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"Jeder muss lernen, mit Verantwortung zu leben"

Über 400 Millionen Nutzer veröffentlichen auf Facebook private Fotos und Informationen. stern.de sprach mit Facebook-Manager Richard Allan über Privatsphäre und den öffentlichen Menschen.

Wer wissen will, was Facebook mit seinen Daten anstellt, muss sich durch "Datenschutzrichtlinien", eine "Erklärung der Rechte & Pflichten" und die "Prinzipien" des 400 Millionen Mitglieder starken Netzwerks kämpfen - Hunderte von Zeilen lange Dokumente in Juristendeutsch. Boykottaufforderungen und Kritik aus der Bundesregierung haben die Diskussion erneut angefacht. Wie ernst nimmt Facebook den Datenschutz?

stern-Redakteur Dirk Liedtke sprach dazu mit Richard Allan, Director of Policy bei Facebook, mit Büro in London. Der ehemalige Parlamentsabgeordnete der Liberal Democrats und Internetexperte ist Ansprechpartner für Regierungen und Datenschützer - auch in Deutschland.

Mr. Allan, wie sieht die Datenschutzphilosophie von Facebook aus?

Facebook stellt eine Plattform zur Verfügung, die es Menschen erlaubt, miteinander in Verbindung zu treten und Informationen zu teilen. Facebook ist also nicht dafür gemacht, sich anzumelden und dann zu verstecken. Unsere Kernphilosophie ist die Kontrolle in den Händen der Nutzer. Die Werkzeuge dafür sind die bestmöglichen und so präzise wie möglich, sodass man eine Information innerhalb einer kleinen Untergruppe von Freunden teilen kann bis hin zur ganzen Welt.

Sind viele Nutzer in der Praxis damit nicht überfordert?

Wenn sie minderjährig sind, können sie maximal mit Freunden von Freunden teilen. Außerdem ist die Möglichkeit der Kontaktaufnahme und die Auflistung in Suchmaschinen beschränkt. Facebook ist eines der sichersten Internet-Ökosysteme, weil es größtenteils auf echten Menschen basiert, die ihre wahre Identität nutzen. Wenn jemand Ihr Freund werden möchte, bekommen Sie schnell ein Gefühl dafür, ob er echt ist.

Bei Tests hat Facebook eher schlechte Noten bekommen. Haben Sie nicht den Ehrgeiz, das sicherste soziale Netzwerk zu sein?

Diese Ergebnisse hängen oft von falschen Kriterien ab: Viele Nutzer machen willentlich und unter ihren eigenen Kontrolle viele Informationen öffentlich. Wir haben eines der stärksten Sicherheitsteams in der Branche. Unser Sicherheitschef hat etwa bei PayPal und als Staatsanwalt gearbeitet. Viele Mitarbeiter seines Teams kommen von Ermittlungsbehörden. Wir machen eher ein Geheimnis um unsere Sicherheitsheitsmaßnahmen, weil wir uns in einem Wettrüsten zwischen uns und den bösen Buben befinden.

Die Agenten des Wechsels umgeben uns überall

Bei der vorgeschlagenen Änderung der Nutzungsbedingungen, die von den Facebook-Nutzern diskutiert werden konnten, berufen Sie sich auf eine "Verschiebung der gesellschaftlichen Norm" beim Datenschutz. Trägt Facebook nicht am stärksten dazu bei?

Die Agenten des Wechsels umgeben uns überall. Das sind Digitalkameras, Mobiltelefone, Netbooks - all die Geräte, die jedem erlauben, Daten zu publizieren, öffentlich zu machen. Die Tochter eines Freundes von mir hat vor kurzem geheiratet, und innerhalb von 24 Stunden waren 300 Fotos der Hochzeit im Netz - von 50 verschiedenen Menschen hochgeladen. Das ist ein fundamentaler Wandel. Wir sind heute sowohl Fotografen als auch Fotografierte. Wir als Bürger erfassen selbst Daten.

Und Facebook ist die Supermacht in dieser neuen Welt?

Facebook ist nur ein maßgeblicher Spieler aber umfasst nicht den gesamten digitalen Kosmos. Unsere Erklärung der Rechte und Pflichten heißt so, weil die Verantwortung für die veröffentlichten Informationen beim Nutzer liegen muss. Die Plattform ist nicht die Quelle von Informationen, sondern Sie oder ich oder jeder von uns.

Ist das nicht eine Ausrede, weil durch die Marktmacht von Facebook viele Nutzer gar keine Alternativen sehen?

Ein fundamentaler Grundsatz von Facebook lautet: Die Nutzer besitzen die Daten, die sie online stellen. Es sind ihre Daten, die sie publizieren, und sie können entscheiden, diese zu entfernen. Ihre Fotos sind ihr Eigentum und gehören nicht Facebook. Die ganze Gesellschaft muss lernen, mit dieser Verantwortung zu leben: Wir sind alle Publizisten, und das verändert unser Verhältnis zu anderen Menschen. Und diese Balance zwischen dem Wunsch, Daten zu veröffentlichen und dem Schutz der Privatsphäre, dem Datenschutz, kann nicht nur im Dialog mit Facebook allein gefunden werden.

Verbraucherministerin Ilse Aigner kritisierte besonders die geplante Weitergabe von Nutzerdaten an Dritte. Steht das nicht im Widerspruch zur angeblichen Kontrolle der Nutzer über ihre Daten?

Die Änderungen beziehen sich auf Fälle, in denen sich Nutzer auf anderen Plattformen - etwa dem AOL-Messenger - mit ihrer Facebook-Identität anmelden. Diese bequeme Möglichkeit - "Facebook-Connect" - verbreitet sich immer mehr. Dieser Vorgang wurde missverstanden als die ungefragte Weitergabe von Daten. Dabei gibt es klare Verträge zwischen anderen Anbietern und uns. Im Übrigen begrenzen wir künftig den Zugang zu Nutzerdaten von Anwendungen innerhalb von Facebook wie Spielen (z.B. "Farmville") auf Basisinformationen. Damit haben wir auf Kritik von Mitgliedern reagiert.

Wie kommt die Kritik von Ministerin Aigner bei Facebook an?

Sie ist Teil der Kommentare, die unsere Nutzer zu den geplanten Änderungen abgeben. Darüber würde ich auch gerne mit Frau Aigner selbst sprechen. Dieser transparente Prozess ist außergewöhnlich für eine Internetfirma. Unsere Nutzer kontrollieren selbst den Dienst. Das ist eine Diskussion auf Augenhöhe. Die zweite geänderte Fassung nimmt die Anregungen der Facebook-Mitglieder auf.

Wie wird sich das Verständnis von Datenschutz verändern?

In diesem Jahr beginnt die Diskussion der EU-Datenschutzdirektive. Bislang drehten sich die Gesetze um große Organisationen und kleine Bürger. Die harte Arbeit wird sein, das Gleichgewicht zwischen Meinungsfreiheit und Datenschutz zu finden. Das sollte im Dialog mit den Nutzern geschehen. Wir haben mehr als alle anderen Internetfirmen getan, um Nutzer aufzuklären. Wir halten ihnen die Vorschläge direkt vor die Nase und lassen sie eine Wahl treffen.

Interview: Dirk Liedtke
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