selben Tag wie ihre Kölner Kollegen die Wohnung des "bösen Hackers". Die Dresdner nahmen die Verdächtigen allerdings fest und besorgten sich Haftbefehle. Im Sommer 2012 wurden die Männer von Kino.to zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Gegen "PöserHacker" sei kein Haftbefehl erwirkt worden, weil nur ein "einfacher", jedoch kein "dringender Tatverdacht" bestünde, sagt ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Köln. "Es ist halt ein sehr komplexes, schwieriges Verfahren." Ein Ende "sei noch nicht absehbar".

Unterdessen jettet "PöserHacker" um die Welt. "Morgen geht's nach Miami", twittert er. Und aus Südafrika: "Had a great time in Cape Town."

Für eine Stellungnahme waren weder er noch die Betreiber von BoerseBz zu erreichen.

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